Foto: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)
Lyrik hat es nicht gerade leicht in einer Welt, in der Nachrichten im Sekundentakt einprasseln, Meinungen sofort hinausposaunt und Gedanken gern auf Bildschirmgröße gestutzt werden. Gedichte laden zum Innehalten ein. Sie verdichten Gedanken und Gefühle, geben Erinnerungen, Verlust, Liebe oder Wut einen eigenen Raum und halten fest, was im Alltag oft zu schnell vorbeizieht. In seinem Band „Keine Geheimnisse“ macht Helmut B. Tuchel daraus ein lyrisches Tagebuch über Liebe, Erinnerung, Politik, Alter und das Gespräch mit Dichtern, die seit Jahrhunderten tot sind, dafür aber erstaunlich lebendig wirken.
1. Warum schreibt man heute noch Gedichte?
Helmut B. Tuchel: Menschen haben offenbar das Bedürfnis, sich auszudrücken – in Bildern, Musik, Literatur oder in dem, was sie bauen und herstellen. Bei mir gibt es meist einen Anlass. Etwas, das mich beschäftigt, freut, ärgert, manchmal auch nur ein Wort, das plötzlich da ist. Gedichte sind für mich eine Möglichkeit, etwas festzuhalten, bevor es sich verflüchtigt. Das kann ein Gedanke sein, eine Erinnerung, eine politische Zumutung, ein Verlust
2. Aber es wird doch etwas Besonderes an Gedichten, eben an Lyrik geben, das Sie anzieht?
Helmut B. Tuchel: Gedichte zu verfassen ist immer ein mitunter langer Moment des Innehaltens, des Beisichseins, weil außer Papier und Stift keine weitere Materie im Spiel ist. Für mich bedeutet das so etwas wie Yoga für den Geist. Eine Übung in Konzentration und eine konzentrierte Geistesübung.
Autor Helmut B. Tuchel // Foto: Jochen Rolfes
3. Ihr Band trägt den Untertitel „Ein lyrisches Tagebuch“. Was bedeutet das?
Helmut B. Tuchel: Die Gedichte stammen aus einem bestimmten Zeitraum meines Lebens, auch wenn manches, was ich in Worte fasse, bereits lange her ist. Insofern gibt es keine artifizielle Tonlage, sondern Brüche und Unterschiede. Das wollte und konnte ich nicht nachträglich glätten oder beseitigen. Von einem Tagebuch erwartet man ja auch nicht, dass jeder Tag denselben Ton hat. Es gibt das Beiläufige neben dem Ernsten, Privates neben Politischem, Liebe neben Ärger, Erinnerung neben Tagesgeschehen. Der Begriff Tagebuch erlaubt mir auch, verschiedene Register nebeneinander stehen zu lassen.
4. Haben Sie Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?
Helmut B. Tuchel: Wer Gedichte schreibt, weiß sich in einer jahrhundertelangen Tradition, die so einzigartig ist, dass man den Stift leicht sinken lässt. Selbst das Bild von den Zwergen auf den Schultern von Riesen wäre hier zu großspurig. In diesem Gedichtband standen Walther von der Vogelweide (um 1200), Oswald von Wolkenstein (um 1400), Eduard Mörike (1804-1875) und der unvergleichliche J.W. Goethe Pate. Mögen sie mit gnädigem Blick auf den Dilettanten schauen. Ich befinde mich hier in der Nachhut, am Ende der Schlange.
5. Manche Gedichte sind sehr direkt, besonders wenn es um Alter und Körperlichkeit geht. Zögern Sie nie, etwas zu deutlich zu sagen?
Helmut B. Tuchel: Beim Alter wird viel gelogen. Man spricht von Reife und Gelassenheit und davon, dass jedes Lebensalter seine schönen Seiten habe. Das stimmt sogar. Aber eben nicht nur. Der Körper wird älter. Er verändert sich. Man verliert etwas, anderes bleibt, manches wird einem plötzlich wichtiger. Warum sollte ein Gedicht darum herumreden?
6. Die Nachdichtungen sind ein Gespräch mit den Alten. Was reizt Sie daran?
Helmut B. Tuchel: Vielleicht dass ich sie dabei einmal anders behandeln darf als ein Literaturwissenschaftler. Eine Nachdichtung ist für mich deshalb auch keine Übersetzung. Natürlich muss ich den alten Text verstanden haben. Aber dann beginnt erst die eigentliche Arbeit. Das Gedicht muss im Deutschen von heute wieder funktionieren. Es muss einen Rhythmus bekommen, einen Ton, vielleicht einen Reim. Und manchmal muss man sich vom Wortlaut entfernen, um dem Gedicht näherzukommen. Dann antwortet man einem Menschen, der seit sechshundert oder achthundert Jahren tot ist. Das ist doch eine ziemlich coole Vorstellung.
7. Was kann ein Gedicht heute noch, was andere Formen nicht können?
Helmut B. Tuchel: Wenig sagen. Das ist heute ziemlich viel. Wir leben in einer Zeit, in der alles erklärt, kommentiert und noch einmal durchgekaut wird. Ein Gedicht kann sich das nicht leisten. Es muss Wörter sparen. Der Band heißt “Keine Geheimnisse”. Nicht weil darin nun sämtliche Geheimnisse meines Lebens verraten würden. Das wäre ziemlich langweilig. Er heißt so, weil man sich im Gedicht nicht hinter Wörtern verstecken kann.
Buchtipp
„Kleine Geheimnisse – ein lyrisches Tagebuch“
Helmut B. Tuchel
Das Buch ist z. B. hier erhältlich.
