Ingnahl Magadan: „Golgatha underground“, Leuchtkasten, 2022. © IM
Seit 2018 rückt Ingnahl Magadan mit ihrer Konzeptkunst zunehmend in den Blickpunkt des Kunstbetriebs. Die Düsseldorferin ist durch Rauminstallationen und Lichtobjekte hervorgetreten, entwirft aber auch Kleidung und Schuhobjekte als tragbare Kunst rund um Liebe, Tod und Transformation – das Kernthema in ihrem sich immer weiter ausbreitenden Kunst-Kosmos.
Nichts gegen stromlinienförmige Karrieren. Interessanter, eindrucksvoller aber sind häufig die Lebensläufe jener Quereinsteiger, die auf ihrem ureigenen beruflichen Terrain bereits Bemerkenswertes erreicht haben und gleichwohl beschließen, sich neu zu erfinden. Dass manch ein Beobachter angesichts einer Metamorphose, die herkömmliche Erwartungen konterkariert, die Brauen hochzieht, nehmen sie in Kauf.
Ingnahl Magadan im Künstlerinnenkleid „We are eternal (DNR)“, dahinter ihre beiden Leuchtkästen „Lady M I“ und „Lady M II“. Foto: Klaudia Taday
Eine solch unerschrockene Wanderin zwischen den Welten ist die Düsseldorfer Konzeptkünstlerin Ingnahl Magadan. Als forensische Psychiaterin genießt Nahlah Saimeh (so ihr bürgerlicher Name) hohes Ansehen. Der Freitod ihres Mannes Ingolf Timpner – der bekannte Düsseldorfer Fotokünstler sprang am 17. August 2018 von der Ruhrtalbrücke – erwies sich als tiefer Einschnitt in ihr Leben. Uns mag Timpners Tat schockieren. Sie hingegen begreift den präzise geplanten Akt als bewussten Übertritt in eine spirituelle Sphäre und als einen furiosen Akt der Liebe. In ihrer radikal unerschrockenen Art spricht sie gar vom „finalen performativen Meisterwerk von Ingolf Timpner“ (Saimeh/Magadan über Timpner).
Eine Fülle von Aktivitäten
Den Staffelstab von Ingolf Timpner aufnehmend, hat die Powerfrau in den vergangenen Jahren rund um Kunst und Kunstbetrieb eine Fülle von Aktivitäten entfaltet. Da ist zum einen die Bewahrung und Erforschung von Timpners tiefschürfender Fotokunst. So gründete sie die ITNS Nachlassverwaltung und den ITNS Verlag. Außerdem präsentiert sie sein vielschichtiges Werk regelmäßig in privaten Soireen („Private Review / Private Preview“).
Ingnahl Magadan: „Lady M I“, 2025. © IM
Aus dieser biographischen Zäsur ging die Künstlerin Ingnahl Magadan hervor. Was aber hat es mit ihrem Pseudonym auf sich? Handelt es sich bei „Ingnahl“ um die Kombination der Anfangsbuchstaben von Ingolf und Nahlah, so spielt der Nachname auf die historische Stätte Magdala am Westufer des See Genezareth an – ein weiterer, quasireligiöser Verweis auf ein Erweckungserlebnis, das für sie mit dem Tod Timpners einherging. Dass sie sich bewusst für ein Künstlerinnen-Pseudonym entschied, hat neben dem konzeptuellen Inhalt noch einen Grund: „Mit meinem Künstlerinnen-Namen“, erklärt Magadan, „will ich den Entstehungsmoment meiner Künstlerinnen-Identität benennen und zugleich klarstellen, dass meine Künstler-Person und mein Kunstschaffen vollkommen getrennt von meiner bürgerlichen Profession zu sehen sind.“
Dass sie die Nähe zu Mode und Lifestyle nicht scheut, zeigen ihre exquisiten, maßgeschneiderten Kunst-Kleider. Lebensentwürfe zum Anziehen, die mit frivoler Fashion-Zerstreuung nichts gemeinsam haben. Vielmehr nutzt Ingnahl Magadan Kleidung als eigenständiges, kritisches Medium der bildenden Kunst, um existentielle Themen wie Verwundbarkeit und Schmerz, Scham und Grausamkeit in den öffentlichen Raum zu tragen.
Ingnahl Magadan: „Just a casual comment on cruelty“, Mantel, 2023. Foto: Klaudia Taday
High Heels bevorzugt
Auch ihre Schuhobjekte – skulptural und sexy, High Heels bevorzugt – sind faszinierende Grenzgänge an der Schnittstelle von erotischer Aufladung und Metaphysik. Freilich wäre es verfehlt, Magadan als Lifestyle-Künstlerin zu charakterisieren – und auf diese Weise zu unterschätzen. Bedient sich die umfassend Gebildete doch einer Fülle von Techniken und Materialien, um ein Spektrum auszuloten, das über den Tellerrand des herkömmlichen Kunstrepertoires signifikant hinausreicht. Eros und Ewigkeit, Liebe und Tod, Mitgefühl und Spiritualität, all das und manches mehr schwingt mit in ihren Objekten; das Fluidum zwischen Allzumenschlichem und Transzendentem durchdringt auch ihre Rauminstallationen, Lichtobjekte, Neon-Arbeiten, Video-Performances und Fotografien.
Ingnahl Magadan: „Kleines Grauen (Idyll)“, 2023. © IM
Lyrik-Debüt mit „Gelächter kreuzförmig“
Angesichts dieser Vielseitigkeit überrascht es kaum, wenn man erfährt, dass die Künstlerin im vergangenen November ihren ersten Band mit eigenen Gedichten veröffentlicht hat. Dass der renommierte Düsseldorfer Goldschmiedekünstler Georg Hornemann sechs Arbeiten als bildnerische Resonanz beigesteuert hat, unterstreicht die Ernsthaftigkeit ihres künstlerischen Diskurses. „Gelächter kreuzförmig“ handelt – wie ihre Kunst – von Verlust, Trauer und Vergänglichkeit, aber vor allem von der Unzerstörbarkeit der Liebe. Von Lamento keine Spur. „Was wir ‚Tod‘ nennen“, bekräftigt die Künstlerin, „ist nur ein transitorischer Korridor, nur eine Art ‚Antichambre‘ von einer Seinsform mit dualistischem Bewusstsein in eine non-dualistische Ewigkeitsform unserer selbst. So ist Kunstschaffen für mich auch eine freudige Lust, mit dem ‚Tod‘ als einem klugen, unbarmherzigen wie humorvollen Lehrmeister und Freund zu spielen.“
Die Beatles brachten es mit „All You Need Is Love“ auf den Punkt. Ingnahl Magadan verweist in ihrer Rauminstallation „Golgatha underground“ auf die gleiche Botschaft: „It’s all about love, honey“.
Ingnahl Magadan
// Dr. Nahlah Saimeh, geboren 1966 in Münster, studierte Humanmedizin in Bochum und Essen, war von 2000 bis 2018 Chefärztin und Ärztliche Direktorin in zwei Kliniken für Forensische Psychiatrie und ist seit 2018 als Sachverständige selbständig.
// 2018 Gründung der ITNS Nachlassverwaltung zur Erforschung und Präsentation des Werks des Düsseldorfer Fotokünstlers Ingolf Timpner (1963–2018).
// 2023 Gründung des ITNS Verlags Düsseldorf.
// 2018 Beginn der künstlerischen Laufbahn unter dem Pseudonym Ingnahl Magadan.
