v.l. Christina Smereczinski, Prokuristin, Risikocontrollerin und Mitkoordinatorin der ICF, ICF-Gründerin Nicole Riggers, Abteilungsdirektorin und Gleichstellungsbeauftragte sowie Thorsten Ziemann, Bereichsleiter Personal // Fotos: Klaus Richter

2014 begann bei der IKB Deutsche Industriebank AG mit einem Treffen von 25 Frauen, was heute fest im Unternehmen verankert ist: die ICF, Initiative Chancengleichheit für Frauen. Entstanden ist daraus weit mehr als ein Frauennetzwerk. Es geht um Sichtbarkeit und Karrierechancen, Mentoring und neue Arbeitsmodelle – und um einen Kulturwandel in einer traditionell männlich geprägten Branche. Wir sprachen mit ICF-Gründerin Nicole Riggers, Abteilungsdirektorin und Gleichstellungsbeauftragte, Christina Smereczinski, Prokuristin, Risikocontrollerin und Mitkoordinatorin der ICF, sowie Thorsten Ziemann, Bereichsleiter Personal, darüber, was sich bereits verändert hat, wo noch Luft nach oben ist – und warum Chancengleichheit auch eine Frage der Wertschöpfung ist.

Frau Riggers, Sie haben die ICF 2014 ins Leben gerufen. Was gab damals den Anstoß?

Nicole Riggers: Als ich 2010 als Betriebsrätin in die Freistellung kam, wurde ich immer wieder von Frauen zu Themen wie Entlohnung oder Entwicklungsmöglichkeiten angesprochen. Der Finanzsektor war historisch stark männerdominiert, Frauen in Führungspositionen entsprechend unterrepräsentiert. 2014 habe ich deshalb Frauen eingeladen, die bereits Verantwortung übernommen hatten. Mich interessierte zunächst: Was bewegt diese Frauen? Was brauchen sie?

Bei unserem ersten Treffen saßen rund 25 Frauen zusammen, von denen viele schon lange bei der IKB arbeiteten, sich aber noch nie persönlich begegnet waren. Einige sagten: „Wir haben schon so oft miteinander telefoniert, aber noch nie zusammengesessen.“ Das war ein echter Gänsehautmoment.

Wir schreiben das Jahr 2026 und sprechen noch immer über Chancengleichheit. Warum geht es so langsam voran?

Christina Smereczinski: Das ist auch eine Frage der Perspektive. Verglichen mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen von Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten ist viel passiert. Sorge macht mir eher, dass wir teilweise Rückschritte erleben und traditionelle Rollenbilder wieder an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wundert mich, dass Chancengleichheit in Unternehmen noch immer häufig als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird – und weniger als Frage der Wertschöpfung. Unternehmen brauchen unterschiedliche Perspektiven, Talente und Erfahrungen.

Wo steht die IKB heute? Lässt sich die Entwicklung auch in Zahlen ablesen?

Thorsten Ziemann:  Auf der zweiten Führungsebene lag der Frauenanteil vor fünf Jahren bei ungefähr sieben Prozent, heute sind es 22 Prozent. Sind wir damit am Ziel? Nein. Aber für eine Corporate Bank, in der rund zwei Drittel der Beschäftigten Männer und ein Drittel Frauen sind, ist das eine deutliche Entwicklung.

„Man muss die Flamme immer am Brennen halten.“
Nicole Riggers, Abteilungsdirektorin, Gleichstellungsbeauftragte und Gründerin der ICF

Diversity, Chancengleichheit, Female Leadership – an diesen Begriffen mangelt es deutschen Unternehmen nicht. Woran erkennt man, dass es bei der IKB um mehr als ein Bekenntnis geht?

Nicole Riggers: Vor allem an der Unterstützung des Topmanagements. Ich habe von Beginn an ein eigenes Budget eingefordert, denn eine Initiative, die ernst genommen werden soll, kann nicht ausschließlich nebenbei stattfinden. Dieses Budget wurde auch in schwierigen Zeiten nicht gestrichen. Und unsere Arbeit für die ICF ist Arbeitszeit. Das klingt selbstverständlich, ist es aber in vielen Unternehmen nicht.

Welche Maßnahmen hat die Initiative angestoßen?

Nicole Riggers: Ein wichtiges Thema war von Beginn an Mentoring. Daraus ist ein Angebot entstanden, das heute fest in die Personalentwicklung integriert ist. Hinzu kommen Workshops und Veranstaltungen zu Führung, Unternehmenskultur, unbewussten Vorurteilen und zur Arbeitswelt der Zukunft – für Frauen, aber auch für die gesamte Bank.

Thorsten Ziemann: Mentoring gehört inzwischen zu unserem Standardrepertoire, z. B. für neue Mitarbeitende. Das gilt für Frauen und Männer, für jüngere und ältere Mitarbeitende.

Christina Smereczinski: Hinzu kommt etwas, das sich schwer in Kennzahlen ausdrücken lässt: Die ICF schafft ein Netzwerk, Frauen aus unterschiedlichen Bereichen und Hierarchieebenen lernen sich kennen, unterstützen sich und machen sich gegenseitig Mut.

„Chancengleichheit ist nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern eine Frage der Wertschöpfung.“
Christina Smereczinski, Prokuristin, Risikocontrollerin und Mitkoordinatorin der ICF

Wo sehen Sie bei der IKB selbst noch Nachholbedarf?

Nicole Riggers: Mein persönlicher Wunsch wäre gewesen, während meiner Zeit bei der IKB einmal eine Frau im Vorstand zu erleben. Das ist bislang nicht passiert. Unterhalb des Vorstands hat sich dagegen viel verändert. Wir hatten bereits mehrere Frauen in Bereichsleitungen und inzwischen erstmals eine Frau an der Spitze der IT – ein Bereich, der bei der IKB über Jahrzehnte männlich geprägt war. 

 

Ist der Begriff „Frauenförderung“ vielleicht sogar irreführend? Er suggeriert schließlich, Frauen hätten ein Defizit, das man beheben müsse.

Nicole Riggers: Mit dem Begriff „Förderung“ hadere ich schon lange. Bildungsabschlüsse und Studienleistungen zeigen seit Jahren, dass Frauen keineswegs ein Kompetenzdefizit haben. Ich spreche deshalb lieber von Angeboten zur Persönlichkeitsentwicklung und von Unterstützung. Das schließt Männer genauso ein.

Chancengleichheit wird trotzdem erstaunlich häufig als Frauenthema behandelt. Welche Verantwortung haben gerade Männer in Führungspositionen?

Thorsten Ziemann: Eine sehr große. Bei uns sind Männer in der Überzahl. Viele entscheidende Führungspositionen sind entsprechend männlich besetzt. Führungskräfte haben Einfluss auf Besetzungen, Entwicklungswege und vor allem auf Sichtbarkeit.

Wie wichtig sind männliche Unterstützer für weibliche Karrieren? Braucht es in der Realität noch immer jemanden in einer einflussreichen Position, der eine Tür öffnet?

Christina Smereczinski: Ich würde gar nicht von männlichen Unterstützern sprechen, sondern von Unterstützern. Die brauchen wir alle. Weil bei der IKB viele Führungskräfte Männer sind, sind es momentan natürlich häufig Männer, die solche Türen öffnen können.

Sobald über Frauenquoten gesprochen wird, fällt fast zwangsläufig der Satz: „Am Ende sollte der Beste den Job bekommen.“ Warum kommt dieses Argument so zuverlässig, wenn es um Frauen geht?

Nicole Riggers: Wenn fair beurteilt wird, wer die beste Person für eine Position ist, ist gegen diesen Satz überhaupt nichts einzuwenden. Problematisch wird es, wenn wir übersehen, dass wir Menschen häufig bevorzugen, die uns selbst ähnlich sind. Das ist ein ganz menschlicher Reflex. Deshalb haben wir uns bei der IKB schon früh mit „Unconscious Bias“, also unbewussten Vorurteilen, beschäftigt. Auch ich habe bei mir selbst solche Muster entdeckt. Niemand ist frei davon.

Haben Frauen noch das Gefühl, ihre Kompetenz stärker beweisen zu müssen als Männer?

Christina Smereczinski: Teilweise schon. Gleichzeitig trauen sich Frauen manches weniger schnell zu. Das kenne ich von mir selbst: Man denkt, die eigene Leistung reiche nicht – und bekommt von außen gespiegelt: „Das sind doch längst 120 Prozent. Was ist eigentlich dein Problem?“

Kann man bei der IKB auch mit reduzierter Arbeitszeit ernsthaft Karriere machen?

Thorsten Ziemann: Davon bin ich überzeugt – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Die Arbeitswelt hat sich stark verändert. Früher war Anwesenheit ein wichtiges Kriterium: morgens früh da sein und abends möglichst spät gehen. Allein durch mobiles Arbeiten spielt das heute eine viel geringere Rolle.

Chancengleichheit ist weder ein Frauenthema noch ein HR-Projekt, es ist ein Führungs- und Kulturthema.
Thorsten Ziemann, Bereichsleiter Personal, IKB Deutsche Industriebank AG

Gab es in Ihrer eigenen Karriere einen Moment, in dem Sie gedacht haben: „Das wäre einem Mann jetzt vermutlich nicht passiert“?

Christina Smereczinski: Ich kann glücklicherweise sagen: Nein. Und gleichzeitig weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist und dass andere Frauen solche Erfahrungen gemacht haben. 

Wäre der größte Erfolg der Initiative am Ende nicht, dass sie sich selbst überflüssig macht?

Nicole Riggers: Auf den ersten Blick könnte man das sagen. Ich denke nicht, dass das das richtige Ziel ist. Wir erleben gerade, dass gesellschaftliche Entwicklungen nicht automatisch immer nur in eine Richtung gehen. Errungenschaften können auch wieder infrage gestellt werden. Deshalb muss man die Flamme am Brennen halten. Umso glücklicher bin ich, dass die ICF weitergeführt wird, wenn ich die IKB verlasse, und dass Christina Smereczinski diese Aufgabe übernimmt. Auch vom Unternehmen gibt es das klare Commitment, dass es weitergehen soll.

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