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Kunst oder Notwendigkeit?
Wer heute von Diplomatie spricht, meint in aller Regel die Kunst friedlicher Verständigung. Vor allem bei Verhandlungen zwischen Staaten zum Ausgleich ihrer teils gegenläufigen Interessen, aber zunehmend auch im Geschäfts- und Wirtschaftsleben wird auf Diplomatie gesetzt. Gutgekleidete Männer, seltener Frauen, posieren in repräsentativen Räumlichkeiten. In der Medienlandschaft kursieren Bilder von langen Verhandlungen, Gipfeltreffen, diskreten Gesprächen hinter verschlossenen Türen. Es ist die Rede von der Einbestellung von Botschaftern, von Verträgen und dem Überreichen von Noten. In vorsichtig formulierten Erklärungen, so genannten Kommuniqués, werden Ergebnisse mitgeteilt, bei denen sich keine Partei etwas vergibt.
Ambivalenz der Diplomatie
Doch der Begriff hat auch seine Schattenseite. Diplomatie gilt auch als die Sprache der Ausflüchte, als höflich maskierte Form des Machtkampfs, als Ritual der Beschwichtigung und der verdeckten Vorteilsnahme. Kaum ein politischer Begriff schwankt so stark zwischen Vernunft und Hinterlist. Die erfolgreichsten diplomatischen Leistungen sind mutmaßlich diejenigen, von denen die Öffentlichkeit nie erfahren hat. Der Ruhm der Politiker, denen das Etikett des bedeutenden Diplomaten angehängt wurde – Talleyrand, Metternich, Bismarck, Kissinger u. a. – er beruht zu einem guten Teil auf der Arbeit ihrer Untergebenen im diplomatischen Dienst. Dieser rekrutierte sich vornehmlich aus dem europäischen Adel und den aufkommenden bürgerlichen Eliten.
Das Wort „Diplomatie“ geht auf das griechische δίπλωμα (diploma) zurück. Ursprünglich war damit ein „gefaltetes Schriftstück“ gemeint. In der antiken Welt wurde darunter eine Urkunde, ein Geleitbrief oder ein Privileg verstanden. Das Dokument verlieh seinen Trägern Rechte, Vollmachten und einen besonderen Schutz. Im Lateinischen wurde daraus das diploma, eine durch staatliche Autorität beglaubigte Urkunde.
Im Europa der Neuzeit verstand man unter „Diplomatie“ zunächst den Umgang mit Urkunden, Verträgen und Archivalien. Der Diplomat war demnach nicht der geschmeidige Unterhändler, sondern der Aussteller und Verwalter offizieller Vollmachten und Dokumente. Im 18. Jahrhundert verlagerte sich die Bedeutung allmählich auf jenen Personenkreis, der damit beauftragt war, zwischen Dynastien, Herrschern und Staaten zu vermitteln.
Regeln der Diplomatie
Diplomatie im heutigen Sinn hat ihre Wurzeln nicht im moralischen Idealismus, sondern in anwachsenden staatspolitischen Erfordernissen. Wo Mächte aufeinander trafen, Handelspartner, Besitzansprüche, Religionen und Dynastien miteinander in Konflikte gerieten, brauchte man Regeln und Experten, die ausgearbeitete Formen kontrollierter Kommunikation beherrschten. Diplomatie in diesem Sinn sollte und konnte der gesichtswahrenden Beilegung von Konflikten und der Vermeidung militärischer Eskalationen dienen.
Diplomatische Anstrengung setzt freilich voraus, dass Kontrahenten überhaupt noch miteinander sprechen wollen. Ein Minimum an gegenseitiger Anerkennung ist erforderlich – selbst zwischen strikt verfeindeten Parteien. Wo dieses Minimum zerbröselt, ideologische Verabsolutierung oder totaler Vernichtungswille obsiegen, verliert Diplomatie ihren Gestaltungsraum. Diplomatiegeschichte ist deshalb immer auch eine Geschichte des Scheiterns der Vernunft.
Das 20. Jahrhundert hat dies in radikaler Form sichtbar gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg galt Diplomatie weithin als diskreditiert: geheime Bündnisse, Intrigen und Kabinettspolitik schienen Europa in die Katastrophe geführt zu haben. Nach 1938 wiederum war den NS-Ideologen Diplomatie selbst Synonym für Schwäche. Als „Appeasement“, das einem expansiven Regime Vorteile verschaffte, ist Diplomatie ebenfalls in Verruf geraten. Und dennoch: Die moderne Weltordnung wäre ohne diplomatisch errungene Lösungen nicht entstanden.
Sowohl bei der Kontrolle nuklearer Waffen als auch bei der Entschärfung globaler Krisen ist Diplomatie unentbehrlich und sollte weiterhin unverzichtbar sein. Sie ist von Kuba über Kiew bis Teheran, um nur diese Brandherde zu nennen, keineswegs alternativlos. Nur wenigen scheint im Moment jedoch bewusst zu sein, was diese andere Option bedeutet. Daran sollte aber angesichts des offen zur Schau getragenen Diplomatieverzichts der politischen Entscheidungsträger hierzulande nachhaltig erinnert werden.
Friedensschlüsse und internationale Kooperation beruhen letztlich nicht auf „gemeinsamen Werten“, sondern auf der mühseligen Kunst, Gespräche auch im Konflikt führen zu können. Vielleicht liegt die unersetzliche Bedeutung der Diplomatie gerade in der zivilisatorischen Einsicht, dass selbst unversöhnliche Gegner miteinander reden müssen, wenn als Alternative nur die militärische Gewalt, die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ (von Clausewitz) bleibt.
