Fotos: Jochen Rolfes

Uta Raasch und die Welt der Mode

Wir treffen uns im Atelier der Modedesignerin Uta Raasch in Düsseldorf-Oberkassel mit Blick auf die Rheinwiesen. Sie ist fast fertig – bis auf riesige rosa Lockenwickler im Haar. „Ausstrahlung kommt von innen“, lacht sie. Einen Termin bekamen wir zwischen den Drehtagen bei QVC. 1979 fotografierte Helmut Newton ihre Mode vor dem Brandenburger Tor für die erste Ausgabe der deutschen Vogue – das war wie ein Ritterschlag. Aus Uta Raasch wurde eine international erfolgreiche Marke, doch die Designerin blieb Düsseldorf stets treu. Im Juni feiert ihre Marke Strandfein ihr zehnjähriges Jubiläum und sie selbst ihren 80. Geburtstag.

Du bist seit zehn Jahren mit Strandfein exklusiv bei QVC und die erfolgreichste Designermarke für Frauen des Live-Shopping-Anbieters. Wie schaffst du das?

Uta Raasch: „Ich designe Mode und Accessoires, die ich selbst gut finde und hinter denen ich stehe. Wir feiern das Jubiläum im Übrigen ganz groß am 26. Juni mit den treuesten Kundinnen auf dem Rheinschiff MS Riverstar, passend zum Anker im Logo von Strandfein. Wir legen am Messeparkplatz Süd ab. An Bord gibt es neben einer Riesenparty eine Fashion Show und eine Performance mit Zeichnungen aus verschiedenen Epochen. Wir wollen zeigen, wie Modegeschichte entsteht: von der Zeichnung über den Entwurf bis zum fertigen Teil. Ich zeichne ja noch mit der Hand.“

„Wer nur von Erfolgen erzählt, der erzählt keine wahre Geschichte.“
Uta Raasch, Modedesignerin

Was inspiriert dich für deine Kollektionen?

Uta Raasch: „Alles. Ich bin ein visueller Typ. Ich nehme ständig neue Eindrücke auf: Kunstgeschichte, Modegeschichte, Zeitgeschichte, Filme. Der Film ,Out of Africa‘ (Jenseits von Afrika) zum Beispiel hat mich sehr inspiriert. Aber auch Street Fashion, die Natur, die Farben der Blumen oder Musik inspirieren mich.“

Es gab bereits zwei Strandfein Pop-up-Stores in Oberkassel, sollen noch weitere folgen?

Uta Raasch: „In Planung ist ein Pop-up-Store bei Breuninger, unser Fiat 500 by riva mit der Aufschrift STRANDFEIN on tour… gefüllt mit strandfeinen Produkten. Ich bin dann auch gerne mal selber dabei, weil ich dort direkt mit den Kundinnen ins Gespräch komme. So erfahre ich aus erster Hand, was sie begeistert, was ihnen wichtig ist und welche Wünsche sie haben. Gleichzeitig arbeite ich gemeinsam mit QVC daran, die Marke auf den sozialen Plattformen weiterzuentwickeln und neue Zielgruppen anzusprechen. Ich mache meinen Instagram- und Facebook-Account noch persönlich, TikTok und YouTube sind in Planung. Man muss mit der Jugend mitgehen, sonst fällst du mit deinen Kunden irgendwann aus dem Raster.“

Du hattest in den 90er-Jahren zwei Jahre lang eine Gastprofessur am Royal College of Art in London, hast für italienische Häuser designt, hattest Boutiquen in Düsseldorf, Hamburg und auf Sylt, Showrooms in Tokio, Osaka und Kyoto. Wo und wie fing deine Karriere an?

Uta Raasch: „Das war 1979 auf der Igedo in Düsseldorf mit meiner ersten Uta M. Raasch-Kollektion. Es waren nur wenige Teile: Blusen, Stufenröcke, Blazer und Pullis aus Spitze, Seide, Wolle und Leder in pudrigen, weich gebrochenen Farben. Ich hatte kein Geld für einen eigenen Stand, weil wir unser gesamtes Barvermögen in die Kollektion gesteckt hatten. Mein Mann Jonas und ich schmuggelten die 15 Teile bei den italienischen Ständen unter. Und dann kam Rixa von Treuenfels, die Chefredakteurin der neuen Vogue Deutschland, auf der Suche nach deutschen Designern. Meine Mode landete in der Titelstory der Erstausgabe, fotografiert von Helmut Newton vor dem Brandenburger Tor. Das war der Durchbruch. Danach ging alles sehr schnell, ich bekam Designerverträge in Italien, ich war die erste, die außerhalb der Messe in Düsseldorf einen Showroom hatte, ein Bauhaus Haus, in dem alles weiß war, die Ausstattung, unser Outfit und unsere Autos.“

Was unterscheidet eine Designerin von jemandem, der Kleider entwirft?

Uta Raasch: „Du musst ein Gespür für den Zeitgeist haben, für Materialien, für die Frau, die du anziehst. Ich habe als Übersetzerin auf Modemessen angefangen, habe als Model gearbeitet. Stoffe in Como mit den Händen gefühlt. Das hat mich geformt. Heute wird alles fotografiert, alles am Computer entworfen. Das Handwerk verschwindet. Und mit dem Handwerk verschwindet auch das Gespür. Die Idea Como, die Stoffmesse in Como mit hochwertigen Stoffen aus Seide, ist mittlerweile Geschichte. Aber genau das war unsere Welt: Wolfgang Joop, Jil Sander und ich – wir haben in kleinen Cafés gesessen und unsere Inspirationen gezeichnet. Handys gab es damals nicht.“

Was verbindet dich mit Wolfgang Joop? In deinem Buch steht der Satz von ihm: „Du mit deinen Fetzenröcken und handgezwickten Pullovern“ …

Uta Raasch: Ja, damit hat er mich gerne aufgezogen, aber wir sind auf einer Wellenlänge. Er ist ein begnadeter Zeichner. Wir haben uns damals angefreundet und uns immer geachtet. Karl Lagerfeld habe ich auch auf der Idea Como kennengelernt. Er hatte mich verwechselt und dann zum Kaffee eingeladen. Ich habe mit offenem Mund diese Einladung angenommen – für mich war Karl Lagerfeld ein Genie, ein Mode-Gott. Und dann Jahre später mit ihm und Vivienne Westwood und Donna Karan beim Galadinner des Royal College of Art am Tisch zu sitzen, das war für mich eines der ganz großen Erlebnisse. Was er geleistet hat, ist genauso schwer wie etwas neu zu machen: Er hat das Erbe von Coco Chanel weiterkultiviert, für das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert neu gedacht. Das wird es so nicht mehr geben. Ich vermisse diesen außergewöhnlichen Designer sehr in der Welt der Mode.“

Apropos Fetzenröcke, du warst in der Modewelt bekannt für deine Stufenröcke. Wie viele Meter Stoff stecken da drin?

Uta Raasch: „Vierzehn Stufen, für die wir neun Meter Stoff brauchten. Eine Agentur hat einmal ausgerechnet, dass wir mit den Stoffmengen zweimal die Erde umspannt haben. Die Inspiration kam von den schwingenden Flamenco-Röcken. Der Rock wurde nass ausgewrungen, zu einem kleinen Knoten geformt und so getrocknet für den Crincle-Effekt. Dazu trug man lässige handgestrickte Pullover mit Golfspielern, Hasen, Ankern und Strandhäuschen. Ich war die erste, die solche Intarsien auf Strick zeigte. Die wurden von fast 300 Frauen in Heimarbeit handgestrickt. Das war unser absolutes Key-Piece.“

Was würdest du jungen Unternehmerinnen in der Modebranche raten und wovon abraten?

Uta Raasch: „Ich hüte mich grundsätzlich davor zu sagen: Mach es nicht. Wenn jemand wirklich ein überdimensionales Talent hat, dann soll er es machen. Aber ich würde heute eher abraten, weil die Infrastruktur fehlt: die Schulen, die Manufakturen, die Messen, das Zeichnen von Hand. Was ich ebenfalls nicht mehr so sehe ist das Durchhaltevermögen und die Disziplin. Wir Nachkriegskinder waren anders trainiert: bescheiden zu sein, dankbar zu sein und dranzubleiben.

Uta Raasch in ihrem Atelier in Düsseldorf, 1980 // Foto: Studio Bayer

Apropos Disziplin: Du warst Dressurreiterin, Klasse S. Kommt daher die Haltung?

Uta Raasch: „Mit Sicherheit. Disziplin habe ich schon aus dem Elternhaus mitbekommen, aber der Reitsport hat das vertieft. Du hast kein Sportgerät aus Stahl und Holz, sondern ein Tier. Die Harmonie zwischen Kreatur und Mensch zu finden, das ist die große Herausforderung. Das ist etwas, das ich großartig am Reitsport fand.“

Dein Buch „Was für ein Leben“ ist vergriffen. Arbeitest du an einer zweiten Auflage oder an einem zweiten Buch?

Uta Raasch: „Das Konzept für ein zweites Buch steht schon. Ich kann die letzten zehn Jahre unmöglich auslassen. Nach der Pandemie hat sich so vieles verändert: das Arbeitsverhältnis, die Arbeitseinstellung, die gesamte Gesellschaft. Wir teilen die Zeit nicht mehr in Jahre ein, sondern in vor Corona und nach Corona.“

In deinem Buch schreibst du von Höhen und Tiefen. Wie schnell bist du nach einem Schiffbruch wieder aufgetaucht?

Uta Raasch: „Drei Tage habe ich in einem Loch gesessen und geweint, getrauert, aber mich dann selbst am eigenen Schopf wieder rausgezogen. Das ganze Leben besteht aus Höhepunkten und Niederlagen. Man klopft den Sand von den Schultern, richtet das Krönchen und macht weiter. Wer nur von Erfolgen erzählt, der erzählt keine wahre Geschichte.“

Wohin geht es in der Modebranche? Werden die Kunden weiter Billigmode kaufen oder weniger kaufen und dafür aus Europa?

Uta Raasch: „Es wird immer Sünder geben. Aber das Gros ist schon sehr umweltbewusst. Und für mich ist Nachhaltigkeit keine Marketingstrategie, sondern Charaktersache. Fairtrade, zertifizierte Materialien – das sind bei mir Vertragspunkte. Wir haben alle erlebt, was in Bangladesch passiert ist, als Fabrikgebäude einstürzten und Modefirmen-Labels in den Trümmern gefunden wurden. Da ist jeder irgendwo mit schuldig gewesen. Ich will das nicht sein.“

Mit welchen Kleidungsstücken ist eine Frau immer gut gekleidet?

Uta Raasch: „Mit Jeans und einer weißen Bluse oder einem weißen T-Shirt. Und wenn es offiziell ist, ein Anzug – aber aus lässiger, komfortabler Ware, mit der du trotzdem gut angezogen aussiehst, ohne auszusehen als ob du zur Bank gehst, um nach Geld zu fragen.“

Du feierst am 15. Juni deinen 80. Geburtstag, arbeitest seit 60 Jahren, fünfzig davon als Designerin. Alle reden vom Renteneintrittsalter, du arbeitest einfach weiter. Weil du nicht anders kannst?

Uta Raasch: „Absolut. Für mich ist einfach alles Inspiration. Und ich glaube, das ist auch ein Jugendlichkeitsfaktor, der nicht zu unterschätzen ist: Ich mache einfach. Da fragt keiner mehr, schaffst du das?“ 

Helmut Newton fotografierte 1979 Uta Raasch-Mode vor dem Brandenburger Tor für die Titelgeschichte der ersten VOGUE Germany,  Copyright: Helmut Newton (Was für ein Leben,  S. 72 f.)

Du bist schon in der Longevity-Phase, wie sieht die aus?

Uta Raasch: „Ich stehe um halb sieben auf, manchmal auch früher. Als erstes trinke ich ein Glas warmes Zitronenwasser, dann gehe ich an den Rhein mit August dem Starken, meinem Jack Russell. Danach geht es für dreißig Minuten auf die Matte mit einer Kombination aus Yoga, Pilates und Stretching, manchmal mache ich abends noch eine zweite Session, weil ich geradezu süchtig nach diesem Ritual bin. Gegen neun oder zehn Uhr esse ich zwei Mandeln, zwei Datteln und ein weichgekochtes Ei. Um elf trinke ich den ersten Espresso, wegen Laktoseintoleranz leider keinen Milchkaffee mehr. Mittags ist dann die Hauptmahlzeit, abends Schmalhans Küchenmeister. Als nächstes kommt noch Krafttraining in einem Physiotherapiezentrum dazu – Muskelaufbau ist in meinem Alter wahnsinnig wichtig. Und einmal im Jahr mache ich eine Entgiftungskur bei Mayrlife im Salzkammergut. Das ist Detox für Körper, Geist und Seele. Handy weg und aller digitaler Kram – einfach mal alles weg. Im Sommer wandere ich dort, im Winter gehe ich über den zugefrorenen Altaussee und höre, was unter dem Eis passiert. Das ist schon magisch.“

Und dann gibt es in diesem Jahr auch noch deinen 5. Hochzeitstag mit dem Mann, den du 1968 schon einmal geheiratet hast …

Uta Raasch: „Stimmt, das mit dem Hochzeitstag hatte ich gar nicht so auf dem Schirm. Wir sind 2016 geschieden worden und haben 2021 zum zweiten Mal geheiratet. Mein Mann Jonas macht das sehr geschickt: Er zählt die Zwischenzeit überhaupt nicht, obwohl zwei Männer dazwischen waren. Für ihn ist unsere Ehe durchgehend. Er wird 2028 unseren 60. Hochzeitstag feiern und ich feiere einfach mit.“ 

Du pendelst zwischen Düsseldorf und der Lüneburger Heide, wo Jonas lebt, was ist euer zweites Eherezept?

Uta Raasch: „Man kennt sich und man lässt sich – das ist mein absoluter Lieblingssatz und das Wunderrezept für eine spätere Liebe. Jeder hat sein Schlafzimmer, sein Bad, seine Küche. Das Waldarbeiterhäuschen ist von 1837. Gegessen wird bei mir in der Tenne, wegen des Kaminofens und der Gemütlichkeit. Jonas hat sich ein kleines Kino eingerichtet, wir schauen alte Filme, hören klassische Musik, lesen. Es ist sehr harmonisch und sehr bewusst.“

Käme die berühmt Fee aus dem Märchen mit den drei Wünschen. Welche wären das?

Uta Raasch: „Gesund, dynamisch und neugierig zu bleiben. Noch viel Zeit mit Jonas zu verbringen. Und meinen dritten Wunsch würde ich gar nicht für mich selbst nutzen. Die gute Fee soll ihren Zauberstock über die ganze Welt halten und Frieden bringen. Diese Kriege belasten mich sehr, deswegen höre ich schon keine Nachrichten mehr. Für meine Kinder und Kindeskinder möchte ich, dass man wieder überall hinreisen kann ohne Angst und dass jeder zu essen hat und jeder Mensch zufrieden ist.“

Uta Raasch

// Uta Raasch, geboren als Uta-Maria Bays 1946 in Michelbach (Bayern), wuchs in Essen auf, besuchte das katholische Mädchengymnasium in Essen-Werden, blieb bis zur mittleren Reife.

// Eine Ausbildung an der Folkwangschule verweigerte ihr der Vater, Sanitärgroßhändler Richard Bays, stattdessen musste sie eine Banklehre machen – 1963 als einziges Mädchen.

// Im selben Jahr lernte sie Jonas Raasch kennen. Sie heiraten 1968. 1972 wird Tochter Nicola geboren, 1976 Sohn Florian.

// Raasch besuchte eine Dolmetscherschule, bekam einen Job als Messehostess in Paris, wurde Schuh-Model, entwarf Seidentücher, reiste nach Italien. In den 1980-er Jahren wurde sie eine der bekanntesten deutschen Modedesignerinnen und bekam 1994 eine Gastprofessur am Londoner Royal College of Art verliehen.

// Die Strandfein GmbH führt sie gemeinsam mit ihrem Sohn Florian.

// Uta Raasch lebt in Düsseldorf und in der Lüneburger Heide.

Buchtipp

Was für ein Leben …

Uta Raasch, Dorothee Achenbach

Hardcover, 240 Seiten

ISBN 978-3-948424-23-7

1. S. Klotz Verlagshaus, 2019

Vergriffen — antiquarisch erhältlich

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