Adrien Perruchon dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker beim Sternzeichen „Enigma“ am 6. November 2026 in der Tonhalle. Foto: Susanne Diesner
Prokofjews zweites Violinkonzert, gespielt von Geigerin Alena Baeva und den Düsseldorfer Symphonikern unter Adrien Perruchon, bildete einen Schwerpunkt des Sternzeichen-Abends „Enigma“ am 6. November in der Tonhalle. Schon im Einführungsgespräch mit Maja Plüddemann, Assistentin der künstlerischen Geschäftsführung und Leiterin des Schumannfestes, gab der französische Dirigent persönliche Einblicke in seinen Zugang zu dem Werk – und erzählte von einer Begegnung mit der Gedankenwelt seines Schöpfers.
Sergej Prokofjew war von seinem Genie überzeugt. So jedenfalls schildert ihn Adrien Perruchon, der vor einigen Jahren die letzte Wohnung des Komponisten in Moskau besuchte. Zwischen Partituren, Büchern und persönlichen Gegenständen interessierten ihn besonders dessen Tagebücher. Darin begegnete ihm ein Künstler mit einem unerschütterlichen Vertrauen in die eigene Arbeit. Für Perruchon steckt in dieser Überzeugung ein Schlüssel zu Prokofjews schöpferischer Kraft – und ein Charakterzug, der bis in seine Musik hinein hörbar wird.
Prokofjew: eine unverwechselbare Stimme
Mit Prokofjews zweitem Violinkonzert g-Moll op. 63 stand ein Werk auf dem Programm, in dem Soloinstrument und Orchester für Perruchon untrennbar zusammengehören. Während sich andere Konzerte bei einem Probespiel auch mit Klavierbegleitung erschließen ließen, sei hier das Orchester unverzichtbar. Seine Klangfarben und die Verbindung der Instrumente gehören zum Wesen der Musik.
Prokofjews Tonsprache erkennt Perruchon schon nach wenigen Takten: an ihrer Harmonik, ihrer Energie und der besonderen Instrumentation. Auch die Dramaturgie des Konzerts erzählt für ihn von diesem Temperament. Auf den nach innen gerichteten ersten Satz und den elegischen zweiten folgt ein Finale wie ein Zug unter Volldampf.
Doch Perruchon zeichnet kein geglättetes Künstlerbild. Auch die schwierigen, fordernden und selbstbezogenen Seiten einer Persönlichkeit könnten in deren Werk sichtbar werden. „Nicht nur die positivsten Seiten des Menschen zeigen sich in seiner Kunst“, sagt er.
Alena Baeva ist in dieser Saison Artist in Residence der Tonhalle. Foto: Jean-Baptiste Millot
Auch Alena Baeva beschreibt das Konzert mit großer Begeisterung. Seine Melodien fühlten sich für sie „wie Geschenke des Himmels“ an, erklärt sie. Sie schätzt die ursprüngliche Kraft und die Farbpalette des Werks, zugleich aber auch seine präzise Konstruktion. Besonders fasziniert sie, wie Prokofjew Melodien entwickelt und in den Orchesterklang einwebt.
„Ich habe Mahlers Fünfte fünfundzwanzigmal mit sechs verschiedenen Dirigenten gespielt. Kein Problem, die kann ich dirigieren. Das dachte ich drei Monate lang.“
Adrien Perruchon, Dirigent
Komponieren mit Gewissheit, interpretieren mit Zweifel
Dem Selbstvertrauen des Komponisten stellt Perruchon eine andere Haltung gegenüber: die des Interpreten. Wer ein Werk aufführt, eignet sich etwas an, das längst der Welt gehört. Eine Deutung kann deshalb für ihn niemals den Anspruch erheben, die einzig wahre zu sein.
„Als Interpreten müssen wir mit dem Zweifel leben“, sagt Perruchon. Daraus entsteht für ihn auch Freiheit: Entscheidungen zu treffen, sie zu hinterfragen und den Musikerinnen und Musikern Raum für eigene Impulse zu geben. Gerade im Konzert möchte er spontane Entwicklungen zulassen. Dass dasselbe Programm dreimal gespielt wird, bedeutet für ihn keineswegs, dass dreimal dasselbe geschehen soll.
Seine Arbeit mit dem Orchester beginnt für Perruchon mit einer einfachen Aufgabe: zuhören. Foto: Susanne Diesner
Diese Offenheit prägt auch seine Arbeit mit den Düsseldorfer Symphonikern. Seit seinem ersten Einspringen im Jahr 2020 ist er dem Orchester verbunden. Besonders schätzt er dessen Beweglichkeit: Durch die Arbeit an der Deutschen Oper am Rhein seien die Musiker darin geübt, auf wechselnde Stimmen, Solisten und Dirigenten zu reagieren. Dennoch beginnt jede Zusammenarbeit für ihn mit einer einfachen Aufgabe: zuhören.
„Wenn Komponisten ihre eigenen Werke aufführen, nehmen sie sich erstaunlich viele Freiheiten gegenüber dem, was sie uns vorgeben.“
Adrien Perruchon, Dirigent
Vier Werke, viele Porträts
Das Programm verband Arthur Bliss’ „Hymn to Apollo“, Prokofjews zweites Violinkonzert, Thomas Adès’ „Märchentänze“ und Edward Elgars „Enigma-Variationen“. Für Alena Baeva war es das erste Sternzeichen als Artist in Residence der Tonhalle. Perruchon schätzt Baevas Freude daran, neue Werke zu entdecken. Diese teilt er mit ihr: In Adès’ Musik höre er Kombinationen von Instrumenten und Klängen, die ihm zuvor noch nie begegnet seien.
Baeva begeisterten die „Märchentänze“ auf Anhieb: Volksmusikalische Anklänge treffen auf eine anspruchsvolle Geigenstimme und pure Lebensfreude.
Perruchon zog einen roten Faden durch das Programm: Musik als Porträt – von wechselnden Klangbildern bei Bliss bis zu Elgars musikalischen Freundschaftserklärungen. Dabei sollte Raum für Spontaneität bleiben: „Die Botschaft ist dieselbe. Aber was tatsächlich passiert, ist jedes Mal anders. Und Gott sei Dank ist es das.“
Adrien Perruchon am Pult der Düsseldorfer Symphoniker in der Tonhalle. Foto: Susanne Diesner
Abseits des Konzertsaals fühlt sich Perruchon in Düsseldorf sehr wohl. Der Dirigent, der zwischen Paris und Seoul lebt, findet hier ein Stück Vertrautheit: koreanische Restaurants und Geschäfte, dazu die starke Präsenz japanischer Kultur. „Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, fühle ich mich ein bisschen zu Hause“, erzählt er. Düsseldorf zählt für ihn zu den kulturell dynamischsten Städten Deutschlands. Besonders schätzt er die kurzen Wege zwischen Museen, Theater und Tonhalle.
Adrien Perruchon
// Der 1983 geborene französische Dirigent begann seine musikalische Ausbildung am Klavier, wechselte zum Fagott und schließlich zum Schlagzeug.
// Als Orchestermusiker war er unter anderem beim Orchestre Philharmonique de Radio France und beim Seoul Philharmonic Orchestra tätig. Erfahrungen an der Mailänder Scala weckten seine Begeisterung für die Oper und bestärkten ihn auf dem Weg zum Dirigieren.
// Er war Dudamel Fellow beim Los Angeles Philharmonic. Seit der Saison 2021/22 ist er Musikdirektor des Orchestre Lamoureux in Paris, seit April 2025 Chefdirigent des Bucheon Philharmonic Orchestra in Südkorea.
Noch zweimal zu erleben
„Enigma“ mit den Düsseldorfer Symphonikern, Alena Baeva und Adrien Perruchon wird am Sonntag, 8. November 2026, um 11 Uhr, und am Montag, 9. November 2026, um 20 Uhr im Mendelssohn-Saal der Tonhalle Düsseldorf erneut gespielt.
Das könnte Sie auch interessieren:

Düsseldorfer Literaturpreis für Ronya Othmann

110 Jahre Behrensbau. Architektur und Geschichte

