Momente höchster Konzentration. Eine körperliche Grenzerfahrung und das ungebrochene Vertrauen der Läufer in ihre Gemeinschaft. // Fotos: Klaus Richter

Ein Düsseldorfer Fotograf, seine Leica und das rasendste Fest der Welt

Anfang Juli 2025 in Hakata. Still liegt der Morgen im Dämmerlicht, feuchte Sommerluft hängt schwer zwischen hölzernen Fassaden der Altstadt, warmer Dampf steigt vom Asphalt auf. Plötzlich und wie mit einem Paukenschlag endet die Stille. Trommeln grollen, Rufe hallen durch enge Gassen. Dann eilen Männer in weißer, traditioneller Bekleidung mit typischen Zehenschuhen durch die Straßen, Schweiß glänzt auf den nackten Beinen, auf der Brust und ihren Gesichtern. Das Hakata Gion Yamakasa Fest beginnt.

So fängt der Fotoband des Düsseldorfer Fotografen und Designers Klaus Richter an, in dem er dokumentiert, was in dieser Nähe noch kein Europäer je zu Gesicht bekam. Angefangen hat alles drei Jahre zuvor, im Jahr 2022 in einem kleinen Restaurant im Fukuokaer Viertel Ropponmatsu. Richters Sohn Gabriel lebt dort, arbeitet als freischaffender Typedesigner. Nach den Coronajahren besuchte die Familie endlich das Enkelkind. Der Wirt Isao Shoji erzählte beim Abendessen vom Hakata Gion Yamakasa Fest: Männer in traditioneller Unterwäsche, Holzgestelle mit einem Gewicht von über einer Tonne, die durch enge Gassen getragen werden. Dann das Finale im Morgengrauen, pünktlich auf die Sekunde. Trommeln. Und Wasser, das von allen Seiten über die Läufer gegossen wird. Richter hörte zu und fotografierte Shoji mit seiner Leica. Shoji lächelte und sagte: Die Erlaubnis, dabei zu sein, könnten nur die Ältesten erteilen. Monate später kam die Zusage.

Das Ende der Yamahas naht. Wochenlange Arbeit wird innerhalb weniger Minuten zerstört. Hier versucht jeder der Teilnehmer eines Stückchens Erinnerung habhaft zu werden.

Das Fest selbst ist kein Volksfest in dem Sinne, wie wir Europäer es kennen. Es geht auf das Jahr 1241 zurück, als eine Seuche Hakata heimsuchte. Der buddhistische Mönch Enni bat mit rituellen Weihwasser-Zeremonien die Götter um Schutz. Was aus der Not geboren wurde, entwickelte sich über sieben Jahrhunderte zu einem der intensivsten Gemeinschaftserlebnisse Japans. 2016 erkannte die UNESCO es als immaterielles Kulturerbe an. Vom 1. bis 15. Juli ziehen sieben Nagare-Teams mit ihren Yamakasa durch die Altstadt: kunstvolle Holzgestelle, zusammengefügt aus Dübeln, Nuten und Seilen, kein einziger Nagel. Das Finale, das so genannte Oiyama-Rennen, beginnt um 4:59 Uhr. Bei 38 Grad, flimmernder Luft und ohrenbetäubenden Trommelschlägen rennen rund 2.800 Männer fünf Kilometer durch Hakata. Das Team Nishinagare, das Richter begleitete, absolvierte die Strecke in 29:18 Minuten.

Der Fotograf, der dazugehört

Was Richters Bilder unterscheidet, ist nicht nur seine kompakte Kamera, mit der er den Menschen sehr nahe kommen darf, sondern auch der einzigartige Blick hinter die Kulissen. Anfang 2025 erhielt er die Erlaubnis, Nishinagare rund um die Uhr alle 15 Festtage zu begleiten: beim Bau der Yamakasa-Trage, bei den stillen Zeremonien, beim gemeinsamen Essen, beim Wachen in der Nacht. Auch in den Zelten der Ku, der Untergruppen der Nagare, die für Außenstehende normalerweise unsichtbar sind. Diese Nähe ist in den Bildern zu spüren. Man sieht Menschen in Momenten höchster Konzentration und höchster Freude: Hände, die Seile spannen. Gesichter im Zwielicht des frühen Morgens. Schweiß, der im Sonnenlicht glänzt.

Abkühlung bei 38 Grad und flirrender Luft

Richter nennt sich selbst lieber „Foto-Jäger“ als Fotograf. Was er jagt, spiegelt sich in seinen Bildern, die Sekunde, in der sich etwas entlädt, in der ein Gesicht mehr zeigt als es zeigen will. In der Rock- und Metal-Szene hat er das jahrzehntelang geübt, in Düsseldorfs Kellerklubs, in London, Dublin und Amsterdam. Seine Leica Q2, klein, kompakt, ohne Zoom, wirkt auf sein Gegenüber nicht bedrohlich. „Ich kenne keinen Fotografen, der so nah an mich herankommt“, sagte einmal der Frontmann der Band Ellende. In Hakata war es nicht anders.

Auftritt in vorgeschriebener Gruppenbekleidung: blaugrundig mit weißer Typografie. Das traditionelle Jahresfoto. Ein Pflichttermin für die Gruppe und die japanische Presse.

Wenn die Typografie mitrennt

Und das, was aus den Fotos entstand, ist mehr als ein 320 Seiten starkes Buch. Es ist ein  räumliches, fast bewegliches Objekt. Die Texte wandern über die Seiten, so wie die Tragen durch die Gassen. Die offene Fadenheftung zitiert bewusst die Seile und Schnüre, die die Yamakasa zusammenhalten. Für die Typografie wählten Klaus und Gabriel die Schrift „Tausend“, an deren Entwicklung Gabriel Richter mitgewirkt hatte. Kompakt, mit leicht schrägen Abschlüssen, deren Strichdynamik an japanische Schriftzeichen erinnert.

Den Anstoß für das Buch gab die LFI Gallery, die Fotoplattform von Leica. Dort werden täglich die stärksten Aufnahmen aus den Einreichungen der weltweiten Leica-Community ausgewählt. Fünf Aufnahmen von Richter wurden als Mastershot ausgezeichnet, fünf weitere als Selection, ein Foto als Bild der Woche. Eine Anerkennung, die nicht nur technische Qualität honoriert, sondern etwas Selteneres: dass jemand überhaupt an diesen Orten war und das Vertrauen besaß, das es braucht, um dort zu fotografieren.

Die Jugend trägt leichte, beschriftete Holztafeln und kündigt den Namen der folgenden Gruppe an.

Richter plant eine Wanderausstellung mit rund 20 Tafeln, die durch Nordrhein-Westfalen reisen soll: zu japanischen Familien, zu Unternehmen der Japanischen Industrie- und Handelskammer, vielleicht auch in die Japanische Schule Düsseldorf. Das liegt nahe. Über 40 zivilgesellschaftliche Vereine pflegen in der Stadt die Verbindung zu Japan, das EKŌ-Haus bietet seit Jahrzehnten Teezeremonien, Sprachkurse und Kulturworkshops, seit 2014 fliegt die japanische Airline ANA direkt von Düsseldorf nach Tokio-Narita.

„Kraft, Schönheit und Friedlichkeit dieses Festes nach Deutschland zu bringen – als Zeichen für mehr Menschlichkeit, Respekt und Gemeinschaft“, das ist sein Ziel. Wer das für pathetisch hält, hat das Oiyama-Rennen noch nicht gesehen.

Little-Tokio in Düsseldorf

Der Kaufmann Louis Kniffler gründete 1859 in Nagasaki das Handelshaus L. Kniffler & Co. und war maßgeblich am preußisch-japanischen Handelsvertrag von 1861 beteiligt. Als in Düsseldorf ansässiger Kaufmann legte er den Grundstein für die deutsch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen. Seither hat das ferne Inselreich die Rheinmetropole nie wieder losgelassen: Heute leben in Düsseldorf rund 7.800 Japanerinnen und Japaner, in ganz NRW über 12.000. Rund 400 japanische Unternehmen haben ihren Sitz in Düsseldorf, über 650 in ganz NRW; sie beschäftigen etwa 52.600 Menschen in NRW. Jedes Jahr verwandelt der Japan-Tag die Rheinuferpromenade in ein Stück Tokio.

Die offene Fadenheftung des Buchs ist eine Hommage an die handgeflochtenen Trageseile der Akteure.

Das Buch: Yamakasa 2025 Nishinagare

// Format : 222 x 296 mm

// Buchdicke : 30 mm

// Seiten : 320 plus Umschlag

// Bindung : offene Fadenheftung

// Papier : 135 g/m2 Sopor Set Premium Offset

// Gewicht : 1,620 kg

// kr@eye-of-metal.de

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