Fotos: Alexandra von Hirschfeld
Pferdecoaching für Führungskräfte
Deutschlands Unternehmen stehen unter Transformationsdruck. Künstliche Intelligenz verändert die Arbeit, Beschäftigte verlieren Vertrauen, und die Menschen an der Spitze sollen Orientierung geben, obwohl vieles ungewiss ist. Wie kann dabei ausgerechnet die Begegnung mit einem Pferd helfen?
Der Schimmel steht mitten auf dem Platz und bewegt sich nicht. Fast 1,80 Meter misst er – eine beeindruckende Erscheinung für die Managerin, die ihm nun gegenübertritt. Die Aufgabe klingt einfach. Sie soll das Pferd mit dem Führstrick führen. Als sie den ersten Schritt macht, blickt sie sich noch einmal nach ihm um. Doch Coutinho bleibt stehen. Sie zieht vorsichtig am Strick, sagt „Komm mit!“ Wieder keine Reaktion.
In einem Seminarraum ließe sich jetzt ausführlich erklären, warum Führung Klarheit, Präsenz und eine eindeutige Kommunikation braucht. Hier ist keine Erklärung nötig. Das Pferd hat die Antwort bereits gegeben. Pferdecoachin Alexandra von Hirschfeld beobachtet die Szene ohne einzugreifen. Es geht ihr nicht darum, der Teilnehmerin zu zeigen, wie man ein Pferd führt. Sie bringt die Managerin bewusst in eine Situation, in der Argumente und fachliche Kompetenz nicht weiterhelfen. Entscheidend ist allein, wie authentisch sie ihrem Gegenüber begegnet. „Sie sagen ‚Komm‘, aber innerlich zögern Sie“, erklärt von Hirschfeld. „Das Pferd nimmt diesen Widerspruch sofort wahr.“ Dann fragt sie: „Was braucht das Pferd von Ihnen, damit es mitgehen kann?“
Von Hirschfeld bittet die Managerin, den Strick zunächst ganz locker durchhängen zu lassen. „Schließen Sie kurz ihre Augen und denken Sie an eine Situation, in der Sie genau wussten, was zu tun ist.“ Nach einem Moment verändert sich die Haltung der Managerin. Sie steht aufrechter, schlägt die Augen wieder auf, ihr Blick und Gesichtsausdruck sind ruhig und entspannt. Dann wendet sie sich wieder dem Schimmel zu und setzt sich in Bewegung. Diesmal schaut sie nicht fragend zurück. Der Schimmel hebt den Kopf, zögert noch einen Augenblick – und folgt ihr.
Führung unter Dauerbelastung
Die Szene versinnbildlicht eine Frage, die sich derzeit in vielen deutschen Unternehmen stellt: Wie führen sie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Veränderungsprozesse, deren wirtschaftliche und personelle Folgen noch nicht absehbar sind? Konjunkturelle Unsicherheit, Kostendruck, Fachkräftemangel, geopolitische Krisen und die digitale Transformation treffen gleichzeitig aufeinander. Künstliche Intelligenz beschleunigt Prozesse, verändert Berufsbilder und zwingt Unternehmen zu Entscheidungen, für die es noch keine Erfahrungswerte gibt. Der ifo-Geschäftsklimaindex zeigte im Juli 2026 zwar wieder etwas mehr Zuversicht. Mit ihren laufenden Geschäften waren die Unternehmen jedoch weniger zufrieden. Und Unsicherheit bleibt laut ifo Institut Teil des Führungsalltags.
Gerade jetzt müssten Vorstände, Geschäftsführer, Abteilungsleiter und Teamverantwortliche Orientierung vermitteln. Doch das gelingt offenbar häufig nicht. Laut Gallup Engagement-Index glauben nur 23 Prozent der Beschäftigten, dass die Geschäftsführung ihres Unternehmens die zukünftigen Herausforderungen meistern wird. Lediglich 18 Prozent fühlen sich von der Unternehmensführung für die Zukunft begeistert. Zwölf Prozent suchen bereits aktiv nach einer neuen Stelle, weitere 25 Prozent sind grundsätzlich offen für einen Wechsel.
Für von Hirschfeld zeigt sich darin mehr als ein Kommunikationsproblem. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemerken Widersprüche: Es werde z. B. von Aufbruch gesprochen, gleichzeitig werden Entscheidungen vertagt; der Ruf nach mehr Eigenverantwortung werde laut und zugleich werden Kontrollmechanismen verschärft.
Pferde sind Fluchttiere. Sie nehmen kleinste Veränderungen in Körpersprache und Anspannung wahr und reagieren sensibel darauf, ob ihr Gegenüber Sicherheit und Orientierung vermittelt“, erklärt sie. In Pferdeherden gibt es nicht das eine Leittier, das jederzeit die Richtung vorgibt. Verhaltensstudien zeigen, dass grundsätzlich jedes Herdenmitglied eine Bewegung anstoßen kann; ranghöheren und erfahrenen Tieren folgen die anderen jedoch häufiger. „In der Kommunikation mit dem Menschen zeigt sich ein ähnliches Prinzip: Ein Pferd folgt nicht demjenigen, der am lautesten auftritt oder am stärksten am Strick zieht. Entscheidend sind klare Signale“, erklärt die Pferdecoachin.
Im Coaching wird aus dieser Erkenntnis eine gefühlte Erfahrung: Verändert ein Mensch sein Auftreten, reagiert das Pferd unmittelbar darauf. Genau hier setzt emotionales Lernen an. Über das eigene Erleben werden unbewusste Muster sichtbar und neue Lösungen zugänglich. Was dabei gefühlt und praktisch erprobt wird, verankert sich im Unterbewusstsein – und lässt sich später auf andere Situationen übertragen.
Und die Führungskraft und der Schimmel? Am Ende des Coachings bewegen sie sich gemeinsam durch einen Parcours aus Pylonen, Stangen und Matten. Der Führstrick liegt am Rand. Die Chefin geht voran – und der Schimmel folgt ihr frei.
Pferdecoachin Alexandra von Hirschfeld
// Als Journalistin und Magazinherausgeberin begegnet Alexandra von Hirschfeld seit Jahren Menschen in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung. Pferde begleiten sie seit ihrer Kindheit. Im Springreiten erlebt sie, wie unmittelbar die Tiere auf Anspannung, Vertrauen und innere Klarheit reagieren.
// Nach ihrer zertifizierten Ausbildung zum Equine Leadership Coach bringt sie seit 2024 beide Erfahrungen auf Gut Vogelbusch bei Düsseldorf zusammen. Die Übungen finden abseits von Seminarraum und Bildschirm ausschließlich vom Boden aus statt. Pferdekenntnisse sind nicht erforderlich.
