Fotos: Klaus Richter
Ein Kaufmann und ein inklusiver Spielplatz
Als Ende Mai der neue Spielplatz auf dem Gertrudisplatz in Düsseldorf-Eller bei strahlendem Sonnenschein eröffnet wird, steht David Hegemann dort, wo er in den vergangenen drei Monaten fast täglich nach dem Rechten gesehen hat: mitten in einer Spielwelt, die für alle Kinder gedacht ist: mit Karussells auf Bodenniveau, Schaukeln mit Rückenstützen, einer Wippe mit Farbkontrasten für Kinder, Klettergerüsten und Sinneswänden.
Der inklusive Spielplatz am Gertrudisplatz ist das 60. Projekt der Initiative „Stück zum Glück“ und das erste in Düsseldorf. Seit 2018 läuft die Kooperation von Procter & Gamble, REWE und der Aktion Mensch: Pro verkauftem P&G-Produkt in einem REWE-Markt fließt ein Cent in den Bau inklusiver Spielplätze. Über vier Millionen Euro kamen bislang zusammen.
Mehr als 90 Kinder, mit und ohne Behinderung, kamen zur feierlichen Eröffnung und spielten zusammen. Ebenfalls eingeladen waren sie zu Wasser, Fruchtsäften und Fruchtspießen am REWE-Erfrischungsstand, Crêpe und Eis gab es ebenfalls gratis. Was bedeutet der Tag für Hegemann? „Einfach nur Glück“, strahlt er. „Das ist der schönste Erfolg unserer Initiative bisher. Da rückt alles Geschäftliche auf einmal in den Hintergrund.“ Dabei ist David Hegemann verantwortlich für fünf REWE-Märkte in der Region und rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In Eller kennt er alle und alle kennen ihn: die Frau mit dem Rollator, die gerade den REWE-Markt verlässt. Den Wirt vom Imbiss gegenüber. Das Kind, das auf das neue Karussell zuläuft.
Einer, der kam, als man ihn rief
Als die Initiative „Stück zum Glück“ einen REWE-Kaufmann mit Kontakten zur Stadt suchte, fragte sie bei David Hegemann an und war damit genau an der richtigen Adresse. Denn David Hegemann ist nicht nur Vorstandsmitglied bei IndividuEller e. V., sondern seit Jahren in Sachen Inklusion unterwegs. 2024 erhielt Hegemann für sein Engagement den Inklusionspreis für die Wirtschaft, unter Schirmherrschaft des Bundesarbeitsministers. Lange überlegen musste Hegemann also nicht. Zusammen mit Vertretern der Stadt besichtigte er mehrere Spielplätze, bevor die Wahl schließlich auf den Gertrudisplatz fiel. „Das war natürlich für mich wie ein kleiner Lottogewinn, dass der Spielplatz direkt vor meiner Geschäftstür liegt.“
IndividuEller e.V. begleitete das Projekt als offizieller Spendenempfänger und übergab den fertigen Spielplatz an die Landeshauptstadt. David Hegemann hat für die nächsten zehn Jahre die Patenschaft für den Spielplatz übernommen. Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller war zur Eröffnung vor Ort und sagte: „Inklusion beginnt in den Herzen.“ Mit auf der Bühne saß und moderierte Mathias Mester, Para-Leichtathletik-Weltmeister und Botschafter der Initiative.
Bei der Eröffnung des neuen Spielplatzes dabei: David Hegemann, Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller und Para-Leichtathletik-Weltmeister und Botschafter der Initiative Mathias Mester (Mitte)
Ein Markt, neu gedacht
Der Umbau des Spielpatzes überschnitt sich mit dem Umbau des REWE City-Marktes an der Gumbertstraße. Über zwei Millionen Euro hat Hegemann dafür in die Hand genommen. 2009 hatte der letzte Umbau stattgefunden. „Da man die Märkte im Schnitt alle acht Jahre umbaut, war es höchste Zeit“, so der Kaufmann. Fünf Wochen lang war der Markt geschlossen. Als er am 26. März wiedereröffnete, standen rund 500 Kundinnen und Kunden vor der Tür und staunten nicht schlecht über die Kronleuchter in der Obst- und Gemüseabteilung. Ein paar Gänge weiter lockt eine Candy Street in die Süßwarenabteilung. Im Hintergrund passierte noch mehr: eine Rampe vor dem Kühlhaus für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein neuer Aufenthaltsraum und klimagekühlte Decken.
Im neu eröffneten REWE-Markt von David Hegemann gibt es eine Candy Street.
In seinen fünf Märkten arbeiten inzwischen 17 Menschen mit Schwerbehinderung, alleine in den letzten zwei Jahren sind sieben neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinzugekommen. Als sich David Hegemann vor Jahren selbstständig machte, ist er das Thema eher naiv angegangen: „Ich habe gedacht, es ist klar, dass jeder die gleichen Chancen hat.“ Dann kamen die Gespräche, die Geschichten von Menschen, die jahrelang, manchmal jahrzehntelang keinen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden hatten. „Das kann doch nicht sein“, dachte er. Und fing einfach an. Er stellte Achilleas Tsantekidis als ersten Einzelhandelsazubi im Rollstuhl an. Auch Kunden mit Beeinträchtigung hat Hegemann im Blick. In zwei Filialen gibt es die „stille Stunde“, eine regelmäßige Ruhephase für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. „Ich habe nur einen Mehrwert von allem, was ich in diesem Bereich unternehmen“, sagt er. Die Kollegen seien stolz, in einem inklusiven Supermarkt zu arbeiten. Die Kundschaft nehme es positiv wahr. Lohnkostenzuschüsse vom Amt helfen, da macht Hegemann keinen Hehl draus: „Ohne die Zuschüsse würde es nicht gehen. So ehrlich muss man auch sein.“ Inklusion braucht Haltung, aber eben auch Strukturen und Geld.
Was Kinder wissen und Erwachsene vergessen
Auf die Frage, was Kinder auf einem inklusiven Spielplatz lernen, das vielen Erwachsenen später verloren geht, muss Hegemann nicht lange überlegen: „Dass man keinen Unterschied macht. Dass wir alle gleich viel wert sind, dass wir alle zusammen Spaß haben können.“ Kinder achteten untereinander gar nicht so sehr darauf, ob jemand im Rollstuhl sitze oder eine Behinderung habe. „Ich glaube, wir Erwachsene können viel von den Kindern lernen.“
Rund 80 Prozent der Spielplätze in Deutschland weisen laut einer Studie der Aktion Mensch keine inklusiven Merkmale auf. Nur etwa ein Prozent hat befahrbare Wege zu allen Geräten. Mit einem Anteil von gut 28 Prozent Spielplätzen mit inklusiven Merkmalen schneidet Nordrhein-Westfalen im bundesweiten Vergleich vergleichsweise gut ab. In Düsseldorf gibt es mit dem Spielplatz auf dem Gertrudisplatz nun zwei Inklusionsspielplätze.
Fast wie im Urwald, wenn Tarzan sich von Liane zu Liane schwingt.
Rund 200.000 Euro stellten REWE, Aktion Mensch, Procter & Gamble und anteilig Hegemann für den Umbau des Spielplatzes bereit. Ob es denn richtig sei, dass inklusive Spielplätze in Deutschland häufig nur entstünden, weil Konzerne, Stiftungen und engagierte Kaufleute das Geld in die Hand nähmen? „Grundsätzlich kann man immer sagen, dass es eine öffentliche Aufgabe ist. Aber wie sieht bei den Tierheimen aus, wie bei anderen Institutionen? Es gibt so viele Projekte, für die Hilfe benötigt wird. Ohne Ehrenamtler und ohne Spenden würde einiges deutlich schlechter laufen“, findet Hegemann. Der Kaufmann glaubt an Partnerschaft. „Die Stadt wird es nicht alleine schaffen. Wenn die Industrie zusammen mit der Stadt ein gemeinsames Projekt macht, dann ist das doch auch etwas, worüber wir uns freuen können.“
Klettern geht auch als Kaufmann.
Jeden Tag auf dem Weg zu seinem Markt kommt Hegemann nun an dem neuen Spielplatz vorbei. Das verbinde ihn noch mehr mit dem Stadtteil als vorher schon. „Das ist einfach mein Zuhause hier.“
