Emine Sevgi Özdamar wird mit dem Düsseldorfer Literaturpreis ausgezeichnet

Vom Osmanischen Reich über die deutsche und Pariser Theaterszene bis in die Gegenwart spannt Emine Sevgi Özdamar mit ihrem neuesten Werk „Ein von Schatten begrenzter Raum“ einen großen Bogen. Mit 18 Jahren kommt Emine Sevgi Özdamar als „Gastarbeiterin“ aus der Türkei nach Deutschland und arbeitet in einer Fabrik – weniger des Geldes wegen, als um befreit und unbehelligt leben zu können. Sie war eine der ersten Autorinnen, die die Situation der nach Deutschland eingewanderten Türken beschrieben haben. Vor allem ihr bahnbrechender Roman „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ von 1992 sprengte alle Formen einer „deutschtürkischen“ Literatur. Sie entwickelte ihre ganz eigene ungewöhnliche Ästhetik.

Özdamars neuer, fast 800 Seiten umfassender Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“ ist die Summe all dessen, was die Autorin bisher geschrieben hat und auch ihr umfangreichstes Werk. Dafür erhält sie nun von der Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf den „Düsseldorfer Literaturpreis“, einen der renommiertesten und höchstdotierten Preise in der deutschen Literaturszene.

Nicht nur durch ihr Werk, sondern auch durch ihren engen Bezug zu Düsseldorf ist Emine Sevgi Özdamar als Preisträgerin prädestiniert, denn sie hat eine besonders enge Verbindung zur Landeshauptstadt. Hier lebte sie 17 Jahre am Fürstenwall 163 in einer wunderschönen Wohnung gemeinsam mit ihrem Mann, einem Bühnenbildbauer. Für ein Buchprojekt hat sie die heißgeliebte Stadt Düsseldorf verlassen und ging nach Berlin. Nun kehrt sie nach Düsseldorf zurück, um hier geehrt zu werden – der Kreis schließt sich. „Düsseldorf empfand ich damals als friedliche Stadt. Das ist geblieben. Die Leute schauen dir in die Augen auf der Straße.“

Die 1946 geborene Özdamar hat in Istanbul Schauspiel studiert. Die Prägungen durch das internationale Theater und den Film sind in ihren Werken unverkennbar. Der Roman entwickelt sich anhand von Leitmotiven aus Özdamars Leben und erzeugt vor allem durch Wiederholungen bestimmter Schlüsselmomente eine besondere Atmosphäre. 

Das Werk zitiert Momente aus dem absurden Theater und der Groteske, aus emotional aufgeladenen Filmsequenzen und einem Zeitroman. Subjektive, rauschhafte Erinnerungen stehen neben Bewertungen der realen politischen Verhältnisse. Özdamar wird deutlich in ihrem Roman, nennt die Namen der Protagonisten und tarnt nichts durch verschleiernde Fiktionalisierungen. 

Über Emine Sevgi Özdamar 

Die Autorin wurde am 10. August 1946 in Malatya in der Türkei geboren. Sie wuchs in Bursa und Istanbul auf, wo sie die Schauspielschule besuchte. Mitte der siebziger Jahre ging sie nach Berlin und Paris und arbeitete mit den Regisseuren Benno Besson, Matthias Langhoff und Claus Peymann. 17 Jahre lebte Özdamar außerdem in Düsseldorf, wo ein großer Teil ihrer Bücher entstanden ist. Ihr Mann Karl Kneidl war von 1974 bis 2008 Professor für Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf. Emine Özdamar übernahm zahlreiche Filmrollen und schreibt seit 1982 Theaterstücke, Romane und Erzählungen. Für ihren aktuellen Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“ erhielt sie den Bayerischen Buchpreis. Emine Sevgi Özdamar lebt in Berlin.

Die Chronologie wird zwar hin und wieder durchbrochen, die Tonlage verändert sich oft, dabei verfolgt der Leser den gesamten Lebensweg von der Flucht aus der türkischen Militärdiktatur über die Arbeit an der Ostberliner Volksbühne ab 1975, einer unwirklichen Zeit in Paris bis hin zum Theater in Bochum an der Seite von Matthias Langhoff.

Die Parallelrealität in Istanbul, die repressiven Verhältnisse in der Türkei werden immer wieder eingeblendet. Die Autorin balanciert zwischen der surrealen Welt des Theaters mit einem bohèmeartigen Lebensgefühl und einer politischen Anklage.
Das Bohème-Leben in Istanbul wird durch den Militärputsch 1971 und die darauf folgende Diktatur jäh gestoppt. „Damals hatte das Wort eine große Wirkung. Die Menschen saßen manchmal die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis nur wegen ihrer Wörter.“ Auf einmal musste man aufpassen, was man sagt und was man liest: „Du musstest die Wörter unter deiner Zunge verstecken oder wegschmeißen. Du fingst an, ein anderer Mensch zu werden, und dann merkst du, dass die Wörter wirklich krank werden.“ Ganz besonders hervorzuheben ist Özdamars Sprache. Surreale Momente gehen in Alltagsbeschreibungen über, die Hauptfigur tritt mit einer zurückgelassenen Zigarettenpackung ihres Mentors Benno Besson ebenso in einen Dialog ein wie mit einer Remington-Schreibmaschine oder mit den Krähen auf einer magischen türkischen Insel. Die Uhr am Gare du Nord zwinkert der Heldin des Romans zu, während ihre Reisetasche müde von ihrer Schulter hängt.

„Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an.“ Diese Erkenntnis zieht sich in überraschenden Wendungen durch den Roman. 

„Mit ,Ein von Schatten begrenzter Raum‘ schreibt die in
Berlin lebende Schriftstellerin und Schauspielerin ein
,geistiges Gründerzeitmärchen‘, ein wortgewaltiges Loblied auf das Wunder der Kunst, des Theaters und der Literatur.“ (Die Welt)

„Der Blick, den Özdamar freigibt auf Fremdsein und
Fremd-gemacht-Werden, auf Sprachverlust und
Sprachermächtigung, gehört zu den großen Geschenken
des Buchs an seine Leser.“ (FAZ)

Aus der Begründung der Jury 

Mit großer poetischer Kraft erforscht Emine Sevgi Özdamar in ihrem Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“die Bedingungen des Exils. Was heißt es, als junge Schauspielerin sein Land zu verlieren, keine Sprache mehr zu haben, sich in der Fremde zurecht finden zu müssen, immer wieder gequält von den Schmerzen um den Verlust der Herkunft, der Freunde, der Familie? Özdamar fächert die Innenwelten ihrer Ich-Erzählerin auf, schildert die Eroberung eines neuen ästhetischen Raums und stellt ihren Sinn fürs Groteske unter Beweis. In einer sehr eigenständigen, zupackenden Erzählweise entspinnt sie nicht nur eine faszinierende weibliche Bildungsgeschichte und entwirft mit leichter Hand ein schillerndes Figurenensemble, sondern macht auch das Theater der 1970er und 1980er Jahre zwischen Ost-Berlin, Paris, Bochum und Frankfurt lebendig. So dramatisch die Verwicklungen auch sind, Emine Sevgi Özdamar versteht sich ebenso auf das Komische. Neunmalkluge Krähen treiben bei ihr ebenso ihr Unwesen wie hellseherische Katzen. Die Schauplätze Paris, Berlin, Istanbul und eine türkische Insel werden zu großflächigen Metaphern für das Leben an sich. 

Werke

Karagöz in Alemania. Theaterstück. Frankfurt am Main 1982 • Mutterzunge. Erzählungen. Berlin 1990. Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus. Roman • Köln 1992 Die Brücke vom Goldenen Horn. Roman. Köln 1998 • Der Hof im Spiegel. Erzählungen. Köln 2001 • Seltsame Sterne starren zur Erde. Wedding – Pankow 1976/77 • Roman. Köln 2003 • Ein von Schatten begrenzter Raum. Berlin 2021 

Ein von Schatten begrenzter Raum, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021

Nach dem Putsch 1971 hält das Militär nicht nur das Leben, sondern auch die Träume der Menschen in der Türkei gefangen. Künstlerinnen und Künstler, Linke, Intellektuelle fürchten um ihre Existenz; auch die Erzählerin, die aus Istanbul übers Meer nach Europa flieht. Im Gepäck: der Wunsch, Schauspielerin zu werden, und das unbedingte Verlangen, den so jäh gekappten kulturellen Reichtum ihres Landes andernorts bekannt zu machen und lebendig zu halten, ohne sich im »Tiergarten der Sprachen« auf die bloße Herkunft beschränken zu lassen. Und dort, inmitten des geteilten Berlin, auf den Boulevards von Paris, im Zwiegespräch mit bewunderten Dichtern und Denkern, findet sie sich schließlich wieder in der »Pause der Hölle«, in der Kunst, Politik und Leben uneingeschränkt vereinbar scheinen. 

Emine Sevgi Özdamars neuer Roman ist das vielstimmige Loblied auf ein Nachkriegseuropa, in dem es für kurze Zeit möglich schien, allein mit den Mitteln der Poesie Grenzen einzureißen. Er ist der sehnsuchtsvolle Nachruf auf die Freunde, Künstler, Bekanntschaften, die sie auf ihrem Weg begleiteten. Vor allem aber ist er die wortgewaltige Eröffnung eines Raums zwischen Bedrohung und Geborgenheit, eines von Schatten begrenzten Raums. 

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