Das Metropol Kino an der Brunnenstraße in Düsseldorf// Foto: Markus Luigs

Wie Anna Wollenberg Bestand weiterdenkt, warum Dämmung nicht immer die beste Antwort ist und weshalb Düsseldorf mehr umbauen als abreißen sollte. Wir trafen sie in ihrem stylischen Architekturbüro in einem Hinterhof in Düsseldorf Unterbilk.

Das Metropol Kino an der Brunnenstraße kennen und mögen viele Düsseldorfer. Für die Architektin Anna Wollenberg ist der Umbau deshalb ein ganz besonderes Projekt. Aktuell wird der vierte und letzte Saal ausgebaut. Danach ist das traditionsreiche Filmkunstkino komplett erneuert. „Unsere Aufgabenstellung war, den Charakter zu bewahren und trotzdem weiterzuentwickeln“, sagt Wollenberg. Dafür hat ihr Büro alte Aufnahmen des Metropol studiert und gemeinsam mit dem Betreiber ein Farbkonzept entwickelt. Kino eins blieb klassisch rot, der zweite Saal wurde blau, dann kam Grün und der letzte Saal wird nun lila. Was Kinobesucher nicht sehen: Das Metropol zieht sich über zwei Straßen und zwei Gebäudeteile, große Bereiche liegen unterirdisch, die Zugänge sind schwierig. „Wir mussten uns in einem Gebäudegefüge zurechtfinden, das total verbaut und im Vorfeld kaum zu durchdringen war.“

Die Düsseldorferin machte sich 2018 selbstständig, gerade nannte sie ihr Büro um in Wollenberg Architekten BDA, das neue Logo bewahrt das AWA, wie alle das Büro nennen, in dem vier Mitarbeiter an Sanierungen von historischen Stadthäusern und denkmalgeschützten Projekten arbeiten oder Modulhäuser bauen – außen mit einer langlebigen Aluminiumverkleidung, innen mit viel Holz.

Seit 2018 selbstständig: Anna Wollenberg führt heute mit vier Mitarbeitenden Wollenberg Architekten BDA und setzt auf Sanierung, Denkmalschutz und nachhaltige Modulhäuser. // Foto: Jaqueline Wardeski

Zirkuläres Bauen

Der Begriff ist heute in aller Munde, Wollenberg verwendete bereits 2014 alte Holzfenster aus einem anderen Projekt weiter. Sie mag es nicht, wenn Material nach der Nutzung entsorgt wird, wie bei ihren ersten Projekten im Messebau. „Wir haben uns immer gefragt, was können wir wiederverwenden? Und was sind eigentlich gesunde Baumaterialien“, erinnert sie sich. Zirkulär ist für sie nur, wenn das Bauteil tatsächlich benötigt wird und sich Ausbau, Transport und Wiedereinbau lohnen.

Stadthaus in Bilk: Sanierung und Erweiterung durch einen Anbau. Foto: Markus Luigs

Fassaden mit Wärmedämmverbundsystemen aus Styropor lehnt Wollenberg kategorisch ab. Stattdessen arbeitet sie mit mineralischen oder organischen Dämmstoffen wie Hanf oder Lehm. Vor allem aber stellt sie die Frage: Muss überhaupt gedämmt werden? Mit Blick auf den Klimawandel reiche es nicht mehr, Gebäude nur auf kalte Winter zu trimmen, sondern auch zu verhindern, dass sie sich im Sommer aufheizen. Dazu gehören Verschattung, begrünte Fassaden und mehr Bäume in Gebäudenähe.

Ideen gegen den Leerstand

Während in Düsseldorf Wohnungen fehlen und Mieten hoch sind, stehen Gewerbeflächen ungenutzt. „Ich sehe überall Potenziale, wenn ich durch die Stadt gehe.“ Ihr Büro untersucht derzeit, wie ein Bürogebäude aus den 1970er Jahren zu Wohnraum werden könnte, unter anderem mit einer Aufstockung aus Holz und neuen Grundrissen. Warum solche Umwandlungen trotzdem nicht zum Selbstläufer werden, hat mehrere Gründe. Nicht überall ist Wohnen planungsrechtlich zulässig, hinzu kommen hohe Investitionen. Und dann sind da die Genehmigungen. Die Architektin nennt als Beispiel bereits ausgebaute Dachgeschosse, die nachträglich legalisiert werden sollen. Zusätzlich geforderte Stellplätze, Nachweise zum Gebäudeenergiegesetz, Statik und Schallschutz können eine sinnvolle Legalisierung schnell unwirtschaftlich machen. Den zweiten Rettungsweg nimmt sie ausdrücklich aus: „Der ist lebensnotwendig.“ Bei anderen Anforderungen sieht sie Spielraum. In vielen Dachgeschossen schlummere Wohnfläche, die wegen der Vielzahl der Auflagen nicht aktiviert werde. Und wer Altbauten auf höchstem Standard sanieren wolle, müsse auch über die Folgen reden. „Ein sanierter Altbau ist kein bezahlbarer Wohnraum, wenn wir auf dem Standard sanieren, den uns die Norm momentan vorschreibt.“

Sanierung von Haus Leven, einem denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshaus in Leverkusen. Foto: Anna Wollenberg

Abriss und Neubau seien noch immer der bequemere Weg. Bestand verlange mehr Wissen und Erfahrung. Dafür bleibe etwas erhalten, das sich nicht neu herstellen lässt: Geschichte. „Wenn immer wieder abgerissen wird, entsteht irgendwann eine charakterlose Stadt und geht ein Stück Heimat verloren“, sagt Anna Wollenberg.

Aber sie sieht auch das Potenzial in der Stadt Düsseldorf und zwar ausgerechnet in einer Straße, die viele Düsseldorfer längst abgeschrieben haben: in der Friedrichstraße. „Da gibt es bereits die ersten Leuchttürme. Gemeinsam mit dem Kirchplatz könnte hier wieder ein lebendiges Stadtviertel entstehen, aber nur, wenn wir an dem Kirchplatz architektonisch etwas ändern“, lacht sie.

Foto: Jaqueline Wardeski

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft ihres Architekturbüros: Eine Stadt muss nicht ständig neu gebaut werden, um sich zu erneuern. Manchmal reicht es, genauer hinzusehen, vorhandene Ressourcen freizulegen und dem Bestand eine zweite Chance zu geben.

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