Foto: Der „optimierte“ Medienhafen als Picture-Slop, Gemini by Martha Giannakoudi

Was ist ein Text noch wert, der keine Mühe gekostet hat?

Über AI-Slop und KI-Antworten, die niemand gelesen hat, und den Verdacht, der jetzt jeden guten Text trifft.

Ich arbeite an einem neuen Konzept und bitte meinen Kollegen, sich den Entwurf anzuschauen. Er schickt mir einen seitenlangen KI-generierten Text zurück. Keine Einschätzung, keine Erläuterung. Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen. Warum ignoriert er meine Gesprächseinladung? Ich möchte doch seine Meinung hören. Was die KI sagt, mag auch einen Wert haben. Aber sie hat doch keine eigene Meinung. Sie bewahrt mich auch nicht vor Fettnäpfchen.

Ähnlich geht es mir bei einer KI-generierten Antwort auf meine E-Mails. Das rieche ich kilometerweit gegen den Wind. Manchmal ist es ärgerlich, meistens harmlos. Und manchmal stelle ich mir vor, eine kleine Prompt-Injektion einzubauen: eine versteckte Anweisung im Text, die die KI meines Gegenübers dazu bringt, irgendwo das Wort „Dornröschen“ unterzubringen. Nur um zu sehen, ob er es merkt.

Foto: Der Medienhafen in der Realität, Copyright Martha Giannakoudi

Es sind immer dieselben Zeichen. Der inflationäre Gedankenstrich, wo früher ein Komma stand. Jeder Abschnitt arbeitet gehorsam jeden Punkt meiner Mail ab. Könnte ja wichtig sein. Und erst einmal viel Lob und Verständnis. Über allem dieser so glattpolierte, freundliche Ton. Seelenlos, wie ich finde.

Auch in den Social Media-Posts gibt es diese Formulierungen zuhauf. „Wir machen nicht dies. Wir machen jenes.“ Oder: „Was mich am meisten berührt hat.“ Oder ein Emoji vor jedem einzelnen Absatz.

Wohin führt uns das? Zum AI-Slop. So heißt die digitale Verschmutzung des Internets durch minderwertige, massenhaft von KI produzierte Texte, Bilder und Videos. Im Büro heißt sie Workslop.

Und Workslop kostet. Hier die Rechnung: 2025 befragten BetterUp Labs und das Stanford Social Media Lab 1.150 Angestellte dazu. 40 Prozent hatten demnach im Vormonat Workslop erhalten. Die geschätzten Kosten liegen bei bis zu 186 Dollar pro Kopf und Monat. Das ist noch der harmlose Teil. Die Hälfte der Befragten hielt die Person, die den Text geschickt hatte, danach für weniger kompetent. Ein Drittel wollte künftig weniger mit ihr zusammenarbeiten.

Es bleibt auch nicht beim Postfach. Bei dem Streaming-Portal Deezer wurden zuletzt täglich über 20.000 vollständig KI-generierte Songs hochgeladen, 18 Prozent aller neuen Titel. Auf YouTube ist inzwischen mehr als jedes fünfte neue Video maschinell erzeugt. Gefälschte Produktbewertungen haben sich laut DoubleVerify, dem Spezialisten für Medienanalysen, binnen eines Jahres verdreifacht.

Der Beweis ist kaputt

Jahrhundertelang war ein guter Text ein Beweis für Zeit und Wertschätzung. Wer ein präzises Angebot schickte, hatte sich mit dem Gegenüber beschäftigt. Wer ein gutes Anschreiben verfasste, wollte den Job wirklich haben. Wir haben von der Sprache auf das Denken geschlossen. Das war zwar nie exakt. Aber es hat ganz gut funktioniert.

Die KI antworten zu lassen, kostet eben keine Mühe. Und was nichts kostet, ist bekanntlich nichts wert. Bei uns Griechen sagt man: Die Zunge hat keine Knochen und bricht doch Knochen. Sprache hatte immer Gewicht. Sie hat aber auch immer jemanden etwas gekostet.

KI-Expertin: Martha Giannakoudi, Geschäftsführerin des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Synnous

Wer sich Mühe gibt, muss sie beweisen

Natürlich merke ich das auch an mir selbst. Auch ich habe schon auf „Senden“ geklickt, ohne alles gelesen zu haben. Die Verführung ist groß, gerade wenn die Zeit fehlt. Es sieht alles so schön und perfekt aus.

Und dann stelle ich fest, dass ich meine früher geliebten Gedankenstriche weglasse, damit mein Text nicht unter KI-Verdacht gerät. Ich kenne Menschen, die ihre Tippfehler inzwischen absichtlich stehen lassen.

Wir sind an einem seltsamen Punkt angekommen. Wer sich Mühe gibt, muss sie neuerdings beweisen. Selbst in der Werbung reicht es nicht mehr, eine Botschaft zu transportieren. Der Werbefilm muss zusätzlich beweisen, dass echte Menschen daran gearbeitet haben. Und Fotografen machen wieder bewusst unperfekte Bilder, mit sichtbarer eigener Handschrift.

Nicht die KI produziert übrigens den KI-Schrott. Slop entsteht in dem Moment, in dem jemand etwas weitergibt, das er selbst nicht gelesen hat.

Mein Unternehmen Syn+nous heißt übersetzt: mit Verstand. Ich denke, also bin ich. Ich schreibe, also denke ich. Und deshalb will ich nicht, dass meine Texte perfekt sind. Ich will, dass man merkt, dass ich da war.

Martha Giannakoudi

// Martha Giannakoudi gründete 2010 das Beratungsunternehmen Synnous mit Sitz im Düsseldorfer Medienhafen. Spezialisiert auf Personalmanagement und digitale Transformation, begleitet sie Unternehmen dabei, Technologie und Menschlichkeit in Einklang zu bringen.

// Seit 2023 bietet Synnous diverse KI-Formate an. 2024 folgte die Gründung der „KI Business School“ mit dem IHK-Abschluss zum „KI Business Manager“. Das Ziel ist Fach- und Führungskräfte und Unternehmen zu befähigen, KI strategisch und verantwortungsvoll einzusetzen.

// 2025 erschien ihr Buch „Ethische KI in der Praxis – Die 7 Säulen und 33 Sprichwörter für KI-Werte-Leitlinien in Unternehmen“ bei Springer Gabler.

KI Business School

Staffel Nr. 12 startet am 22. September, dienstags 17-19 Uhr.

Kleine Gruppen, live und online. Optional mit IHK Düsseldorf Zertifikat „KI-Business Manager”  

Anmeldung und Infos unter https://synnous.de/ki-weiterbildung-duesseldorf-ihk

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