Muse und Maschine // Foto: Gemini by Martha Giannakoudi
Mein Denken hat einen amerikanischen Akzent
Warum digitale Souveränität nicht nur ein politisches, sondern auch ein sehr persönliches Thema ist.
Ich sitze in einem Café in Thessaloniki und genieße einen Frappé. Meine Cousine fragt mich, ob ich ihr ein gutes Restaurant für ihren Geburtstag empfehlen kann. Ich kenne die Stadt nicht gut genug — also frage ich ChatGPT. Die Antwort kommt sofort. Fünf Restaurants. Alle in der Nähe des Weißen Turms. Alle mit englischen Webseiten. Alle mit 4,5 Sternen auf TripAdvisor. Meine Cousine schaut mich an, lächelt. Und sagt nur: „Dort geht kein Grieche hin.“ In diesem Moment wurde mir mal wieder etwas über KI klar, was ich vorher nur intellektuell wusste: Die KI kennt Thessaloniki nicht wirklich. Sie kennt das Thessaloniki der Touristen aus deren Bewertungen im Internet.
KI-Expertin: Martha Giannakoudi, Geschäftsführerin des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Synnous
Die Maschine hat einen Akzent
Forscher haben es längst gemessen. Eine viel zitierte Studie trägt einen bezeichnenden Titel: „The Ghost in the Machine has an American Accent“. Die führenden KI-Modelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini spiegeln vor allem die Werte von Menschen in den USA wider. Western. Educated. Industrialized. Rich. Democratic. Kurz: WEIRD.
Das ist kein böser Wille. Es ist einfache Mathematik. Wer die meisten Texte ins Netz stellt, prägt, wie die KI denkt. Und das Internet spricht noch immer überwiegend Englisch. Und es denkt amerikanisch. Individualismus statt Gemeinschaft. Optimierung statt Beziehung, Effizienz statt Tiefe.
Der blinde Fleck hat einen Namen
Arabische, asiatische, afrikanische Kulturen oder auch griechische Alltagskultur. Sie sind nicht weg. Sie sind nur unterdokumentiert. Das hat sogar zur Folge, dass wenn ich wertebasierte Fragen in einer anderen Sprache stelle, trotzdem amerikanische Werte in den Antworten stecken.
Ich frage mich: Wenn ich in meiner täglichen Arbeit ChatGPT um Rat bitte – beim Formulieren, beim Entscheiden, beim Reflektieren – wessen Denkweise fließt dann in meine Antworten ein? Merke ich es überhaupt? Meine Antwort darauf ist so einfach wie unbequem: Ich merke es oft nicht. Die Antworten klingen einfach überzeugend. So rund, ohne Ecken und Kanten.
Synnous. Mit Verstand
Unser Firmenname kommt aus dem Griechischen. Nicht aus dem Englischen. Nicht aus dem Amerikanischen. Er steht für eine Art zu denken, die nicht immer die schnellste Antwort sucht, sondern die richtige Frage. Um wirklich zu denken.
In meinem Buch Ethische KI in der Praxis beschreibe ich sieben Säulen für den verantwortungsvollen Umgang mit KI. Eine davon ist Menschenzentriertheit. Und ich meine das nicht abstrakt. Ich meine: Welcher Mensch? Mit welcher Herkunft? Mit welchen Werten?
Ebenfalls habe ich 33 Sprichwörter ausgesucht, denn Sprichwörter sind kondensierte Weisheit. Generationen von Menschen haben Erfahrungen gemacht, Muster erkannt und das in einfachen Sätzen verdichtet. Die halten sich im Gedächtnis, werden weitergesagt, entstehen in Gesprächen.
Digitale Souveränität ist nicht nur ein Thema für Politiker und Regulierer. Es beginnt bei mir, bei Dir und bei der Frage: Wessen Stimme höre ich, wenn ich die KI frage?
Die KI ist ein Werkzeug. Ein mächtiges. Aber Werkzeuge formen auch den, der sie benutzt, wenn man nicht gut aufpasst.
Ich will weiterhin griechisch denken dürfen. Europäisch. Menschlich. Mit Verstand.
Meine simpelste Empfehlung? Lies mehr. Und vor allem: lies Poesie. Sie ist dicht. Mit Emotionen, Wissen, Weisheit. Sie lehrt uns die Kraft des Wortes, dass Worte eine Herkunft haben, eine Haltung, eine Seele. Genau das, was KI nicht hat.
Martha Giannakoudi
// Martha Giannakoudi gründete 2010 das Beratungsunternehmen Synnous mit Sitz im Düsseldorfer Medienhafen. Spezialisiert auf Personalmanagement und digitale Transformation, begleitet sie Unternehmen dabei, Technologie und Menschlichkeit in Einklang zu bringen.
// Seit 2023 bietet Synnous diverse KI-Formate an. 2024 folgte die Gründung der „KI Business School“ mit dem IHK-Abschluss zum „KI Business Manager“. Das Ziel ist Fach- und Führungskräfte und Unternehmen zu befähigen, KI strategisch und verantwortungsvoll einzusetzen.
// 2025 erschien ihr Buch „Ethische KI in der Praxis – Die 7 Säulen und 33 Sprichwörter für KI-Werte-Leitlinien in Unternehmen“ bei Springer Gabler.
KI Afterwork VII: Wie personalisiere ich meine KI?
KI Business School Düsseldorf
Wer KI mit Verstand und eigener Haltung einsetzen will, ist in der KI Business School genau richtig. Die nächsten Staffeln starten bald und zwar immer in persönlichen Online-Sitzungen, um den Austausch, das Gespräch und das Denken zu fördern.
Weitere Infos zur KI Business School gibt es hier.
