23 September 2022

Das Runde muss ins Eckige

Das Runde muss ins Eckige

Was für Fußballspieler und Fußballtrainer Sepp Herberger (1897-1977) und die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, stellt viele Mädchen und Jungen mit geistiger Beeinträchtigung vor eine echte Herausforderung –
hinzu kommt ein Mangel an Gelegenheit. Sportangebote sind für diese Kinder nicht vorgesehen. In Vereinen mitzuspielen, funktioniert einfach nicht. Hier stößt Inklusion an ihre Grenzen. Die beiden Heilerziehungspfleger Ben Rückerl und Stefan Plötz wollten das ändern und gründeten 2012 die Bananenflankenliga in Regensburg, um mit den Kindern „professionellen Fußball“ mit Trikots und allem Zipp und Zapp zu spielen. Mittlerweile gibt es bundesweit 19 Standorte und seit Mai 2022 auch einen Bananenflankenverein in Düsseldorf. Wir fuhren zum Training, um uns das Fußballprojekt live an einem Samstagmorgen auf den Soccer-Courts bei Cosmo Sports in Gerresheim anzusehen.

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Die Bananenflanke macht mit allen etwas

Bananen was? Für Nicht-Fußballer: Mit einer Bananenflanke ist eine Flanke vor dem gegnerischen Tor mit stark gekrümmter Flugbahn – quasi in Form einer Banane – gemeint. Seit 2012 hat der Terminus technicus noch eine weitere Bedeutung. Seitdem gibt es die Bananenflankenliga, die es Kindern mit geistiger Beeinträchtigung ermöglicht, in der Öffentlichkeit zu trainieren. Wie die Idee von Regensburg ihren Weg nach Düsseldorf fand, erzählt uns Benjamin Koch. 

Die Bananenflanke macht mit allen etwas

Bananen was? Für Nicht-Fußballer: Mit einer Bananenflanke ist eine Flanke vor dem gegnerischen Tor mit stark gekrümmter Flugbahn – quasi in Form einer Banane – gemeint. Seit 2012 hat der Terminus technicus noch eine weitere Bedeutung. Seitdem gibt es die Bananenflankenliga, die es Kindern mit geistiger Beeinträchtigung ermöglicht, in der Öffentlichkeit zu trainieren. Wie die Idee von Regensburg ihren Weg nach Düsseldorf fand, erzählt uns Benjamin Koch. 

„Seit 2015 ist die Bananenflanke ein Projekt, das von Round Table als nationales Projekt unterstützt wird. Ich war 2016 noch in Köln Mitglied und wollte daraus ein lokales Projekt machen und gründete zusammen mit anderen Tischmitgliedern in Köln einen Verein. 2017 bin ich dann nach Düsseldorf gezogen und seitdem beim Round Table Düsseldorf aktiv und wollte zusammen mit Alexander Prinz von Croÿ unbedingt auch hier einen Bananenflankenverein ins Leben rufen.“ 

Round Table nennt sich eine Vereinigung junger Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren mit unterschiedlichen Berufen und Wirkungsbereichen. Die Service-Organisation ist weltweit in 60 Ländern vertreten. Sie hat ihren Ursprung in der Tradition des englischen Clublebens, wenn nicht sogar – so die Vermutung der Autorin dieses Artikels – in der Tafelrunde von König Artus, der als „primus inter pares“ – als Erster unter Gleichen – mit seinen Rittern an einer runden Tafel saß. Kämpften die christlichen Ritter der sagenumwobenen Tafelrunde Erec, Iwein und Gawein noch gegen menschliche Übeltäter und Drachen, ist die moderne Tafelrunde aktiv für andere im Einsatz. Parteipolitisch und konfessionell neutral pflastern sie Straßen, kaufen alte Schwimmbäder, damit Kinder dort in den Sommerferien Zeit verbringen können oder bauen auch schon einmal einen Carport. Wer eine Idee hat, wo Hilfe gebraucht wird, stellt sein Serviceprojekt der jeweiligen Tischgemeinschaft vor und dann wird entschieden, was umgesetzt wird. In Düsseldorf hat der Round Table eine lange Tradition. Hier wurde der bundesweit dritte Round Table im Jahr 1955 gegründet und heißt deshalb Round Table 3.

Wenn Benjamin Koch sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht locker. Vermutlich liegt das auch daran, dass der Vertriebler bei einem großen Softwareunternehmen nach dem Motto „Man muss Menschen mögen“ gerne auf sie zugeht. So holte er für seine Idee zunächst die Lebenshilfe und Fortuna Düsseldorf ins Boot und schrieb einen Förderantrag an die Stadtsparkasse Düsseldorf. 

„Die Idee, das Projekt auch in Düsseldorf umzusetzen, hat uns in jeder Hinsicht begeistert. Es ist  großartig, dass die Kinder über die Chancen des Teamsports etwas Neues für sich entdecken können. Zudem glaube ich, dass Initiativen wie die Bananenflanke eine gute Möglichkeit sind, um über das öffentliche Bewusstsein mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung zu generieren“, so Karin-Brigitte Göbel, Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Düsseldorf. 

Für die Kosten, die ein Verein zu stemmen hat, reichte es aber noch nicht. Koch sammelte weiter. Beim Verbund empfehlenswerter Unternehmen (VEU) spendeten spontan 15 Unternehmerinnen und Unternehmer 250 Euro, die die Spendenorganisation It´s for Kids verdoppelte. Am Ende des Spendenmarathons hatte Koch 11.000 Euro zusammen. 

„Das erste Fußballtraining fand mit Unterstützung der Kölner Bananenflanken-Trainer und weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern mit über 30 Kindern im April statt“, berichtet Koch. 

Gründung am Protesttag

Am 5. Mai 2022, dem internationalen Protesttag der Menschen mit Behinderung, fand im Uerige die Vereinsgründung der Düsseldorfer Bananenflanke statt. Am 18. Juni fand das erste Kick-off-Turnier statt und seit August wird wöchentlich trainiert. 28 Mitglieder zählt der Verein aktuell. Betreut werden die Trainingseinheiten von jeweils zwei weiblichen und zwei männlichen Coaches. 

Als wir in den Soccer-Court kommen, stehen viele Eltern am Rand und sehen zu, was auf der Spielfläche passiert. Die Kinder stellen sich im Kreis auf und nennen ihre Namen. Dann werden sie in zwei Gruppen eingeteilt, denn die Altersstruktur reicht von vier bis 17 Jahren. Rote Hütchen werden aufgestellt und am Ende des Parcours versuchen die Kinder, ein Tor zu schießen. Torwart Eren (10) lässt viele Bälle durch, aber wenn er einen Ball zurückkickt, dann freut er sich sichtlich, läuft an die Bande, klatscht mit den Zuschauern und lacht.

Der Schatzmeister des Vereins, Ingo Beckwermert, ist ebenfalls zum Training erschienen, obwohl sein Sohn Anton (13), der Trisomie 21 hat, heute nicht dabei sein kann, weil er sich den Fuß verknackst hat. „Solche Angebote für Kinder mit geistiger Behinderung gibt es sonst nicht. Sport und Bewegung in einem geschützten Raum tut ihm einfach gut, weil Anton eher zurückhaltend ist“, so der Vater. 

Man spürt, dass sich so etwas wie ein Teamgeist entwickelt. Jedes Erfolgserlebnis, jeder gute Schuss bringt Freude und steigert das Selbstwertgefühl der Kinder. Und jeder kann sein, wie er ist. Als ich Leo (13) frage, wie er das Training findet, sagt er: „Cool“ und er erzählt mir, dass er in Düsseldorf geboren ist und in der S2 gute Noten hat. Auf die Frage, wie er mit den anderen Kindern klarkommt, guckt er mich verständnislos an. Leo ist Autist, erfahre ich von seiner Mutter. Einen kleinen Fußballer spreche ich auf dem Feld an, doch er läuft mit dem Ball an mir vorbei. „Er ist nonverbal“, erklärt mir seine Mutter. 

„Das Besondere an der Bananenflanke ist das Training unter fachlicher Anleitung, für das wir letztlich auch das meiste Geld benötigen. Jeder Coach wird von uns bezahlt. Das kostet den Verein rund 6.000 Euro im Jahr. Mit den Mitgliedsbeiträgen, die bewusst niedrig gehalten sind, damit alle Eltern sich das leisten können, können wir das nicht finanzieren. Und wir haben dann auch noch kein Turnier und kein Auswärtsspiel für die Kinder organisiert und auch noch nicht die Miete für den Soccer-Court, wobei Cosmo Sport uns da sehr entgegenkommt“, so Koch. 

Am 5. Mai 2023 feiert die Bananenflanke Düsseldorf ihr erstes Jubiläum. Derzeit laufen Anfragen bei der Stadt, weil der Verein ein Turnier organisieren möchte – am liebsten auf dem Marktplatz oder auf dem Corneliusplatz. „Wir möchten mit den Kindern in die Mitte der Stadt, damit sie auch in die Herzen der Menschen rücken“, plant Vereinsgründer Benjamin Koch. Die Bananenflankenliga stellt hierfür mobile Soccer-Courts zur Verfügung. Beim Turnier werden die Bananenflanken-Kicker alle professionelle Trikots tragen, natürlich in Rot-Weiß mit blauen Stutzen in den Farben des Düsseldorfer Stadtwappens.

Wenn Koch einen Wunsch frei hätte? „Dass am 6. Mai unsere Kinder mit den Trikots beim Heimspiel an der Hand der Fortuna-Spieler ins Stadion einlaufen.“

Susan Tuchel