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In meiner letzten Kolumne erzählte ich von einer Führungskraft aus einem internationalen Finanzunternehmen. Hohe Verantwortung. Permanente Erreichbarkeit. Entscheidungen im Minutentakt. Beim letzten Termin wirkte er verändert. Nicht entspannter. Nicht weniger beschäftigt. Aber ruhiger. Ich fragte ihn, was passiert sei. Er lächelte kurz. Die Probleme sind dieselben. Aber ich reagiere nicht mehr auf alles.“

Dieser Satz hallt nach. Denn wir sprechen in Unternehmen ständig über Resilienz. Resilienz-Trainings, Resilienz- Programme, resiliente Teams. Fast immer geht es dabei darum, Belastung besser auszuhalten. Ich glaube, genau darin liegt ein Missverständnis. Psychisch gesunde Menschen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie besonders viel aushalten. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie entscheiden können, worauf sie überhaupt reagieren.

In den vergangenen Jahren hat sich unsere Arbeitswelt grundlegend verändert. Künstliche Intelligenz bewertet Risiken. Algorithmen priorisieren Informationen. Dashboards zeigen Entwicklungen in Echtzeit. Noch nie standen uns so viele Daten zur Verfügung. Und dennoch berichten viele Menschen, dass sie sich innerlich orientierungsloser fühlen als früher. Warum das so ist? Weil Informationen Orientierung nicht ersetzen. Orientierung entsteht nicht im Außen. Sie entsteht im Inneren. Ein psychologischer Gedanke, der häufig mit Viktor Frankl in Verbindung gebracht wird, bringt diese Dynamik auf den Punkt: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum entsteht die Möglichkeit, bewusst zu wählen. Dieser Raum ist klein geworden. Nicht, weil wir uns verändert hätten. Sondern weil unsere Umwelt immer schneller geworden ist. Eine Nachricht, eine Push-Mitteilung, eine neue Kennzahl, eine Prognose der KI.

Susanne Franke, Psychologische Psychotherapeutin mit Praxen in Düsseldorf und Erftstadt, begleitet mit Erfahrung, Empathie und fundierter therapeutischer Expertise. // Foto: privat

Noch bevor wir verstanden haben, was gerade geschieht, fühlen wir uns bereits zum Handeln aufgefordert. Der Reiz jagt die Reaktion.  Der Mensch verschwindet dazwischen.

In meiner Arbeit beobachte ich etwas, das in keiner Stellenbeschreibung auftaucht. Viele Führungskräfte verlieren ihre Souveränität nicht durch falsche Entscheidungen. Sie verlieren sie, weil sie sich das Denken abnehmen lassen. Nicht bewusst, sondern schleichend. Psychologisch lässt sich hier eine zunehmende Externalisierung der Orientierung beobachten. Je stärker Menschen beginnen, Bewertungen ausschließlich an Zahlen, Prognosen oder äußeren Erwartungen auszurichten, desto schwächer wird die Verbindung zur eigenen inneren Autorität. Sie fragen immer häufiger: „Was ist die richtige Entscheidung?“ Statt: „Welche Entscheidung entspricht meiner Haltung?“ Das ist ein entscheidender Unterschied.

Deshalb spreche ich lieber von psychologischer Souveränität als von Resilienz. Psychologische Souveränität bedeutet nicht, nicht belastbar zu sein. Sie bedeutet, sich auch unter Druck nicht von Automatismen führen zu lassen. Sie beginnt dort, wo zwischen Impuls und Handlung wieder ein bewusster Moment entsteht.

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Das Franke-Modell übersetzt psychologische Komplexität in Orientierung.

Wahrnehmen. Was geschieht gerade in mir?

Verstehen. Warum löst diese Situation genau diese Reaktion aus?

Klären. Welche Werte und welches Ziel sollen meine Entscheidung leiten?

Handeln. Nicht automatisch, sondern bewusst.

Erst dann entsteht etwas, das Algorithmen nicht leisten können: Urteilsfähigkeit.

Psychologisch sind dabei zwei Fähigkeiten von zentraler Bedeutung. Die erste ist die psychologische Flexibilität – die Fähigkeit, auch unter Druck entsprechend der eigenen Werte zu handeln, anstatt sich ausschließlich von Emotionen, Gewohnheiten oder äußeren Erwartungen leiten zu lassen. Sie ermöglicht es, zwischen verschiedenen Handlungsoptionen bewusst zu wählen, selbst wenn Unsicherheit bestehen bleibt.

Die zweite Fähigkeit ist die emotionale Selbstregulation. Sie bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken oder jederzeit gelassen zu bleiben. Vielmehr geht es darum, Emotionen wahrzunehmen, ihre Botschaft zu verstehen und sie in Entscheidungen einzubeziehen, ohne von ihnen beherrscht zu werden. Wer Angst, Ärger oder Zeitdruck nicht sofort in Handlung übersetzt, gewinnt genau jenen inneren Raum zurück, den Viktor Frankl beschrieben hat.

In meiner therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder: Psychologische Souveränität entsteht nicht dadurch, dass belastende Gefühle verschwinden. Sie entsteht, wenn Menschen lernen, mit ihnen in Kontakt zu bleiben, ohne ihnen die Führung zu überlassen. Erst dann wird aus einer spontanen Reaktion eine bewusste Entscheidung.

Der kanadische Psychologe Albert Bandura (1925-2021) beschrieb mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit die Überzeugung, schwierige Situationen aus eigener Kraft gestalten zu können. Diese Überzeugung entsteht jedoch nicht dadurch, dass Probleme verschwinden. Sie entsteht durch die Erfahrung, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Genau deshalb wirken souveräne Menschen oft ruhiger. Nicht weil sie weniger Verantwortung tragen, sondern weil sie Verantwortung nicht mit permanenter Reaktion verwechseln.

Die Führungskraft aus dem Finanzunternehmen formulierte es beim Abschied einfacher als jede Theorie:

„Ich entscheide nicht weniger. Ich entscheide bewusster.“

Vielleicht ist genau das elegante Resilienz. Nicht jedem Impuls zu folgen. Nicht jede Unsicherheit sofort auflösen zu müssen. Nicht jede Prognose zur Wahrheit zu erklären, sondern den inneren Kompass auch dann zu behalten, wenn das Außen immer schneller wird. Denn psychologische Souveränität entsteht nicht dadurch, dass das Leben einfacher wird. Sie entsteht dadurch, dass der Mensch sich selbst im Wandel nicht verliert.

Die Zukunft gehört vermutlich nicht den Menschen, die am schnellsten reagieren. Sondern denen, die trotz Geschwindigkeit den Mut behalten, bewusst zu entscheiden. Das ist für mich psychologische Souveränität.

Beobachten Sie sich in den kommenden Tagen einmal selbst:

Bei welcher Entscheidung reagieren Sie automatisch?

Und bei welcher nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um bewusst zu wählen?

Vielleicht beginnt psychologische Souveränität genau dort – in diesem kleinen Unterschied.

Diese Kolumne ist Teil der Serie zur psychologischen Souveränität im Zeitalter von Dauerwandel und KI.

Teil 3: Autorität entwickeln „Elegante Resilienz – Innere Autorität in Zeiten algorithmischer Entscheidungen“

Teil 4:  Reife integrieren „Reife als Souveränität im Ungewissen – Menschlichkeit als strategische Stärke“

 

Mit Empathie, Klarheit und fachlicher Tiefe

Susann Franke ist Dipl.-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin mit Praxen in Düsseldorf und Erftstadt. Mit über 14.000 geführten psychologischen Gesprächen sowie langjähriger Erfahrung in Verhaltenstherapie, EMDR und klinischer Hypnose begleitet sie Menschen in Verantwortung dabei, auch unter Druck klar, handlungsfähig und psychologisch souverän zu bleiben.

Vor ihrer therapeutischen Tätigkeit war sie unter anderem bei Accenture, KPMG, Kienbaum sowie als Personalleiterin tätig. Diese Verbindung aus psychotherapeutischer Expertise und wirtschaftlicher Erfahrung prägt ihren Blick auf Führung, Entscheidungsprozesse und die psychologischen Faktoren, die Menschen und Unternehmen oft unbemerkt Leistung, Orientierung und Potenzial kosten.

Mit dem von ihr entwickelten Franke-Modell beschreibt sie einen Weg von der Wahrnehmung über Verstehen und Klärung hin zu bewusstem Handeln. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht der Begriff der psychologischen Souveränität. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der psychologischen Begleitung in den Wechseljahren, bei denen berufliche Verantwortung, körperliche Veränderungen und persönliche Neuorientierung häufig zusammenkommen.

Wenn Sie Ihre mentale Klarheit stärken und Ihre innere Orientierung im beruflichen und gesellschaftlichen Wandel bewahren möchten, finden Sie weiterführende Informationen und Terminmöglichkeiten unter:

www.therapie-franke.de

Termine können Sie auch einfach über meinen Jameda-Kalender buchen.

https://www.jameda.de/susann-franke/psychologischer-psychotherapeut-psychologe/duesseldorf

Für Menschen in Verantwortung, die bewusst führen, sich selbst und andere – und bewusst leben möchten.

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