Claudia Hillenherms, Vorstandsmitglied bei der NRW.Bank, im ZOO:M-Interview

Früher waren Vorstände meist distinguierte „graue Herren“, die hinter verschlossenen Türen agierten. Heute sind die Vorstandsetagen zum Glück nicht nur viel bunter, sondern auch diverser und transparenter geworden. So haben wir in Deutschland momentan den höchsten Frauenanteil aller Zeiten erreicht. Seit Jahresmitte 2022 ist jedes siebte Vorstandsmitglied in DAX, MDAX und SDAX eine Frau. Knapp vier von zehn neu bestellten Vorständen im ersten Halbjahr sind Frauen. Dennoch bleiben viele Vorstände deutscher Konzerne mehrheitlich eine reine Männerdomäne. Derzeit sind 51 Prozent der Vorstandsgremien der börsennotierten Unternehmen ausschließlich männlich besetzt. Mindestens zwei weibliche Vorstandsmitglieder gibt es aktuell nur in jedem neunten Unternehmen.*

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Bedingt durch den neuen Zeitgeist und die Erwartung der Mitarbeitenden hat sich auch der Führungsstil in vielen Unternehmen gewandelt. Den „neuen“ Führungskräften geht es weniger darum zu kontrollieren, sondern vor allem darum, neue Räume zu eröffnen. Freiräume, in denen Mitarbeitende eigenständig Entscheidungen treffen, mehr Entwicklungsspielraum haben und flexibel auf sich beständig verändernde Rahmenbedingungen reagieren können.

Einem nahbaren Führungsstil „auf Augenhöhe“ hat sich auch das neue Vorstandsmitglied der NRW.Bank, Claudia Hillenherms, verschrieben. Das spiegelt sich schon in ihrem Auftreten wider. Die Top-Entscheiderin kommt farbenfroh, locker, fröhlich und vor allem menschlich daher. Seit Sommer dieses Jahres verantwortet Claudia Hillenherms als eine von vier Vorständen bei der Förderbank für Nordrhein-Westfalen die Bereiche Finanzen, Förderprogrammgeschäft, Informationstechnologie und Services, Governance und Organisation sowie die Wohnraumförderung. Im Interview verriet sie uns, worauf es ihr dabei besonders ankommt.

Welche Einstellung haben Sie gegenüber Ihrer neuen Rolle als Vorstandsmitglied? 

Ich versuche so zu sein, wie ich es mir gewünscht hätte, als ich noch Bereichsleiterin war und häufig mit Vorständen zu tun hatte. Insbesondere möchte ich Distanz abbauen und versuche sehr nahbar zu sein.
Wenn ich mich früher getraut habe, mit Vorständen auf Augenhöhe zu sprechen, haben sie sich meist darauf eingelassen. Dafür brauchte ich ein bisschen Mut. Heute versuche ich den Menschen zu ermöglichen, dass sie diesen Mut nicht mehr brauchen.

Wie bereitet man sich auf eine
solche Position vor? 

Vorbereitet habe ich mich durch meine beruflichen Erfahrungen. Ich war bereits Mitglied der Geschäftsleitung der WI Bank, der Förderbank des Landes Hessen. Diese ist eingebettet in die Helaba (Landesbank Hessen-Thüringen). Bei der Helaba habe ich den Bereich Risikocontrolling geleitet. Als Abteilungsleiterin Beteiligungen habe ich viele große und wichtige Unternehmenstransaktionen für die Helaba verantwortet. Außerdem war ich beim Bankenrettungsfonds der Bundesrepublik Deutschland. All das hat mich in die Vorstandsposition hineinwachsen lassen.

Was steht für Sie gerade im Fokus? 

Für uns als NRW.Bank steht vor allem die Digitalisierung im Vordergrund. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis 2025 die digitalste Förderbank zu werden. Natürlich ist die Nachhaltigkeit nicht erst seit den Landtagswahlen für uns ein sehr wichtiges Element. Nachhaltigkeit ist für die NRW.Bank bereits seit vielen Jahren ein zentrales Leitmotiv und wesentliches Kriterium bei ihren geschäftspolitischen Entscheidungen. Sie gewinnt aber durch den Koalitionsvertrag der Schwarz-Grünen Landesregierung noch mehr an Gewicht. Digitalisierung und Nachhaltigkeit berühren natürlich auch meine Aufgaben. Ich bin zuständig für das klassische Back-Office, also Finanzen, Förderprogrammgeschäft, IT und Services, Governance und Organisation sowie die Wohnraumförderung. Ohne digitale Prozesse läuft hier nichts. Wir müssen bestmögliche IT-Lösungen schaffen, um einerseits für unsere Mitarbeiter flexible Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen und auf der anderen Seite unsere Kunden da zu erreichen, wo sie sich befinden: mit diversen Informationsmöglichkeiten, digitalen Antragsmöglichkeiten bis hin zu einem vollautomatischen Förderprogramm. So helfen wir dem Land, den Menschen und Unternehmen und auch den Kommunen.

Gibt es konkrete Fördermaßnahmen, zum Beispiel in der Wohnraumförderung?

Wir sind zuständig für den sozialen Wohnungsbau. Dieses Thema war uns schon immer sehr wichtig und unter den aktuellen Rahmenbedingungen gewinnt bezahlbarer Wohnraum noch mehr an Dringlichkeit. Hier spielt die aktuelle Energiekrise eine bedeutende Rolle. Wir müssen vermehrt dafür Sorge tragen, dass Menschen sich das Wohnen noch selbst leisten können und nicht darauf angewiesen sind, dies nur aus Zuschüssen zu realisieren, obwohl sie arbeiten gehen. Ich glaube das macht viel mit einem Menschen.
Das Land Nordrhein-Westfalen engagiert sich aktuell sehr stark dafür. Die neue Landesregierung hat die Förderprogramme nochmal um 20 Prozent aufgestockt. Damit mehr bezahlbarer Wohnraum entsteht.  Damit können Investoren auch rückwirkend für das Jahr 2021 Mittel beantragen, um gestiegenen Baukosten, Materialknappheit oder Engpässen bei der Verfügbarkeit von Handwerksunternehmen Rechnung zu tragen. 

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Besonders wichtig ist mir die Nachhaltigkeit, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Nachhaltigkeit die Basis dafür ist, dass wir weiterhin wirtschaftlich agieren können. Viele denken ja, das eine schließt das andere aus. Ich glaube, das eine ist die Basis für das andere.
Dazu gehört für mich auch die Digitalisierung, denn ohne die Digitalisierung können wir die Nachhaltigkeit nicht managen.

Was motiviert Sie?

Die Vielfalt des Landes Nordrhein-Westfalen. Das war es auch, was mich an meiner neuen Aufgabe besonders gereizt hat. Nicht nur, dass es das am stärksten besiedelte Land ist, sondern der Mix aus Start-ups, starkem Mittelstand, unterschiedlichen Kulturen und der Fähigkeit, zwischen Tradition und Innovation den Wandel zu gestalten – diese Vielfalt macht Nordrhein-Westfalen aus. Mich motiviert es, hier mit dem Vorstand, mit den Mitarbeitenden, mit den Kolleginnen und Kollegen gestalten und helfen zu können und damit das Land NRW auch ein Stück weiterzubringen.

Wo stehen Sie persönlich bei der Genderdebatte?

Sprachlich versuche ich von den Mitarbeitenden zu sprechen, weil ich glaube, dass der Sinn der Worte sich mit dem Gendern ab und an verliert. Unabhängig davon stehe ich als Frau dem Thema natürlich sehr offen gegenüber. Ich bin auch häufig als Mentorin gefragt. Ich glaube, man muss auch immer sehr genau hinschauen, wie man in welcher Situation agiert, um alle gesellschaftlichen Gruppen gleichermaßen mitzunehmen. Generell ist uns das Thema Gleichstellung in der Bank sehr wichtig. Das geht über einen Gleichstellungsplan und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bis zum Anteil an Frauen in Führungspositionen. Mit einer Frauenquote von über
30 Prozent in Führungspositionen – im Vorstand sogar 50 Prozent –  stehen wir im Vergleich zu anderen Häusern sehr gut da. 

Hat die Pandemie aus Ihrer Sicht mehr negative Auswirkungen für berufstätige Frauen?

Es gibt einen einzigen positiven Faktor, den ich der Pandemie abgewinnen kann, das ist das, was jetzt als „new work“ in aller Munde ist. Ohne Pandemie hätten wir wahrscheinlich mindestens eine Dekade länger gebraucht, um dort anzukommen, wo wir heute sind. Wir haben es geschafft völlig flexibel und mobil das Arbeiten von Zuhause aus zu ermöglichen – für Frauen wie für Männer gleichermaßen. Das war in der NRW.Bank vom ersten Tag an so. Wir haben nicht nur durch die technische Unterstützung, sondern auch, indem wir die Arbeitszeiten flexibilisiert haben, entsprechende Erleichterungen geschaffen und andere Arbeitszeitmodelle ermöglicht. Wir haben heute in der NRW.Bank eine mobile Arbeitsquote von 50 Prozent, insofern können Frauen und Männer hier sehr flexibel arbeiten.
Es war sicherlich nicht immer einfach vor dem Hintergrund von Kita- und Schulschließungen die Kinderbetreuung sicherzustellen und gleichwohl den Arbeitsalltag abzuwickeln. Wenn es um die beruflichen Nachteile für Frauen geht, war vielleicht noch die Frau diejenige, die stärker gefragt war, dies zu managen. Aber ich blicke optimistisch in die Zukunft und hoffe, dass dies bald der Vergangenheit angehört.

Sind Top-Positionen in der Wirtschaft eine Typ-frage? Werden die Weichen vielleicht schon in der Kindheit gestellt?

Ja, ich glaube, dass die Weichen schon sehr früh gestellt werden, vor allem, was eine gute Bildung und Persönlichkeitsentwicklung angeht. Man muss sehr selbstbewusst sein und an sich glauben. Man muss Entscheidungen treffen wollen, die auch nicht immer bequem sind. Insofern ist es aus meiner Sicht eher keine Typfrage, sondern eine Frage von Selbstbewusstsein und von Entwicklung von Kindesbeinen an. Das zweite Thema ist, dass auch die Chance da sein muss. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Man muss sichtbar sein. Dabei hilft es natürlich, wenn man gefördert wird und sich ein entsprechendes Netzwerk aufbaut.

Sollten Frauen noch mehr gefördert werden?

Ich bin persönlich eigentlich immer gegen eine Quote gewesen. Ich finde es aber gut, dass wir sie letztlich haben, denn wir brauchen sie als Initialzündung. Insofern kann ich die Frage klar bejahen. Ja, Frauen müssen gefördert werden, damit wir zunächst in ein gewisses Gleichgewicht kommen.

Ist Macht für Sie ein Thema?

Nein, ich bin der Meinung, dass die Entscheidungen im Konsens, unter Einbeziehung möglichst vieler unterschiedlicher Blickwinkel die besten sind, und halte wenig von Entscheidungen, die man durchdrücken muss. Ich denke schon, dass man auch mal mit Nachdruck in die Umsetzung gehen muss. Dabei würde ich aber eher von einer Umsetzungsverantwortung sprechen. Natürlich habe ich als Vorstand die Verantwortung dafür, Dinge geschehen zu lassen. Das kann ich nie allein, das können auch wir als Vorstandskollegium nie allein, aber wir sind diejenigen, die es möglich machen müssen. Dabei müssen wir auch kommunizieren, was unserer Erwartung entspricht.

Wie sieht Ihr Führungsstil aus?

Ich schenke Vertrauen und erwarte im Gegenzug eine transparente und offene Kommunikation und ich erwarte Leistung. Mir ist es wichtig, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Das versuche ich dadurch, dass ich nahbar bin. Gerade in schwierigeren Situationen oder wenn Fehler passieren, ist es wichtig, sich darüber auszutauschen und sich nicht in Ausflüchte zu begeben, um dann gemeinsam daraus zu lernen und zu schauen, wie man es für die Zukunft besser gestalten kann.

Alexandra von Hirschfeld

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Analyse Mixed Leadership-Barometer Juli 2022 zum Anteil weiblicher Vorstandsmitglieder in deutschen börsennotierten
Unternehmen der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY

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