7 April 2021

Wir rocken das

Wir rocken das

Die Queen of Metal – in der Corona-Krise musste sie zum ersten Mal in ihrem Leben selbst einkaufen gehen und kochen. Aufgewachsen im Lkw ihres Vaters, wechselte sie in den Tourenbus ihrer Band. Mit 15 Jahren litt Doro an Tuberkulose im Endstadium und schwor sich: „Wenn ich das hier überlebe, will ich die Leute glücklich machen.“  Die Düsseldorferin hielt Wort. Sie gründete mehrere Bands, steht seit 38 Jahren auf der Bühne und legte in dieser Zeit unglaubliche 3.000 Live-Auftritte auf vier Kontinenten hin. Im Februar kam sie direkt aus Florida angeflogen, als ihre Mutter gegen SARS CoV-2 geimpft wurde. Wir nutzen die Gelegenheit, die Düsseldorferin in ihrer Heimatstadt für ein sehr persönliches Gespräch zu treffen.

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Doro, wie habe ich mir deine Kindheit im Lkw Deines Vaters vorzustellen? Und woher kamen das Klavier und die Musik in dein Leben?

Ich weiß, überall steht, dass mein Vater Lkw-Fahrer war, aber eigentlich hatte er ein Transportunternehmen in Oberrath. Ich bin wohl so etwas wie eine klassische Vater-Tochter. Er hat mich schon als Kleinkind überallhin mitgenommen. Wir fuhren mit dem Lkw durch ganz Deutschland. Manchmal war meine Mutter auch dabei. Wenn er ausladen musste, setzte er uns auch schon mal irgendwo ab und wir warteten stundenlang auf ihn. Wenn wir zu zweit auf Tour waren, habe ich gerne beim Ausladen geholfen. Mir war nie etwas zu viel, das ist auch heute noch so. Einmal saß ich alleine im Führerhaus, während mein Vater auslud. Ein Lkw hinter uns drängelte, ich wollte Platz machen und verwechselte den Vorwärts- mit dem Rückwärtsgang. Unser Lkw war hinten ziemlich Schrott, aber mein Vater blieb völlig ruhig. Für mich bedeutete das Auf-Tour-Sein die totale Freiheit. Den Beginn der Schulzeit habe ich dann als einen sehr herben Einschnitt empfunden. Mir fiel es schwer, an einem Ort zu sein. Außerdem hatten meine Mitschüler ganz andere Interessen als ich. Ich interessierte mich nur für Automobile. Sonntags wurden die Lkws für die Woche vorbereitet, Ölwechsel gemacht, Reifendruck geprüft. Unterwegs hörten wir den ganzen Tag Musik. Mein Vater war sehr musikalisch und spielte Klavier. Mit drei Jahren war „Lucille“ von Little Richard mein absolutes Lieblingslied. Das ist zwar von 1957, war aber schon ziemlich rockig. Ich bekam Klavierunterricht und fing an zu singen. Ich schwärmte für Alice Cooper, Suzi Quatro, T.Rex, The Sweet und Slade. Nach der mittleren Reife fing ich eine Ausbildung zur Typographin an, um Grafikerin zu werden. Nebenbei habe ich als Model an der Kunsthochschule gejobbt, bin dort aber immer wieder zusammengeklappt.

Und wie kam man dann auf die Diagnose Tuberkulose?

Das hat ein bisschen gedauert. Ich bin immer wieder auf den Kopf gestellt worden und zunächst fand man nichts, es hieß, ich bilde mir das alles nur ein. Ich bin auch gegen TBC geimpft worden, hatte davon aber vier kleine Pünktchen übrigbehalten, die nicht weggingen. Am Ende landete ich dann mit einer verschleppten Lungenentzündung in einem Krankenhaus in Düsseldorf mit der Diagnose Tuberkulose im Endstadium. Damals herrschten Zustände, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Wir waren zu acht Frauen im Zimmer. Es gab eine große Kiste für die Toten und immer war mein Brötchen weg, weil ich einfach zu schwach war, um mein Essen zu verteidigen. Als ich nachts einmal auf die Toilette musste, waren alle Frauen dort, rauchten und tranken und ich musste mitmachen, sonst hätten sie mich nicht auf die Toilette gelassen. Meine Mutter hat mich dort rausgeholt, was sie aber erst geschafft hat, nachdem sie mit der Presse gedroht hat. Ich kam in ein Krankenhaus in Solingen, insgesamt sieben Monate lang, und habe mir geschworen, wenn ich hier rauskomme, dann will ich die Leute glücklich machen und dabei hatte ich schon die Musik im Kopf. Zwei Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus machte ich meinen Traum wahr und wurde Sängerin der Band „Snakebite“. Wir probten zusammen mit anderen Underground-Gruppen jeden Tag in einer alten Fabrik auf der Ronsdorfer Straße und ehrlich gesagt wussten wir da noch gar nicht, dass wir Heavy Metal spielten. Wir haben einfach unsere Musik gespielt. Meine Ausbildung als Typographin habe ich auch noch zu Ende gemacht, was mir bis heute zugutekommt. Ich habe einen Blick für die Bildsprache meiner Poster, Cover und Vinyls. 1982 gründete ich mit anderen Musikern die Band „Warlock“, ein Jahr später kam die erste Platte europaweit raus und 1986 dann auch in Amerika, wo ich schon immer hin wollte. Aber wer in der Heavy Metal-Szene etwas werden wollte, musste erst in England bekannt sein. Beim „Monsters of Rock“- Festival 1986 in Castle Donington war ich die erste Frau auf der Bühne. Das war nur insoweit ein Problem, weil mir niemand beim Schnüren und Anziehen helfen konnte. In der Rock- und Metalwelt war ich schon eine Sensation, weil die damals eine reine Männerwelt war.

Das klingt nicht so, als ob du für die Frauenbewegung auf die Barrikaden gehen wolltest  …

Es war mir gar nicht bewusst damals, dass es etwas Besonderes war. Ich habe mich immer einfach als Mensch und als Bandmitglied gesehen. Bei unseren ersten Auftritten, da war ich 16, habe ich unseren 13-jährigen Gitarristen auf die Schulter genommen, weil er so klein war. Heute ist er 2 Meter groß, ich bin bei 1,55 Metern stehengeblieben.
Ich unterstütze aber Mädchen und Frauen weltweit und engagiere mich bei Terre de Femmes und kämpfe auch ganz besonders gegen human trafficking.

Und privat, wie hältst du es da?

Ich habe mich schon oft im Leben verliebt, hatte viele Boyfriends. Aber mit jemandem zusammenzuleben oder eine Familie zu gründen, ist mir nie in den Sinn gekommen. Das würde auch mit der Band nicht funktionieren, mit der ich nun schon seit 20 Jahren zusammen bin. Wenn wir auf Tour sind, leben wir alle zusammen im Bus. Da sollte sich auch niemand in ein anderes Bandmitglied oder in einen von der Crew verlieben, weil die anderen dann außen vor wären. Einmal hatte sich ein Musiker bei mir vorgestellt, da wusste ich, das könnte für mich schwierig werden. Ich habe ihn dann nicht genommen. Die Musik hat mich einfach immer mehr interessiert. Sie steht an erster Stelle, sie ist mein Leben. Meine zweite große Liebe war schon immer Amerika, vor allem das New York in den 80-er Jahren. Ich war zwei Tage dort und wusste, hier will ich bleiben. Den Traum habe ich dann auch gelebt, wobei sich in den letzten Jahrzehnten schon vieles verändert hat, nicht unbedingt zum Besseren. Ich hatte zunächst eine Wohnung neben dem World Trade Center, dann ein Haus in Long Island am Meer, das von einem Hurrican zerstört wurde, ebenso wie das Haus danach. Heute habe ich eine Wohnung in Florida und eine in Düsseldorf, denn hier ist schließlich meine Heimat. 

Du bist nicht nur Sängerin, sondern auch Song-Writerin. 2017 hast du mit „Für immer“ dein erstes deutschsprachiges Album veröffentlicht. „Für immer“ war 1987 deine erste deutschsprachige Single und wurde ein Kulthit. Wie entsteht deine Musik?

In meinem Kopf entstehen die Melodien und Texte, ich summe oft vor mich hin, schreibe schnell etwas auf, fange an zu texten und zu komponieren. Manchmal geht es da auch sehr emotional zu wie „In Liebe und Freundschaft“, der Song, der auch auf dem Album ist. Melodie und Text kamen mir am Grab meines Vaters. Ich heulte wie ein Schlosshund und da war der Song auf einmal da. Etwas, das so tief aus dem Herzen kommt, kommt auch bei den Menschen an, weil sie das spüren.

Du hast in Köln die Plattenfirma Rare Diamonds Productions gegründet, warum?

Um Picture-Vinyls für Sammler zu pressen, das ist nichts für große Plattenfirmen. Am 30. April bringen wir „Love me in black“ als Doppel-Vinyl in Weiß heraus, die gab es vorher nur als CD. Und im September wird meine neue CD und DVD/Blue Ray „Triumph and Agony“ Live herauskommen.

Wo steht Heavy Metal heute? 

Heavy Metal hat durch das Open-Air-Festival in Wacken einen unglaublichen Aufschwung bekommen. Was zwei Heavy Metal-Fans, die ihren Traum verwirklichen wollten, 1990 erstmals auf einem Acker in Schleswig-Holstein auf die Beine gestellt haben, ist heute ein weltweit bekanntes Event mit 85.000 Festival-Besuchern. Nirgendwo gibt es so schöne Bühnen und eine solche Pyrotechnik. Übrigens ist der Bauer, dem die Äcker gehören, gerade gestorben. 

Das Wacken Open Air ist Stand heute noch nicht abgesagt für dieses Jahr. Die Veranstalter wollen alles versuchen, dass das Festival stattfindet. Aber so oder so gehört die Musik- und Eventbranche wie die Gastronomie zu den meistbetroffenen in der Corona-Krise. Ich habe seit einem Jahr kaum Einnahmen und meine Ersparnisse gehen auch langsam zur Neige. Ohne die Sommerfestivals und die Touren bricht das meiste weg.

True at Heart

Stars haben sie einfach, ihre eigene Parfum-Linie. „True at Heart“ heißt das Parfum der Metal-Ikone. Seit 1993 hat Doro an ihrem Duft gearbeitet, jetzt ist er auf dem Markt – im handlichen 8 ml-Totenkopf-Flakon. Kopfnote: Vanille. Zu beziehen unter: 

www.Doroparfum.com

Bei deinen Jubiläen spielst du immer auch in Düseldorf, 2010 hast du deine 2.500 Live-Show hier gefeiert, 2012 dein 30-jähriges Bühnenjubiläum. Kurz vor dem Lockdown hast du im Haus der Jugend und in der Mitsubishi Electric Halle gespielt. In Worms warst du während des Lockdowns die erste Heavy Metal-Musikerin, die ein Drive-In-Konzert veranstaltet hat. In diesem Jahr stehst du am 1. Juni und am 15. Juli in
Duisburg und am 5. August bei „Strandkorb Open Air“ in Mönchengladbach auf der Bühne, warum nicht in Düsseldorf?

Ich wohne dann natürlich in Düsseldorf. Und wenn es bis dahin Lockerungen gibt, werde ich unter Garantie in den „Engel“, ins „Papidoux“ und „Die Blende“ gehen. Ich liebe die Düsseldorfer Altstadt und liebe es auch, hier zu spielen. Aber in diesem Jahr ein Konzert zu geben, das wäre dann schon sehr knapp, denn hinter jedem Konzert stecken viele Monate Arbeit, um es zu promoten. Was ich übrigens liebend gerne einmal machen würde, wäre eine Burgentour. Ruinen geben mir immer eine ganz besondere Energie.

Apropos Energie, in einer rosa Yoga-Hose kann ich mir dich nicht so recht vorstellen, wie bleibst du fit? 

Ich habe 1995 mit Thaiboxen angefangen und mache jetzt seit ca. fünf Jahren bei meinem Kung Fu Trainer Sifu Tobias Kleinhans Wing Chung und Eskrima. Wing Chung ist eine Kampfkunst, die auf eine Äbtissin aus einem Süd-Shaolin-Kloster in der Ming-Dynastie zurückgeht. Einer Legende nach soll sie Wing Chun erfunden haben, als ein Mädchen zu ihr kam, das schrecklich geschlagen wurde. Eine andere Legende erzählt von dem Kampf zwischen einem Kranich und einem Fuchs. Auf jeden Fall steckt die Idee dahinter, dass eine schwächere Person eine deutlich stärkere besiegen kann, was mir bei meiner Körpergröße und meinem Gewicht natürlich sehr entgegenkommt (lacht).Beim Eskrima trainieren wir mit Bambusstöcken und manchmal auch mit Messern. Man bekommt eine Auge dafür, wann es besser ist, wegzulaufen. Aber man lernt auch, auf sich und den anderen aufzupassen.

Alles, was du auf der Bühne  trägst, ist handgefertigt, aber  nicht aus Leder …

Ich bin Veganerin und liebe Tiere über alles. Mit Hunden und Pferden aufgewachsen, hielt ich zwei Papageien und hätte nie gedacht, dass man an denen so hängen kann. In Deutschland unterstütze ich den Pferdehof „Liberty‘s home“ in Weeze und in Österreich habe ich zwei Pferde adoptiert und bin dort noch Patin von anderen Tieren auf Gut Aiderbichl, wo ausgemusterte Hunde, Katzen, Pferde, Schweine, Papageien bis hin zu Frettchen ein Zuhause finden.

Aber vegan kochen kannst du nicht?

Früher hatten wir immer einen Catering-Bus mit auf Tour, heute werden wir vor Ort von den Veranstaltern versorgt, ich bin halt immer auf Achse. Aber im Dezember habe ich bei Specki T.D. in Extremo an einer Kochshow teilgenommen. Er hatte mich einfach überredet und das hat im Nachhinein etwas in mir bewegt. Ich habe in der Show einen Salat mit essbaren Blumen gemacht, dekorieren kann ich ohnehin gut. Seitdem habe ich im Lockdown alles Mögliche ausprobiert, manches ging auch daneben. Aber ich esse schon sehr gesund und achte auf mich, denn ich will unbedingt fit bleiben für meine Musik und meine Fans.

Susan Tuchel

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