29 Juni 2022

VIROLOGIE ZUM ANFASSEN

VIROLOGIE ZUM ANFASSEN

Mit dem Stereotyp eines weltfremden Wissenschaftlers hat der Virologe Hendrik Streeck, der mehrere Jahre in Düsseldorf Pempelfort gelebt hat, nicht viel gemeinsam. Er ist Direktor des Instituts für Virologie an der Universitätsklinik Bonn und trotzdem in der ganzen Welt zu Hause, forschte sogar bereits für das US-Militär. In dieser Zeit entstand auch die Idee zu seinem neuen Buch mit dem Titel „Unser Immunsystem“, das sehr lebensnah, verständlich und auch für Laien nachvollziehbar geschrieben ist. Kreativ illustriert mit Zeichnungen aus der Feder des Virologen eröffnet es einen interessanten Einblick in unser Körperuniversum. Anhand des Alltagslebens einer Studenten-WG wird humorvoll erläutert, wie die „Wunderwaffe“ unseres Körpers funktioniert: wofür Rezeptoren, Enzyme, Fresszellen und weiße Blutkörperchen in unserer körpereigenen Armee zuständig sind, wie das Immunsystem Bakterien, Viren und Co. abwehrt und wie wir es am besten stärken.

Wir trafen Prof. Doktor Hendrik Streeck in Düsseldorf bei einer Lesung aus seinem Buch und besuchten ihn anschließend in Bonn am Institut für Virologie in seinem Labor, wo er gerade an den neusten Corona-Studien arbeitet bzw. das „Zerstörungsverhalten“ des Covid-19-Virus erforscht. „Nebenbei“ bereitet er eine Forschungsreise an den Amazonas vor, um im Dschungel auf Virensuche zu gehen. 

Was für eine Beziehung haben Sie zu Düsseldorf?

Ich habe sehr gerne in Düsseldorf gelebt. Düsseldorf hat für mich wirklich Lebensqualität. Am liebsten bin ich am Rhein gejoggt, habe aber auch meinen Sport in der Crossfit-Box in Pempelfort richtig genossen. Auch heute bin immer noch sehr gerne in Düsseldorf zum Einkaufen. Das hat immer einen gewissen Erlebnischarakter. In Bonn, wo ich jetzt lebe, gefällt es mir auch sehr gut, aber es ist mit einer Stadt wie Düsseldorf nicht vergleichbar. Als Institutsleiter habe ich in Bonn Residenzpflicht. Es könnte ja mal eine Pandemie kommen. So haben wir früher noch gescherzt. Alle Institutsleiter wohnen vor Ort, damit sie im Ernstfall schneller in der Klinik sind.

Und wie lange brauchen Sie bis ins Institut?

Genau neun Minuten mit dem Auto, mit dem Rad genauso schnell. Aber es ist ein E-Bike, das kommt den Berg besser hoch, das Institut liegt hoch oben auf dem Bonner Venusberg.

Warum sollte man Ihr neues Buch lesen?

Weil wir uns jeden Tag mit unserem Immunsystem beschäftigen, entweder direkt oder indirekt und viel zu wenig darüber wissen. Es ist für mich das faszinierendste Organ unseres Körpers. Es ist hochspannend zu erfahren, was das Immunsystem eigentlich macht und wovor es uns schützt. Im Grunde genommen spielt sich in unserem Körper jeden Tag ein unfassbarer kleiner Krieg ab und wir bekommen es gar nicht mit.
Ursprünglich hatte ich mit einem Kinderbuch angefangen, um kleinen Kindern zu erklären, was eine Mandelentzündung ist und was dabei passiert. Daraus ist dann in über sechs Jahren, mit einigen Unterbrechungen, das Buch entstanden. Viele Charaktere sehen auch immer noch so aus wie in dem Kinderbuch. Das Buch enthält viele spannende Geschichten, die man so noch nicht kannte oder von denen man eine falsche Vorstellung hatte. Ob es um das Training des Immunsystems geht oder um einzelne Erkrankungen. Was es zum Beispiel mit dem Fluch des Tutanchamuns auf sich hatte und dass es sich wahrscheinlich dabei um ein Toxin eines Schimmelpilzes gehandelt hat. Auch dass HIV sich wahrscheinlich schon in den 1960er und 1970er Jahren in Deutschland verbreitet hat, ohne dass es jemand mitbekommen hat. Oder dass wir in Europa eine Corona-Pandemie vor über 100 Jahren hatten, bei der wahrscheinlich in Usbekistan das Virus von einer Kuh auf den Menschen übergegangen ist. 

Wie kann man das Immunsystem stärken?

Viele denken, wenn sie Vitaminpillen nehmen, sei das gut für das Immunsystem, aber im Grunde stimmt das nicht. Es gibt zwar Präparate, die vom Arzt bei akutem Vitaminmangel verschrieben werden zum Beispiel das Vitamin D. In diesem Fall helfen hochdosierte  Präparate. Aber ansonsten erzeugt man im Grunde teuren Urin, weil das meiste direkt wieder ausgeschieden wird. Wenn man zu viel nimmt, kann es sogar schädlich sein. Zu viel Vitamin C kann beispielsweise zu Nierensteinen führen.
Das komplexe Thema, das ich mit dem Buch vermitteln möchte, ist, dass jede einzelne Zelle des Körpers beim Immunsystem mitarbeiten kann. Entweder hilft sie beim Alarmschlagen oder agiert als aktive Zelle.
Die einfachen Vorschläge vom Arzt, Sport zu machen, sich gesund zu ernähren, gut zu schlafen etc., unterstützen das Immunsystem am besten. Zum einen, weil jede Zelle beteiligt ist. Zum anderen, weil auch das Mikrobiom Einfluss auf das Immunsystem nimmt, im Darm, außen auf der Haut usw. 

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Was schwächt unser Immunsystem?

An diesem Thema wird in vielerlei Hinsicht geforscht. Alkohol, Zigaretten, Drogen wie Kokain, aber auch Depressionen können sich sehr negativ auf unser Immunsystem auswirken. Die Neuroendokrinoimmunologie beschäftigt sich zum Beispiel damit, wie das Gehirn das Immunsystem steuern kann. Lachen ist dagegen gut für das Immunsystem.  Es gibt eine nette Studie aus den 1960er Jahren – da fand man Dick-und-Doof-Filme noch lustig und hat diese Filme Probanden vorgespielt. Währenddessen wurde ihnen alle 15 Minuten Blut abgenommen und untersucht, wie sich das Immunsystem verändert. Dabei hat sich herausgestellt, Lachen hat tatsächlich positive Auswirkungen auf bestimmte Zellen.

Sie haben durch Ihre Studien eine große Bekanntheit erreicht. Was bedeutet das für Ihr Leben und wie gehen Sie damit um?

Ich bin da so reingeworfen worden und habe keine bewusste Entscheidung getroffen, ich geh jetzt in die Öffentlichkeit. Als Schauspieler oder Sänger ist das etwas anderes, da strebt man Bekanntheit bewusst an. Für mich hat sich das dann schlagartig ergeben mit Heinsberg und da gab es dann auch keinen Weg zurück.
Es kann sehr schön sein, man wird positiv angesprochen oder jemand schickt Blumen ins Büro. Zu Ostern habe ich einen großen Osterhasen geschenkt bekommen. Aber es gibt auch negative Seiten, z. B. Anfeindungen in sozialen Medien, das hat sich aber ziemlich gelegt. Aber es kann auch anstrengend sein, wenn einen alle Leute immer danach fragen, wie sie mit ihrem Impfstatus umgehen sollen. „Ach, Herr Streeck, wo ich Sie jetzt gerade sehe, ich bin jetzt zweimal geimpft, soll ich mich nochmal boostern lassen?“

Ich war vor ein paar Tagen bei einem Vortrag, da war ich sehr überrascht, weil ca. 1.200 Leute an einem Ort zusammengekommen waren. So viele Menschen auf einmal habe ich ewig nicht mehr gesehen. Danach war eine große Traube an Menschen zusammengekommen, die alle noch eine Frage hatten oder mir einen Fall erzählen wollten, so dass mich die Security hinten rausgezogen hat.
Ich möchte immer freundlich zu den Menschen sein. Aber ich bekomme tausende von E-Mails von Bürgern, die ich nicht beantworten kann. Das tut mir sehr leid, denn es sind auch gute Fragen dabei oder Leidens- und Lebensgeschichten, die ich aber weder aus der Ferne diagnostizieren noch etwas Substantielles dazu sagen kann. Ich habe zunächst angefangen, einige E-Mails zu bearbeiten, aber es dauert ca. 15 bis 20 Minuten, um eine einzige E-Mail zu beantworten. Würde ich das ernsthaft betreiben, könnte ich nichts anderes mehr tun. 

Wie beurteilen Sie den Umgang mit dem Covid-19-Virus und der Aufhebung der Maskenpflicht etc.? Tragen Sie selbst noch Maske, wenn Sie in den Supermarkt gehen?

Ja, aber das hat auch noch einen anderen Grund, weil man sich selbst auch ein bisschen hinter der Maske verstecken kann. Es gibt nie einen guten Zeitpunkt, um Maßnahmen zurückzunehmen. Es ist immer sehr leicht Maßnahmen zu beschließen, aber es ist schwer sie zurückzunehmen. Es bleibt immer ein Grundrisiko für jeden von uns. Zu bestimmen, welches Risiko annehmbar ist, ist aus meiner Sicht sehr schwierig, weil wir es nicht auf der individuellen Ebene pauschal definieren können. Im Grunde – und das ist eine höchstkomplexe Fragestellung – müssen wir uns auch fragen, wie viele Todesfälle sind denn hinnehmbar? Die Antwort jedes Einzelnen würde lauten: keiner. Das ist auch die ethisch richtige Antwort. Aber in diese Situation werden wir nie kommen. Daher können wir die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist, auch nicht beantworten. Das ist vergleichbar mit einem Sandhaufen, bei dem man immer wieder ein Sandkörnchen wegnimmt und fragt, wann ist es kein Sandhaufen mehr?
Daher finde ich es im Umgang mit Covid-19 richtig, dass wir mit den Maßnahmen zurückgegangen sind. Gleichzeitig setzen wir auch auf mehr Eigenverantwortung. Man kann sich gut schützen mit Impfstoff und Maske. Wenn Menschen meinen, sie müssen ein höheres Risiko eingehen, dann sollen sie es tun, aber auch mit den potenziellen Konsequenzen umgehen. Es ist gut, das zum Sommer hin zu machen. In dieser Phase mit hohen Infektionszahlen schon einmal getestet zu haben. Denn im Herbst und Winter werden die Fallzahlen wieder ansteigen. Wir haben also wenig Zeit uns darauf vorzubereiten. 

Kann man langfristig einschätzen, wie es mit Corona weiter geht?

Wir nehmen an, dass 1889 bis 1895 ein Corona-Virus in Usbekistan von der Kuh auf den Menschen übergesprungen ist und die russische Grippe ausgelöst und weltweit gezählt eine Million Tote verursacht hat. Das damalige Corona-Virus war das OC43-Virus – und jeder von uns hatte wahrscheinlich einmal Kontakt damit. Das Virus hat sich mit der Zeit über Mutationen und Variantenentwicklungen an uns angepasst und wir haben uns auch an das Virus angepasst, indem wir als Kinder Immunantworten aufgebaut haben. Wenn wir uns jetzt damit infizieren, löst es einen grippalen Infekt aus. Genau diese Entwicklung machen wir mit Covid-19 gerade auch durch. Das Virus passt sich an uns an, aber gleichzeitig lernt unser Immunsystem immer besser damit umzugehen. Durch die Impfung haben wir uns einen Vorsprung geholt, durch zusätzliche Infektionen können wir immer besser damit umgehen, bis es „nur noch“ ein typischer grippaler Infekt ist.
Ich hoffe nur, dass wir uns dann nicht mehr so stark nur darauf konzentrieren, sondern auch auf die anderen Viren, die wir jetzt alle vernachlässigt haben und die im Herbst und Winter vielleicht eine neue Grippesaison auslösen.

Besteht eine besondere Gefahr, wenn Corona und Grippe gleichzeitig auftreten?

Es ist richtig, dass beide auch parallel auftauchen können. Aber es dominiert immer eines der Viren. Die Influenza war drei Winter lang nicht präsent. Jetzt ist sie in den letzten Monaten ein bisschen aufgeflackert. Aber wir haben drei Jahre keinen Kontakt mehr damit gehabt, so dass es sein kann, dass wir bei Influenza in diesem Herbst und Winter stärkere Verläufe haben werden. Es ist gut möglich, dass wir im Winter eine Influenza-Welle bekommen werden. Das haben wir im letzten Jahr bereits in Kroatien und Dänemark gesehen.

… und … vielleicht Corona ein bisschen zur Seite schiebt?

Das wäre denkbar. 

Wäre das besser?

… ich weiss nicht,  ob das besser ist. Influenza kann je nach Variante sehr unterschiedlich sein und wie wir alle wissen auch schwer verlaufen. Wir hatten alle keinen Kontakt mit Influenza in den letzten Jahren. Zudem ist in Asien eine Vogelgrippe-Variante aufgetaucht. Influenza ist sehr bunt und hat noch einige Überraschungen in petto. Ich würde jedem empfehlen, sich im Herbst und Winter gegen Influenza impfen zu lassen. 

Was sagen Sie einem Impfgegner, der sich und seine Familie partout nicht impfen lassen will?

Ich hatte auch schon solche Unterhaltungen. Ich erkläre gerne, wie der Impfstoff funktioniert und was das Positive daran ist und warum er eigentlich ein Training für das Immunsystem ist – eben ein sehr spezifisches Training. Auf der anderen Seite sage ich diesen Menschen aber auch, dass es ihre Entscheidung ist. Ich finde Gesundheitsvorsorge ist eine persönliche Sache. Es gibt eben Menschen, die alles mögliche Schlechte für ihre Gesundheit tun. Denen rede ich auch nicht rein. Man kann als Arzt nur Hinweise und Ratschläge geben, was richtig für ein gesundes Leben ist und was man machen sollte. Aber es ist nicht meine Aufgabe jemanden fremdzubestimmen. Ich sage meinen Freunden, die rauchen, auch nicht dauernd, dass sie damit aufhören sollen. Alexandra von Hirschfeld