Fotos: Jochen Rolfes

Die Wahldüsseldorferin Tanja Schleiff steht seit 30 Jahren auf der Bühne oder vor der Kamera und hat noch keinen Tag die Lust an ihrem Beruf verloren. Ein Gespräch über volle Drehpläne und ihre nächsten Filme.

Tanja, 30 Jahre im Rampenlicht! Was ist das erste, das dir zu deinem Jubiläum einfällt?

Tanja Schleiff: „Dankbarkeit und viel Spaß. Wirklich. Nach 30 Jahren, in denen man natürlich alles Mögliche erlebt hat: Stürze, Textaussetzer, ich bin auch schon mal auf der Bühne eingeschlafen oder habe Lachanfälle bekommen. Es gab gute Produktionen, nicht so gute aber trotzdem den Spaß nicht verloren zu haben, das ist das Größte. Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Das ist nicht selbstverständlich.“

Du wohnst seit 2004 in Oberkassel. „Ach, die Tanja, na klar, die kenne ich“, sagen die Oberkasseler. Wenn ich dich treffe, bist du meist mit dem Fahrrad unterwegs, aber eher so gemütlich …

Tanja Schleiff: (lacht) „Stimmt, ich habe so ein billiges Rad. Es ist alt und verrostet und ich schließe es nicht ab. Manchmal habe ich gedacht, vielleicht klaut es ja doch jemand, aber es klaut keiner.“

Beim Festzurren unseres Interviewtermins warst du meist unterwegs, Berlinale, Drehs, immer irgendwo … wie gehst du das Mobilitätsproblem an?

Tanja Schleiff: „Ich fahre sehr viel mit dem Zug. Da kann ich Texte lernen oder Bücher lesen. Die Autokilometer macht vor allem das Mama-Taxi für unsere drei Kinder, die sind zehn, zwölf und fünfzehn Jahre alt.“

Du bist aktuell auf vielen Kanälen zu sehen, in „Der Lehrer“ auf RTL und in „Dr. Nice“  und „Fast perfekte Frauen“ im ZDF. Welche Rollen spielst du?

Tanja Schleiff: „Sehr oft Frauen mit Führungsqualitäten, also Chefinnen. In „Der Lehrer“ spiele ich die neue, nicht unbedingt sympathische Schulleiterin. Die neue Staffel wird ab April oder Mai ausgestrahlt. In „Frier und Fünfzig“ spiele ich die Sat.1-Chefin. Von „Dr. Nice“ kommt im Sommer die vierte Staffel raus. Da spiele ich eine singende Pastorin, was mir sehr entgegenkommt, weil ich sehr gerne singe und auch Gesangsunterricht nehme. Und dann bin ich aktuell in „Fast perfekte Frauen“ zu sehen. Ein Film, den man bereits streamen kann und der am 3. April um 21.15 Uhr im ZDF läuft.“

Was ist der Plot in „Fast perfekte Frauen“?

Tanja Schleiff: „Es ist eine wunderbare Geschichte von sechs Frauen, die sich auf einer Kur kennenlernen, aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Im Prinzip ist es eine Liebeserklärung an die Frauen und ein Film über Freundschaft, Vertrauen, oder eben auch nicht.“

Wo drehst du gerade?

Tanja Schleiff: „Bis Ende März drehen wir in München einen Kinofilm. Der Arbeitstitel lautet: Glück im Arsch. Das ist für mich völlig irre, da arbeite ich wieder mit Kollegen und Kolleginnen zusammen, die ich seit fast 30 Jahren kenne wie Marianne Sägebrecht.

Um was geht es da?

Tanja Schleiff: „Die üblichen Irrungen und Wirrungen einer Fünfzigjährigen. Der Film läuft 2027 in den Kinos an. Für mich ist es immer noch ein großes Fest und Vergnügen, diesen erfahrenen und tollen Schauspielern zuzusehen.“

Welche Rolle ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Tanja Schleiff: „Merkwürdigerweise die Rolle, die für mich nach dem entspanntesten Drehtag der Welt klang. Ich sollte eine Leiche im Münsteraner Tatort mit Jan Josef Liefers spielen. Ich dachte, super, kein Text, einfach liegen. Aber da Professor Boerne mir Organe aus meinem künstlichen Bauch entnahm, durfte ich mich zehn Stunden lang nicht bewegen. Ich durfte nur einmal ganz vorsichtig auf die Toilette. Das war sehr einsam, sehr, sehr einsam und sehr anstrengend. Es war einer meiner schlimmsten Drehtage.“

Wie sieht dein Fahrplan in einer normalen Woche aus? Dein Partner René Heinersdorff ist Direktor von gleich sechs Boulevard-Theatern, schreibt selber und steht auch auf der Bühne.  Habt ihr eine Nanny oder wuppt ihr alles alleine?

Tanja Schleiff: „Also, wenn ich da bin, mache ich es natürlich alleine. Wenn ich drehe, kommt meine Mutter, Renate Hundertmark, 85, extra aus Leipzig angereist. Sie spielt mit den Kindern, liest ihnen vor. Für die Kinder ist es einfach schön, wenn jemand auch abends zu Hause ist.“

Seit vier Jahren spielst du in der RTL-Serie „Sisi“ die Gräfin Esterházy, die Hofdame bei Sisi war. Das erste halbe Jahr wurde im Baltikum gedreht. Wie hast du das mit der Familie hinbekommen?

Tanja Schleiff: „Schwierig. Wenn ich konnte, bin ich alle paar Wochen nach Hause gefahren. Das war ganz schwer. Aber weil die Corona-Pandemie damals den öffentlichen Kulturbetrieb lahmgelegt hatte, konnte René nicht arbeiten, ich hatte also einen Babysitter.“

Du warst von 2004 bis 2006 und von 2014 bis 2016 festes Ensemble-Mitglied im Düsseldorfer Schauspielhaus und bis 2021 Gastschauspielerin unter sechs Intendanten. Heute stehst du zu hundert Prozent hinter der Kamera, liebäugelst du wieder mit der Bühne?

Tanja Schleiff: „Jetzt merke ich, dass ich langsam wieder Sehnsucht bekomme. Den Kontakt zur Bühne habe ich schleichend verloren. Es gab immer wieder Anfragen, die ich wegen der langen Drehzeiten nicht annehmen konnte.“

Wie lernst du deine Rollen?

Tanja Schleiff: „Ich habe eine ältere Schauspielkollegin, die mit mir an den Rollen arbeitet. Ich brauche vor allem einen Ort, an dem ich zur Ruhe komme und den finde ich bei ihr.“

Gibt es eine Rolle, die du unbedingt einmal spielen möchtest?

Tanja Schleiff: „Im Film immer gerne historische Figuren. Und auf der Bühne immer noch die Medea. Das wäre meine Traumrolle.“

Was möchtest du nicht mehr spielen?

Tanja Schleiff: „Ich würde nicht mehr so gerne Nacktrollen annehmen.“

 Du kennst die Branche seit drei Jahrzehnten, was hat sich durch MeToo verändert?

Tanja Schleiff: Heute gibt es Intimacy Coaches als Ansprechpartner auf der Bühne und am Set. Und klar gab es früher die berühmte rote Couch, da wussten alle Bescheid, was da passiert. Im Düsseldorfer Schauspielhaus gab es die übrigens nicht.“

 Also ein 100-prozentiger Fortschritt?

Tanja Schleiff: „Es ist gut, dass heute alles ein bisschen vorsichtiger geworden ist. Da sagt keiner mehr: Geh mal da weg. Und bei intimen Szenen sagt keiner mehr: Zieh dich mal aus. Das wird alles vorher bis ins Detail besprochen. Die Kehrseite: Spontaneität und die Leichtigkeit gehen vielleicht manchmal verloren, weil alle gehemmter sind. Aber prinzipiell halte ich die Entwicklung schon für sehr gut, vor allem für junge Schauspielerinnen.“

Ist altern im Film für Frauen noch immer ein strukturelles Problem oder hat sich da tatsächlich etwas verändert?

Tanja Schleiff: „Die Kamera ist gnadenlos durch HD, aber die Rollen sind für Frauen Ü50 deutlich besser geworden und das Angebot größer.“

Die Drehzeiten werden immer kürzer, das Pensum bleibt, leidet die Qualität darunter?

Tanja Schleiff: „Definitiv fallen Drehtage weg, aber das Pensum bleibt. Das kann natürlich letztlich zum Qualitätsverlust führen.“

Du kommst aus einer Schauspielerfamilie, deine Eltern Klaus Schleiff und Renate Hundertmark sind Schauspieler, dein Bruder Urs Alexander Schleiff ist Schauspieler und Regisseur. Gab es je einen Moment, in dem du ernsthaft überlegt hast, etwas anderes zu machen?

Tanja Schleiff: „Nein, habe ich nicht. Ich stand schon mit vier Jahren auf der Bühne und bei uns darf man keinen anderen Beruf ausüben – das gilt auch für unsere Kinder. Nein, das ist jetzt Spaß. Wobei man sich heute, wo uns die KI überrollt, fragen muss: Welchen Beruf kann man denn noch empfehlen?“

Bevor du Schauspielerin wurdest, hast du zwei Jahre eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, in Erfurt, zu DDR-Zeiten. Frühschicht um sechs Uhr, nur ein Intermezzo?

Tanja Schleiff: „In die Krankenhauswelt reinzuschnuppern war für mich sicher sehr gut. Ich hatte mich auch als Bibliothekarin beworben, war da aber nicht genommen worden. Es war damals Wendezeit in der DDR und entweder musste man Abitur machen oder einen Beruf erlernen und für die Schauspielschule musste man 18 Jahre alt sein. Ich fand es sinnvoll, einen Beruf zu erlernen, mein Bruder übrigens auch. Er hat Koch gelernt, bevor er an die Schauspielschule ging. Aber nach der Stationsarbeit, den Nachtschichten und einem dreiviertel Jahr im Altersheim habe ich gemerkt, dass ich nicht noch ein drittes Jahr Schwesternschule schaffe. Mit 18 habe ich mich dann an der Schauspielschule in Leipzig beworben und wurde angenommen.“

Joachim Meyerhoffs aktueller Kinofilm „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ zeigt die Schauspielschule als kurioses Paralleluniversum. War das an der Hochschule in Leipzig auch so?

Tanja Schleiff: „Auf jeden Fall. Im Grundlagenseminar musst du zum Beispiel einen Embryo spielen oder Tiere imitieren, wenn du Pech hattest, über Monate. Es gehört einfach dazu, damit wird man so ein bisschen aufgebrochen. Aber ich war schon sehr froh, als dann das Szenenstudium angefangen hat und ich wirklich konkret an Texten und Szenen arbeiten konnte.“

Die öffentlich-rechtlichen Sender verlieren an Reichweite, Streamingplattformen kämpfen ums Überleben. Beobachtest du das mit Sorge?

Tanja Schleiff: „Ich finde es schon schade, dass die jungen Menschen kaum noch lineares Fernsehen gucken. Früher hat man sich zum Fernsehen verabredet. Und von den Streamingplattformen gibt es so viele, dass ich nicht weiß, ob die alle überleben können.“

Was frisst bei dir Energie, was gibt dir Energie?

Tanja Schleiff: „Der Alltagsstress, also einkaufen und putzen, das ist für mich ein Energiefresser. Energie gibt mir Essen. Ich esse alles, vor allem sehr gerne Süßigkeiten. Das hängt sicher damit zusammen, dass ich von vier bis zwölf Kunstturnerin in der DDR war. Da durfte ich keine Süßigkeiten essen und das Thema Abnehmen stand immer im Raum.“

Wenn du einen Film über dein Leben drehen würdest, welche Rolle würde Düsseldorf darin spielen und welche du?

Tanja Schleiff: „Düsseldorf würde auf jeden Fall eine Hauptrolle spielen, gedreht würde in Oberkassel und in Unterbilk. Und ich würde eine überforderte Mutter spielen.“

Was bringt dich aus dem Konzept?

Tanja Schleiff: „Meine Unentschlossenheit. Nicht beruflich, da bin ich immer klar. Ich bin fürchterlich unentschlossen im Alltag, also bei Fragen wie: Gehe ich heute ins Theater oder gehe ich nicht? Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten.“

Den Sommer verbringst du bestimmt nicht auf dem Balkon, sondern wo?

Tanja Schleiff: „Wir fahren nach Italien an den Gardasee, wie jedes Jahr.“

Wenn du drei Wünsche bei der guten Fee frei hättest, was würdest du dir wünschen?

Tanja Schleiff: „Gar nichts. Ich wünsche mir für mich nichts mehr, weil ich sehr zufrieden bin. Ich habe den Beruf, den ich wollte, ich habe Kinder, die ich wollte, ich habe ein tolles Leben, so, wie ich’s wollte.“

Auch den Mann?

Tanja Schleiff: „Ja, auch den letztlich. Auch eine Lebensaufgabe (lacht). Also wenn, dann wünsche ich mir eher was für meine Kinder. Und natürlich, dass man noch ein paar Jahre so weiter machen kann und gesund bleibt. Und wenn ich an die aktuelle geopolitische Situation denke, dann kann man sich nur Frieden wünschen.“

Tanja Schleiff

Tanja Schleiff wurde 1973 in Erfurt geboren und wuchs als Tochter der Schauspieler Renate Hundertmark und Klaus Schleiff auf. Nach zwei Jahren als Schwesternschülerin studierte sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig.

Ihr erstes Festengagement führte sie ans Bayerische Staatsschauspiel München, wo sie u. a. unter Dieter Dorn und Andreas Kriegenburg spielte. Für ihre darstellerischen Leistungen erhielt sie 2000 den Bayerischen Kunstförderpreis sowie 2001 und 2002 den Kurt-Meisel-Preis.

Von 2004 bis 2006 und von 2014 bis 2016 war sie am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert; dazu kamen Gastengagements in Hamburg, Bochum, Köln und München sowie die Hauptrolle der Constanze Weber-Mozart in Die Weberischen an den Vereinigten Bühnen Wien (2006 bis 2008).

Seit Heinrich Breloers Jahrhundertroman „Die Manns“ (2001) ist sie regelmäßig in Kino und Fernsehen zu sehen, u. a. in Dominik Grafs Das Gelübde, Sönke Wortmanns Charité und vier Staffeln der RTL-Serie Sisi als Gräfin Esterházy.

In Köln, Hamburg, Berlin und München sowie in der Schweiz arbeitet Tanja Schleiff als Hörspiel- und Synchronsprecherin. Für die „Glitzer-Gang“ gab es in 2025 den Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe.

 

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