Foto: © Meike Schrömbgens
Ein Hauch von Frühling lag in der Luft, als sich die rund 400 Gäste zunächst vor dem K21 am Kaiserteich versammelten. Anlass war der erste Ständehaus Treff in diesem Jahr. Dieses Mal saß der ehemaligen Bundespräsident Joachim Gauck auf der Bühne und feierte damit auf den Tag genau den 80. Geburtstag der Rheinischen Post. Auf diesen hatte Chefredakteur Moritz Döbler zuvor mit den VIP-s aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft angestoßen.
Gauck war aus Berlin angereist und schnell bei dem Thema, das ihn umtreibt: das aktuelle Weltgeschehen, den Angriff der USA auf den Iran. Aus der Perspektive Israels sicher eine lobenswerte Tat, so der 86-Jährige und verwies auf das Sicherheitsbedürfnis der einzigen Demokratie in der Region. Ebenfalls nachvollziehbar sei für ihn, dass die Unterdrückten sich darüber freuen, dass die „Halunken“ endlich ausgeschaltet seien. Ob der Angriff der USA auf den Iran völkerrechtlich gedeckt sei, wisse er jedoch nicht.
Pazifismus, so Gaucks Diagnose, klinge zwar moralisch warm, könne aber politisch kalt enden. „Wie gut hätte es uns gefallen, wenn die Amerikaner 1953 eingegriffen hätten“, gab er zu bedenken. Am 17. Juni 1953 wurden beim Volksaufstand in der DDR mehr als 50 Aufständische von sowjetischen Soldaten oder DDR-Sicherheitsorganen getötet. Gaucks Subtext: Wer Freiheit will, muss notfalls auch zu ihrer Verteidigung bereit sein und forderte eine Bundeswehr, die ihren Namen auch verdiene.
Weil eine sympathische Ohnmacht keinen Frieden gebe, müsse man ab und zu „Rabbatz machen“. „Wir müssen entdecken, dass es etwas gibt, das wir zu verteidigen haben“, erklärte er. Wenn man bereit sei, das Projekt des Westens zu opfern, müsse es eine Alternative geben. Eine Alternative, die er nicht sehe, jedenfalls keine, die Freiheit und Menschenwürde garantiert. Er selber habe 50 Jahre unter zwei Diktaturen gelebt. „Das ist überhaupt nicht witzig.“
Deutschland hat Rücken
Gut weg kam bei ihm Bundeskanzler Friedrich Merz, der gerade auf dem Weg nach Washington sei und bei der Münchener Sicherheitskonferenz geschickt agiert habe. Weniger gut dagegen kamen die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes weg: „Wir Deutschen haben ja Rücken, können keine Erdbeeren pflücken, keine Alten pflegen.“ Und obwohl allen klar sei, dass ohne Zuwanderung Hände fehlen, würden bei ungeregelter Zuwanderung die Akzeptanz und das Vertrauen fehlen: „Das Problem der Zuwanderung wurde nicht im Sinne der Gesellschaft geregelt“, betonte der Politiker.
Zur Ost-West-Debatte äußerte sich der Alt-Bundespräsident auch: „Die Ossis ticken nicht anders. Es gibt keine Charaktermauer.“ Die Frage, warum der Osten blau gewählt habe, konterte er mit dem Satz: „Es gibt auch Antisemitismus ohne Juden.“
Einen geläuterten, aufgeklärten Patriotismus wünschte er sich und warnte davor, sich von der Angst regieren lassen. „Wir schenken ihnen nicht unsere Ängste“, ermunterte Gauck.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Abends: Ein Mann, der zwei Diktaturen erlebt hat, warnt nicht vor zu viel Härte, sondern vor zu viel Bequemlichkeit. Nicht aus Lust an der Eskalation, sondern aus Respekt vor dem, was man verlieren kann
Vor jedem Talk werden die Gäste zunächst mit einer Vorspeise und dem Hauptgang auf den Abend eingestimmt. Dieses Mal musste sich der Talkgast die Speisekreationen mit dem Geburtstag der Rheinischen Post teilen: eine kulinarische Zeitreise von 1946 bis 2026, aber in einer 2.0 Version von GCS-Konzert- und Theatercatering mit Tatar vom Aal und Mecklenburger Schecke Chip, gefolgt von Sauerbraten 2.0 mit Steckrübe und Süßkartoffelstampf.
