22 März 2022

Ich sprüh’s auf jede wand solche Frauen braucht das Land*

Ich sprüh’s auf  jede wand solche Frauen braucht das Land*

Gendern kann man nicht nur sprachlich, sondern auch mit Gewinn und Verlust an der Börse. Seit 2015 gibt es Gender-Fonds. Sie fallen unter die Kategorie nachhaltige Fonds. Die Argumentation der Finanzwelt: Es ist nachhaltig, wenn Unternehmen Männer und Frauen gleichstellen, sich für gleiche Bezahlung, neudeutsch Equal Pay, einsetzen und Frauen in Führungspositionen, die Aufsichtsräte und Vorstände lassen.
Man könnte das auch gerecht oder demokratisch nennen, aber nachhaltig klingt einfach besser, weil Umwelt und Klima mitschwingen. Steckt Einsicht oder Profitdenken dahinter, wenn mehr Frauen in Führungspositionen kommen und Vorständinnen werden? Internationale Studien, zuletzt eine von McKinsey aus dem Jahr 2020, gehen davon aus, dass Unternehmen mit diversen Teams und einem Frauenanteil von über 30 Prozent auch finanziell profitieren würden. Die ZOO:M-Redaktion stellt im dritten Teil ihrer Frauenserie zwei Leaderinnen vor, die noch viel bewegen wollen.

DIE BESTIMMERINNEN        
 

Frauennetzwerke sind eine Riesenchance

Am 12. August 2021 wurde bei der Frauenquote in Deutschland nachgebessert. Seitdem ist eine Mindestbeteiligung von Frauen für Vorstände mit mehr als drei Mitgliedern gesetzlich vorgeschrieben. Laut einer Untersuchung des Leibniz-Zentrums für Europäische
Wirtschaftsforschung in Mannheim und der New Economic School in Moskau könnte es mit Deutschlands Wirtschaft bald wieder aufwärts gehen, wenn mehr Frauen an die Macht kämen, denn, so die Studie: Vorständinnen fusionieren weniger, erwerben seltener neues
Anlagevermögen und schreiben ineffiziente Anlagen eher ab, was vom Markt positiv aufgenommen wird. Aktuell ist da noch viel Luft nach oben. Von den 244 Vorstandsmitgliedern der DAX-Unternehmen sind 19 Prozent Frauen, das macht 44 Vorständinnen. Seit Januar
2022 ist Christina Sontheim-Leven eine von ihnen  – als erste Vorständin der CEWE Stiftung & Co. KGaA. Wir trafen sie im Werk in Mönchengladbach an.

Sie sind Managerin, sitzen in Aufsichtsräten und sind seit Januar Personalvorständin einer Multigruppe mit Standorten in 21 Ländern und 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Haben Sie die Frauenquote überhaupt nötig?  Das ist für mich gar nicht die Frage. Die Wirtschaft hatte über sechs Jahre lang Zeit, zu reagieren. In dieser Zeit ist in Führungspositionen wenig und auf den Vorstandsetagen so gut wie nichts passiert. CEWE ist da mit 58 Prozent Frauenquote im Aufsichtsrat sicherlich Vorreiter – aber eben leider auch eine Ausnahme. Meiner Meinung nach hätten die Unternehmen früher eigeninitiativ handeln können, um die gesetzliche Regulierung überflüssig zu machen, die seit August 2021 eine Mindestbeteiligung von Frauen für Vorstände mit mehr als drei Mitgliedern gesetzlich vorschreibt.

Wo stehen Sie persönlich bei der Genderdebatte? 

Für mich ist die Basisarbeit entscheidend. Was tun wir für die Frauenförderung in Unternehmen? Wieviel Flexibilität und Diversität wird in Unternehmen gelebt? Darüber brauchen wir dringender eine gesellschaftliche Debatte als über Gendersternchen. Wichtig ist, dass Frauen auch in sogenannten MINT-Berufen vertreten sind und dort in Führungspositionen gehen. Solche Vorbilder formen die Realität. Und das funktioniert. Ich habe bei meinem letzten Job mit meiner Kollegin als CEO die erste weibliche Doppelspitze in einem Ingenieurbüro gebildet. Als ich in einem Personalgespräch eine junge Ingenieurin fragte, wo sie in fünf Jahren sitzen möchte, antwortete diese: „Auf Ihrem Stuhl.“

Hat die Pandemie mehr negative Auswirkungen für berufstätige Frauen? Definitiv ja. In der Pandemie sind viele Frauen wieder zurück in die zweite Reihe getreten. Corona hat viele Frauenkarrieren ausgebremst. 

Aber nicht alle wurden ausgebremst. Sie sind die Karriereleiter gerade wieder einmal hochgeklettert. Sind Top-Positionen in der Wirtschaft also doch eine Typfrage? Werden die Weichen vielleicht schon in der Kindheit gestellt? Möglicherweise. Ich habe viele Geschwister. Da habe ich sehr früh gelernt, mich durchzusetzen. Ich war immer sehr neugierig, bin nach außen gegangen, war also eher extrovertiert. Meine Eltern habe ich mit meinen Fragen viel Geduld gekostet. Meine Mutter ist Labortechnische Assistentin, mein Vater war bei der Bundeswehr. Als ich klein war, wollte ich Bundeswehrmädchen werden, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein sollte. Den Begriff Soldatin kannte ich damals nicht. Das zeigt aber, wie prägend Vorbilder bei der Auswahl des Berufes sein können!

 © Alexander Vejnovic

Haben Sie Vorbilder? Ein Vorbild ist für mich meine Mutter, weil sie trotz ihres Berufes so viele Kinder groß gezogen hat und meine Großmutter. Sie hatte einen Bauernhof in Hessen und hat den Laden geschmissen. Sie hat wie eine Unternehmerin agiert, heute würde man sagen, dass sie immer darauf bedacht war, ihr Produktportfolio zu erweitern, wenn sie darüber nachdachte, was noch auf dem Marktstand angeboten werden kann (lacht). In meinem Beruf hatte ich weniger Vorbilder. Wen ich sehr bewundert habe, ist Ruth Bader Ginsburg, die US-amerikanische Richterin und Beisitzende Richterin am Supreme Court der Vereinigten Staaten. 

Wie haben Frauen und Männer auf Ihren jüngsten Karrieresprung reagiert?  Frauen freuen sich zumeist, aber sie sind auch immer wieder diejenigen, die fragen, ob mein Sohn und meine Tochter nicht unter meiner beruflichen Tätigkeit leiden werden. Diese Vorbehalte bekommt man nur schwer aus den Köpfen. Da sind Frauen oft nicht solidarisch untereinander, was aber unter dem Strich allen Frauen schadet. Die Männer haben gratuliert. 

Weil Sie in einer Männerdomäne arbeiten? Vielleicht auch deshalb. CEWE ist nicht nur ein produzierendes Unternehmen, sondern auch Tech-Konzern mit großem IT- und Innovations-Know-how. Meine Vorliebe für technische Themen, meine Affinität zu Digitalität und Innovation habe ich schon während meines Jurastudiums entwickelt, wo ich an der Uni einen Nebenjob im IT-Support hatte. Meinen Master in Rechtsinformatik habe ich in Hannover und Oslo gemacht. Ich war in meiner beruflichen Laufbahn oft die einzige Frau im Raum. Das geht mir bis heute so und noch immer sind manche Gesprächspartner erst einmal skeptisch, wenn sie mich sehen. Im Gespräch und der Zusammenarbeit legt sich das aber schnell, weil ich fachlich und inhaltlich zu allen Themen beitragen kann und versuche sehr konstruktiv Ergebnisse zu erzielen und deren Umsetzung anzuschieben. 

Wie sieht denn dann Ihr Führungsstil aus?  Lassen Sie sich coachen? Mein Führungsstil ist agil und teamorientiert. Ich sehe auch den Vorstand als Team. Als Führungskraft muss man starke Teams zulassen können. Ich muss als Vorständin die Größe haben, Menschen einzustellen, die schlauer sind als ich. Coachen lasse ich mich auch, inzwischen eher in Form eines Peer-Coachings von Mitgliedern des Netzwerks Generation CEO. Dort habe ich sehr starke Frauen kennengelernt. Solche Kontakte hätten mich am Anfang meiner Karriere sicherlich vor einigen Fehlern bewahren können. Heute kann ich etwas zurückgeben und durch mein Engagement bei Iwil (Initiative Women into leadership) als Mentorin jüngeren Business-Frauen dabei helfen, dass sie Karriere machen. Als ich das erste Mal bei Generation CEO war, war ich völlig perplex, weil ich dachte, das kann doch gar nicht sein, diese extrem erfolgreichen Frauen sind alle supernett, haben viele Kinder und sind auch noch schlau. Ich lerne immer noch sehr viel dort. Eine Gastrednerin bei GenCEO, Beth A. Brooke, die sich mit über 50 geoutet hat, diskutierte dort die Frage: „Wie authentisch darf und muss ich als Führungskraft sein?“ 

Ist Macht für Sie ein Thema? Meine Geschwister haben mich früher gerne als „Bestimmerin“ bezeichnet. Ich mag Macht. Macht verleiht die Mittel, Dinge zu bewegen. Ich habe keine Scheu vor der Bühne, bin dabei aber immer auch ein bisschen demütig. Ich weiß, dass kein Mensch unersetzlich ist. Man macht den besten Job, wenn man auch seine sechs Wochen im Jahr in den Urlaub gehen kann und alles läuft problemlos weiter.  

Seit Januar sind Sie Vorständin bei CEWE. Wie bereitet man sich auf eine solche Position vor? Bei CEWE ist es üblich, als Führungskraft erst einmal das Unternehmen und seine Kultur kennen zu lernen. Von der IT bis zur Produktion, vom Marketing bis zum Außendienst. Dafür habe ich drei Wochen in der Produktion gearbeitet, habe in Arbeitskluft an jeder Maschine, wo dies möglich war, gestanden. Ich kenne jetzt jeden Produktionsschritt und habe großen Respekt vor denjenigen, die am Ende der Produktionsstrecke die Kalender und Fotobücher verpacken. Ich habe während dieser drei Wochen sehr viel mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Produktion gesprochen. Diese sind zum Teil schon 20 oder 30 Jahre bei Cewe und haben die Transformation ins digitale Zeitalter mitgemacht. Das Potenzial, das sie mitbringen, ist unglaublich. Viele tüfteln an Verbesserungen herum, bilden Teams und haben sogar einen Roboter programmiert, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Ich habe in der Zeit meine Kladde mit Ideen und Anregungen fast vollgeschrieben. So sehe ich auch meine Verantwortung als Personalvorständin. Ich bin dafür da, um zu verstehen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen, um sich bei uns gut zu entwickeln und gerne hier zu arbeiten und werde für die Organisationsentwicklung aller Standorte und Marken zuständig sein. Diese Aufgabe ist in diesem Umfang neu in dem alteingesessenen Familienunternehmen und ich freue mich darauf, viel zu bewegen, weil ich immer mit 200 Prozent und Herzblut arbeite.

Christina Sontheim-Leven

Düsseldorf wurde nach ihrem Studium zum Lebensmittelpunkt. Die Anwältin und Rechtsinformatikerin Christina Sontheim-Leven hat hier in den Branchen Food, Mode, Logistik und Engineering in führenden Positionen gearbeitet. Einen großen Plan hat sie nicht, sie ergreift die Gelegenheiten, die sich bieten und macht, was sie spannend findet. Bewerbungen schreiben musste sie nur am Anfang, dann fanden Headhunter sie. 

Verheiratet ist die Juristin mit einem Elek-
trotechnikermeister aus Mönchengladbach. Zusammen mit ihren beiden Kindern wohnen sie zur Miete im fünften Stock – ohne Aufzug. Ein sehr teures Auto wird sie sich als Vorständin nicht bestellen, innerhalb Düsseldorfs radelt sie. Ihre Schwachstelle? „Beim Sport schludere ich, aber ich singe voller Begeisterung im Gospelchor in Düsseldorf.“ 

Sontheim-Leven engagiert sich als ehrenamtliche Richterin am Landesarbeitsgericht Düsseldorf, ist Beirätin von Legaltegrity und Mentorin der Initiative „Women into Leadership“. 

Susan Tuchel

zur Ausgabe 1 2022