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Die unterschätzte Schaltzentrale im Hals

Sie ist walnussgroß, schmetterlingsförmig und führt eher ein Schattendasein. Dabei produziert sie die Hormone, ohne die Stoffwechsel, Herzrhythmus, Schlaf und Gewicht aus dem Takt geraten. Jeder zweite Erwachsene entwickelt im Laufe seines Lebens knotige Veränderungen an seiner Schilddrüse. Die meisten sind harmlos und Zufallsbefunde.

Wenn im Hals ein Knoten wächst
Manchmal ist es der Hausarzt, der beim Abtasten etwas findet. Manchmal findet man einen Knoten bei einer Ultraschalluntersuchung, die eigentlich einem anderen Organ galt. Manchmal sind es aber auch ganz alltägliche Anzeichen: „Wenn ein Mann sagt, das Hemd geht oben nicht mehr zu, oder eine Frau sagt, die Kette ist zu eng, sind das Anzeichen, dass sich im Hals irgendetwas vergrößert“, erklärt Prof. Dr. med. Matthias Schauer, Leiter des SchilddrüsenZentrums und Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax und Endokrine Chirurgie im Augusta-Krankenhaus Düsseldorf. Auch ein Kloßgefühl, ein Räusperzwang oder Schluckbeschwerden können erste Hinweise auf Knoten sein.

Wird ein Knoten entdeckt, beginnt die Abklärung. Ein Ultraschall gibt Aufschluss über seine Beschaffenheit: seine Ränder, seine Struktur, mögliche Kalkeinlagerungen. Aus diesen Merkmalen ergibt sich ein Risiko-Score. Er zeigt die Wahrscheinlichkeit einer bösartigen Veränderung. Anschließend folgt die Szintigraphie: Sie zeigt, ob ein Knoten Jod aufnimmt oder nicht. „Ein kalter Knoten nimmt kein Jod auf und bildet keine Hormone – und kann eher bösartig sein“, sagt Prof. Schauer. Warme Knoten hingegen produzieren unkontrolliert Schilddrüsenhormone, was das Herz belasten kann. In manchen Fällen liefert erst eine Feinnadelpunktion wirkliche Klarheit. „Ohne eine Operation bleibt die Diagnose oft unklar – es sei denn, eine Feinnadelpunktion weist einen bösartigen Tumor nach“, erklärt der Mediziner.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Knoten bösartig ist, liegt bei 1,1 Prozent. Und selbst dann besteht guter Grund zur Hoffnung: „Schilddrüsenkarzinome sind zu einem sehr hohen Prozentsatz heilbar. Auch bei Metastasen in den Lymphknoten bestehen gute Heilungschancen. Nach der Operation kann eine Radiojodtherapie verbleibende Krebszellen im Gewebe gezielt zerstören“, so Prof. Schauer.

Prof. Dr. med. Matthias Schauer, Leiter des SchilddrüsenZentrums und Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax und Endokrine Chirurgie im Augusta-Krankenhaus Düsseldorf / Foto: Copyright VKKD

Weniger operieren, besser therapieren

Rund 200 Schilddrüsenoperationen führen er und sein Team jährlich durch. Bundesweit ist die Zahl der Schilddrüsenoperationen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Waren es im Jahr 2010 noch 187.000 Operationen an der Schild- und Nebenschilddrüse, lag die Zahl im Jahr 2022 bei rund 139.000 Operationen. Trotzdem findet der Schilddrüsen-Spezialist Schauer, dass in Deutschland immer noch zu viel operiert werde: „Flächendeckend denke ich, dass viele Schilddrüsenoperationen wahrscheinlich übertherapiert sind.“ Nicht jeder Knoten, der entdeckt wird, muss unter das Messer. „Selbst wenn er zwei Zentimeter groß ist, aber nicht stört, gut abgrenzbar ist und keine Überfunktion macht, kann man ihn abhängig vom Ultraschallbefund erst einmal lassen.“

Wenn eine Operation nötig ist, muss es längst nicht immer die vollständige Entfernung der Schilddrüse sein. „Man kann nur den betroffenen Anteil auf einer Seite entfernen und den gesunden belassen. So bleibt die körpereigene Steuerung erhalten und der Bedarf an zusätzlich zugeführten Hormonen ist geringer“, erklärt Schauer. Nach einer Totalentfernung ist die tägliche Einnahme von L-Thyroxin nötig – ein dauerhaftes Handicap sei das jedoch nicht: „Bei guter Einstellung arbeitet der Körper damit wie mit einer eigenen Schilddrüse.“

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Neben der klassischen Operation stehen heute weitere Verfahren zur Verfügung. Bei der Radiofrequenzablation wird eine Nadel in einen sicher gutartigen Knoten eingeführt, Hitze zerstört das Gewebe innerhalb weniger Minuten. Bei warmen Knoten mit Überfunktion bietet sich die Radiojodtherapie an, eine stationäre Behandlung über drei Tage mit radioaktivem Jod. Und wenn ein kleiner, aber auffälliger Knoten an einer ungünstigen Stelle sitzt, ist ein minimalinvasiver Eingriff die schonendste Lösung. Der Vorteil gegenüber dem klassischen Schnitt? „Es ist vor allem ein kosmetischer Vorteil, weil fast keine Narbe bleibt“, argumentiert Prof. Schauer.

Für schwierige Fälle gibt es am Augusta-Krankenhaus das Interdisziplinäre Endokrine Board, in dem Chirurgen, Endokrinologen, Nuklearmediziner und Onkologen gemeinsam über die optimale Behandlung entscheiden.

Einmal Seefisch pro Woche

Deutschland galt lange als Jodmangelgebiet. Folgen für die Schilddrüse: Ohne ausreichend Jod kann sie ihre Hormone T3 und T4 nicht bilden. Schauer empfiehlt deshalb jodiertes Speise- und Meersalz sowie alle Arten von Seefisch und Meeresfrüchten. Einmal pro Woche reiche da aus als Grundversorgung. Mindestens genauso wichtig wie die Ernährung sind Kontrollen, da auch die Genetik eine Rolle spiele. „Wenn alles unauffällig ist, reichen alle fünf Jahre.“ Wer seinen Hausarzt wechselt, sollte das als Anlass für einen Komplettcheck nutzen und die Schilddrüse einmal abtasten oder ultraschallen lassen.

1.000 Kilometer für kranke Kinder

Neben seiner Arbeit als Chefarzt im Augusta-Krankenhaus ist Prof. Schauer außerplanmäßiger Professor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und betreut am Augusta-Krankenhaus sowie am Marien Hospital Medizinerinnen und Mediziner im Praktischen Jahr. Auch sportlich ist der Mediziner engagiert. Bevor er sich den weißen Kittel anzieht, hat er schon neun Kilometer mit dem Rennrad von Angermund bis Düsseldorf Rath zurückgelegt. Seit 2025 ist der Chefarzt Mitglied des Rennrad-Teams Rynkeby und der Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD) Goldsponsor der Charity-Initiative zugunsten schwerkranker Kinder, die ihren Ursprung in Dänemark hat. Prof. Schauer gehört zum Team Rynkeby Rhein Ruhr und sammelt mit jedem gefahrenen Kilometer für die Deutsche Kinderkrebsstiftung. Mittlerweile gibt es über 2.000 Mitfahrer und über 60 lokale Teams in acht Ländern sowie 4.500 Sponsoren. Die Teilnehmer tragen die Kosten für das Fahrrad, die Bekleidung, Hotels und Verpflegung selbst.

„Ich habe drei Kinder, und da lag auch schon mal eines auf der Intensivstation. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was eine solche Erkrankung für Eltern bedeutet und dass es da viele Ängste und Befürchtungen gibt. Jetzt hat sich die Möglichkeit geboten, auch einmal etwas zurückzugeben“, erklärt Schauer sein Engagement. Im Juni bricht er mit 50 Rennradfahrerinnen und -fahrern auf. Die Route führt die Cyclisten von Essen nach Paris. Mit Extratouren durch Belgien und Luxemburg wird das Team in einer Woche 1.000 Kilometer und rund 7.000 Höhenmeter bewältigen. Ein Rennen auf Zeit ist die Tour nicht, aber irgendwo im Mittelfeld will Schauer dann doch landen. Dafür trainiert er gerade ein bisschen Triathlon nach Dienstschluss  für seine Fitness und die Deutsche Kinderkrebsstiftung.

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