5 August 2020

Corona hatten wir nicht auf dem Schirm

Corona hatten wir nicht auf dem Schirm

 Sie sind die Easy-Rider der Stadtwerke Düsseldorf. Frank Hähnel und Stefan Niggenaber cruisen seit 2004 in ihren Urlauben durch die Welt. In diesem Frühjahr saßen sie drei Wochen in Peru fest.
Zu ihrem Arbeitgeber hielten sie die ganze Zeit Kontakt und der setzte alle Hebel in Bewegung, um die Beiden zurückzuholen.

Frank Hähnel und Stefan Niggenaber beim Start ihrer Heading South Tour in Huánuco.

Mit brenzligen Situationen kennen sich Frank Hähnel und Stefan Niggenaber aus. Die Beiden sind eines von zehn Teams im Mobilen Entstördienst der Netzgesellschaft Düsseldorf, einer hundertprozentigen Tochter der Stadtwerke Düsseldorf. Hähnel ist Elektriker, Niggenaber Installateur und Heizungsbauer. Seit 15 Jahren sind sie in jeder Schicht zusammen. Tritt irgendwo Gas aus oder ist bei Stromleitungen, Wasser oder Fernwärme Gefahr im Verzug, sind die Experten zur Stelle – und das rund um die Uhr. Bei 30 Grad Hitze, wenn der Schweiß aus den Handschuhen läuft und bei 10 Grad Minus, wenn im gefrorenen Boden Leitungen freigelegt werden. Und sogar bei einem Großbrand oder einer Explosion wie vor Jahren auf der Krahestraße in Düsseldorf, rückt das Team mit Blaulicht aus und unterstützt die Feuerwehr. „Wir wissen sofort, wenn durch den Wasserschaden auch der öffentliche Personennahverkehr betroffen ist, wir haben immer die Folgen mit im Blick“, erklären die beiden Kollegen mit Krisenerfahrung.

No return

Ihre Krisenfestigkeit wurde im März jedoch auf eine harte Probe gestellt und das ausgerechnet während ihres Urlaubs, den sie ebenfalls gemeinsam verbringen – mit ausdrücklicher Genehmigung der jeweiligen Partnerin. Für die Extra-Urlaubswochen legen sie sich das ganze Jahr über ins Zeug, ersetzen kranke Kollegen, schieben Extraschichten. „Das ist der Deal mit der Family, denn die wollen schließlich auch mit uns in Urlaub fahren“, schmunzeln sie.

Fünf Wochen sind sie mit ihren alten BMWs, Baujahr 1991 und 1993, in Bolivien und Peru unterwegs und schon fast am Flughafen, als am 14. März ihr Rückflug gestrichen wird. Sie informieren sofort ihren Abteilungsleiter in Düsseldorf. Der beruhigt sie aus der Ferne und sichert ihnen alle Unterstützung zu, die sie benötigen. Arbeitsrechtlich gesehen fehlen die beiden unentschuldigt. Auf der weltberühmten Panamericana ist es brütend heiß. Sieben Kilometer vor ihrer Unterkunft haben sie einen Platten. Der Anfang einer Pechsträhne? 

Zwei Tage später lässt der peruanische Präsident Vizcarra die Landesgrenzen schließen. „Wir mussten die Motorräder aber noch nach Huánuco bringen“, erzählt Niggenaber. 

Seit 2013, als sie ihre Maschinen per Luftfracht nach Anchorage in Alaska transportieren ließen, muss jedes Mal eine Unterkunft für die Motorräder gefunden werden bis im nächsten Jahr die Reise durch Südamerika weitergeht. Um sich besser in Südamerika verständigen zu können und selber die bürokratischen Hürden für ihr Länder-Bike-Hopping nehmen zu können, haben sie Spanisch gelernt. Denn vor und nach jedem Start ist eine Menge Papierkram mit dem Zoll, der Polizei und Notaren zu erledigen, weil die Einfuhrgenehmigung für die Motorräder jeweils für ein Jahr unterbrochen werden muss. „Man braucht in jedem dieser Länder, die wir bereisen, einen Kontaktmenschen vor Ort, der bereit ist, unsere Motorräder bis zum nächsten Jahr bei sich unterzustellen“, so Hähnel. Manchmal hilft es ihnen, dass sie in der Motorradszene bekannt sind, manchmal hilft ihnen eine Zufallsbekanntschaft. 

© Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

No extranjeros

In Peru sitzt der Kontaktmann 400 Kilometer jenseits von Lima im Landesinneren. Auf dem Weg dorthin übernachten sie in einem kleinen Ort an einer staubigen Piste. „Die Menschen riefen `no extranjeros`- keine Fremden. Alle riefen ‚Corona, Corona‘, dabei waren sie die fünf Wochen vorher die freundlichsten Menschen. Jetzt wechselten sie die Straßenseite“, erinnert sich Hähnel. Am nächsten Tag tritt die offizielle Ausgangssperre in Kraft. Die Beiden hängen jedoch noch in den Anden fest auf 4.700 Metern Höhe bei Matsch und Schneeregen. Die Polizei hält sie an, lässt sie jedoch weiterfahren. Sie schaffen es mit fünf Reifenpannen bis Huánuco und können die Zollformalitäten für die Motorräder erledigen. Es ist der 16. März.  Peru befindet sich im Ausnahmezustand, Flüge gehen nur noch ab Lima. „Wir haben uns bei den Stadtwerken gemeldet und gesagt, dass wir dringend nach Lima müssen. Und das war wirklich toll, wie sich die Kollegen darum gekümmert haben. Eine Kollegin hat eine Arbeitgeberbescheinigung auf Spanisch aufgesetzt, in der stand, dass wir systemrelevante Rettungskräfte in unserer Heimat sind. Und dann haben sie noch alle zur Verfügung stehenden Stempel auf das Schreiben gedrückt, damit es auch richtig amtlich aussieht“, grinst Hähnel heute. 

Im März war ihm und seinem Kollegen das Grinsen aber zunächst einmal vergangen. Sie versuchen ein Taxi nach Lima zu bekommen, der Fahrer springt jedoch ab. Am 20. März holt sie jemand mit einem SUV ab. Er hat keine Fahrerlaubnis, doch sie steigen ein. Die Fahrt mit beschlagenen Scheiben und Tempo 130 über die regennassen Andenstraßen ist ein Alptraum. Als schließlich eine Schlammlawine den Weg versperrt, geht es über einen Feldweg weiter – sie denken an die Rallye Paris – Dakar und sind froh heil anzukommen.

In Quarantäne

In Lima werden sie in einem Hostal untergebracht. „Unzumutbar“, finden Hähnel und Niggen-
aber, belasten ihre Kreditkarte und wechseln in ein Hotel. Die 12 Millionen-Stadt Lima ist menschenleer. Ruckzuck sind überall Kreuze und Kreise aufgemalt, stehen lange Schlangen vor dem Supermarkt. Die Menschen tragen Masken und Handschuhe, es wird Fieber gemessen. Fünf bis sechs Leute laufen mit Desinfektionsmitteln die Reihen ab. Ab dem 29. März tritt ein Gesetz in Kraft, dass die Polizei und das Militär die Ausgangssperre und alle weiteren Regelungen mit Gewalt umsetzen. Außerdem gibt es ein Alkoholverbot. 

„Die Furcht, dass es eine Revolte bei den Tagelöhnern gibt, war groß. Wer nicht spurte, wurde ruckzuck auf einen Pick-up verladen, selbst wenn die Polizei nur eine halbe Flasche Bier unter dem Tisch fand. An jeder Ecke gab es Straßensperren“, erinnert sich Niggenaber. Außer ein bisschen Einkaufen und ganz viel Internet können sie nichts machen, warten wie Tausende auf einen Rückflug. Am 31. März kommt die erlösende Nachricht. Am 3. April treten die Stadtwerker ihren Rückflug nach Frankfurt an. Den Passierschein zum Flughafen bekommen sie erst, nachdem sie unterschrieben haben, dass sie die Kosten für die Rückholung tragen. „Das Geld war uns damals ziemlich egal“, gibt Hähnel zu.

Die gute Laune hat es die Beiden nicht gekostet, auch wenn sie – Stand heute – noch nicht wissen, wie hoch die Kosten für die Rückholung sein werden. „Da kommt noch etwas auf uns zu“, befürchtet Niggenaber. Seine Augen blitzen aber schon wieder auf, weil das Team schon jetzt an die nächste Bike-Tour denkt, die sie von Peru nach Chile führen soll. Denn durch die Welt zu cruisen, damit sind die Beiden schon seit 2005 infiziert. Ihre Begeisterung für fremde Länder teilen sie auch gerne mit. „Auf Diavorträgen haben wir 1.300 Euro gesammelt und die persönlich in ein rumänisches Kinderheim gebracht“, erzählt Niggenaber. Die Biker waren zusammen in der Osttürkei, in Syrien, Kurdistan, Tunesien und Marokko. 

„Wir haben im März über Wochen mit den Beiden mitgefiebert. Keine Teamsitzung, bei der nicht nach den Gestrandeten in Peru gefragt wurde. Kein Meeting, in dem wir nicht diskutiert haben, wie wir helfen können“, erinnert sich Pressesprecherin Yvonne Hofer, die Frank Hähnel seit ihrem ersten Stadtwerkejob im Studium kennt. Zwar ist der Mobile Entstördienst innerhalb der Stadtwerke mit seinen 22 Mitarbeitern eine kleine Gruppe, doch wissen alle, dass sie sich aufeinander verlassen können. Und wenn es einmal hart auf hart kommt wie im Fall von Hähnel und Niggenaber, stehen alle Abteilungen wie eine Familie zusammen, nehmen Anteil und freuen sich, wenn alle wieder gesund und munter an Bord sind. 

Susan Tuchel

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