Fotos: NRNW Ärzte-Netzwerk

Beim NRNW-Kongress wurde der Ernstfall konkret gedacht

Wenn sich Ärztinnen und Ärzte, medizinische Fachkräfte und Vertreter der Gesundheitswirtschaft an einem Ort versammeln, geht es längst nicht mehr nur um medizinisches Fachwissen. Es geht um Austausch, neue Perspektiven und die Frage, wie zukunftsfähig unser Gesundheitssystem ist.

Diesen Rahmen bot der NRNW Medizin Update Kongress, bei dem am 21. März 2026 im Dorint Kongresshotel in Neuss 950 Ärzte und Zahnärzte und 60 Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft, sowie Rechtsanwälte und Steuerberater mit dem Schwerpunkt Medizin, zusammenkamen. Von aktuellen medizinischen Entwicklungen über Praxisführung bis hin zu strukturellen Herausforderungen wurde ein breites Themenspektrum diskutiert.

Dabei wurde deutlich, dass Medizin heute nicht mehr isoliert gedacht werden kann. Die Herausforderungen sind komplex und erfordern das Zusammenspiel vieler Akteure.

„Kriegsmedizin“ als reale Herausforderung

In der Talkrunde „Im Ernstfall: Was bedeutet Kriegsmedizin?“ diskutierten Dr. Arndt Berson, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, Ansgar Heveling, MdB und Mitglied des Deutschen Bundestages, Matthias Schellenberg, Vorstandsvorsitzender der apoBank, sowie Carsten Padrock, Mitglied des Vorstands der Deutschen Ärzte Finanz Beratungs- und Vermittlungs-AG, über die Frage, wie sich das deutsche Gesundheitssystem auf Krisen- und Kriegsszenarien vorbereiten muss.

v.l.: Dr. Markus Groteguth, Vorstand NRNW Ärztenetzwerk, ehemaliger Oberstabsarzt der Bundeswehr, Dr. Arndt Berson, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, Carsten Padrock, Mitgied des Vorstands der Deutschen Ärzte Finanz Beratungs- und Vermittlungs AG, RA Ansgar Heveling, Mitglied des deutschen Bundestages

Dabei wurde deutlich, dass es nicht mehr um theoretische Szenarien geht, sondern um konkrete Schritte. Kriegsmedizin bedeute nicht einfach eine Zunahme von Notfällen, sondern eine grundlegende Veränderung medizinischer Abläufe und Prioritäten.

Gleichzeitig verändere sich die Rolle der Ärztinnen und Ärzte. Sie arbeiten unter höherem Druck, mit begrenzten Ressourcen und in einem Umfeld, das von Unsicherheit geprägt ist. „Die Frage ist ja auch, was das mit dem Arzt oder der Ärztin macht. Mehr Arbeit, mehr Belastung und gleichzeitig die Verantwortung, weiter zu funktionieren“, sagte Dr. Arndt Berson.

Dabei wurde klar, dass das bestehende System an seine Grenzen stößt. „Unser Gesundheitssystem ist aktuell weder krisen- noch kriegsfest“, so Berson weiter.

In der Diskussion wurde sehr konkret benannt, wo die größten Schwachstellen liegen. Viele Praxen verfügen über keine Notstromversorgung, gleichzeitig sind digitale Systeme längst zentraler Bestandteil der medizinischen Arbeit und entsprechend anfällig. Klare Zuständigkeiten, abgestimmte Kommunikationswege und verbindliche Strukturen für den Ernstfall fehlen bislang vielfach oder sind nicht ausreichend definiert. Über Jahre hinweg seien zudem zentrale Strukturen der Krisenvorsorge zurückgebaut worden, sodass heute ein großer Nachholbedarf bestehe.

Gleichzeitig wurde deutlich, welche Schritte notwendig sind, um die Resilienz des Systems zu erhöhen. Es brauche klare Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie verbindliche Entscheidungs- und Kommunikationswege. Auch die verfügbaren personellen Ressourcen müssten transparenter erfasst werden, etwa durch ein Register medizinischer Kompetenzen. Auf Ebene der einzelnen Praxen gehe es darum, sich strukturell besser vorzubereiten, etwa durch Vorratshaltung, durchdachte IT-Sicherheitskonzepte und alternative Arbeitsweisen für den Fall eines Systemausfalls.

Im Ernstfall könne das bedeuten, dass medizinische Versorgung wieder mit einfachen Mitteln organisiert werden müsse. „Dann arbeiten wir wieder mit Karteikarten. Das ist für Ärzte machbar, aber die gesamte Kommunikationsstruktur bricht weg“, sagte Matthias Schellenberg.

Zugleich würde sich die Versorgung deutlich in Richtung ambulanter Strukturen verschieben. Krankenhäuser wären schnell überlastet, während Praxen deutlich mehr Patientinnen und Patienten versorgen müssten. Gleichzeitig sei nicht davon auszugehen, dass das gesamte Personal zur Verfügung stehe, da familiäre Verpflichtungen oder eigene Betroffenheit die Einsatzfähigkeit einschränken können.

Neben der körperlichen Versorgung rückt auch die psychische Belastung stärker in den Fokus. Gerade ältere Menschen oder Menschen mit Kriegserfahrungen reagieren sensibel auf Bedrohungsszenarien. Angst und Verunsicherung können damit selbst zu einem relevanten medizinischen Thema werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rolle der Bundeswehr. „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Bundeswehrkrankenhäuser die zivile Versorgung übernehmen. Militärische Einrichtungen werden im Ernstfall primär für die Versorgung von Soldaten benötigt“, erklärte Schellenberg.

Auch wirtschaftliche und strukturelle Absicherung spielt dabei eine Rolle. „Wenn der Heilberufler das Gefühl hat, dass außerhalb seiner Tätigkeit alles geregelt ist, schafft das Stabilität“, erklärte Berson.

Am Ende der Diskussion verdichtete sich die Erkenntnis: Vorbereitung ist keine abstrakte Aufgabe, sondern eine Notwendigkeit auf allen Ebenen. Besonders prägnant formulierte es Carsten Padrock: „Das Gegenteil von Vorbereitung ist nicht Frieden, sondern Hilflosigkeit.“

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