16 Juli 2021

Wie Corona Schule machte

Wie Corona Schule machte

Sie waren über Monate fast unsichtbar, die Schüler dieser Stadt. Was hat die Pandemie mit ihnen gemacht? Wie haben sie die Zeit im Homeschooling und im Wechselunterricht erlebt? Fühlten sie sichisoliert und einsam, daddelten sie nur noch rum, gingen die Noten in den Keller? Wir haben die Schüler der Klasse 10 b der Toni Turek
Realschule getroffen, der ehemaligen Städtischen Realschule Golzheim.

Es war nicht das erste Treffen mit den Schülerinnen und Schülern. Im Oktober 2019 hatte unser Fotograf Alexander Vejnovic zusammen mit der Klassenlehrerin Gaby West ein Schulprojekt initiiert. Das war vor dem Umzug an die neue Toni Turek Realschule in Stockum. 

Vejnovic verwandelte das Klassenzimmer in Golzheim kurzerhand in ein Fotostudio und machte Porträtaufnahmen für die Praktikumsbewerbungen. Er schenkte den Schülern damals nicht nur seine Zeit und ein Foto, sondern auch ein Gefühl für die eigene Ausstrahlung und Persönlichkeit. Dazu ließ er jeden Schüler auf einen Zettel schreiben, wie er sich selbst sieht und bat den Sitznachbarn die Person ebenfalls zu beschreiben. 

Vergessen hat diese Zettel niemand. Denn die Selbstbeschreibungen der pubertierenden Mädchen und Jungen steckten voller Selbstzweifel. Alle fanden sich entweder zu dick oder zu dünn, zu klein oder zu groß, irgendwie durchschnittlich, zu dumm und zu hässlich ohnehin. Dagegen beschrieben sie ihre Mitschüler als hübsch, attestierte ihnen eine schöne Figur, ein perfektes Lächeln und schwärmte von wunderschönen Augen und Grübchen. Einige Monate später kam der Lockdown. Die meisten fanden sich – wie der Rest der Homeoffice-Republik – in Jogginghosen vor dem Computer wieder. Digitaler Unterricht musste her, auch die Schulen hatten mit der Technik zu kämpfen. Ganz nebenbei mussten die Kids noch entscheiden, wie es nach der Mittleren Reife für sie weitergehen sollte. 

Vier Schülerinnen und vier Schüler der 10 b haben wir interviewt. Es war ihr erster Klassenausflug mit einer Geräuschkulisse wie auf einem Schulhof, als sie sich im Juni im  Innenhof vor dem Fotostudio auf Decken niederließen und ihr Weihnachtswichteln nachholten. Für den Fotografen hatten sie eine Karte mit Unterschriften und ein Geschenk im Gepäck. Er hatte sie eingeladen, um Porträtaufnahmen für ihre Bewerbungen zu machen. Die Schüler gaben uns bereitwillig Auskunft über ihr Leben während der Coronazeit. Susan Tuchel 

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Celina (17)

Ich finde, ich sehe heute erwachsener aus mit der Brille. Mit dem Foto von 2019 habe ich mich um ein Praktikum als Kauffrau für Büromanagement beworben und es hat geklappt. So im Nachhinein würde ich sagen, dass ich seit dem Fotoshooting offener mit meinem Aussehen umgehe. Als wir dann nicht mehr in die Schule gehen konnten, fand ich das am Anfang schwierig, am Ende hatte ich keine Probleme mehr damit. Ich konnte sogar meine Noten verbessern. Morgens bin ich ganz normal aufgestanden, nicht immer habe ich mich für den Unterricht umgezogen. Dann habe mich an den Tisch gesetzt. Irgendwie war die Zeit zu Hause auch ganz kuschelig und schön. Mit meinen Freundinnen und Freunden habe ich mich in Video-Chats ausgetauscht. Ich bin öfter alleine oder mit der Familie spazieren gegangen. Auf das Wiedersehen nach sechs Monaten habe ich mich sehr gefreut. Auch wenn es nur für einen Monat ist, denn dann trennen sich unsere Wege wieder. Ob ich mehr Bedürfnis nach Nähe habe? Eigentlich nicht, das hat sich durch Corona nicht geändert. Im August fange ich eine Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement im Ministerium für Schule und Bildung an. Ich freue mich sehr darauf.

Christina (16)

Ich habe damals viele sehr nette Komplimente von meiner Sitznachbarin bekommen. Ich hatte mich damals als kurvig, klein und nicht gerade hübsch beschrieben und mit meiner Nase war ich auch nicht ganz zufrieden. Das Positive, das meine Mitschülerin in mir gesehen hat – das hört man schon sehr gerne und stärkt das Selbstbewusstsein. Meine Praktikumszeit habe ich bei einem Versicherungskonzern in Düsseldorf absolviert. Während des Distanzunterrichts habe ich mich eher auf die Lehrer, die Schule und das Lernen konzentriert. Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, doch dann ist es mir immer besser gelungen. In meiner Freizeit habe ich während der Zeit viel mit Freunden kommuniziert und mehr Sport als sonst gemacht. Ich war die meiste Zeit zu Hause, meine Geschwister waren auch da und meine Mutter war im Homeoffice. Normalerweise habe ich das Hobby traditionell griechisch tanzen zu gehen. Als Alternative habe ich bei mir zuhause Workouts gemacht. Als die Schule dann wieder losging, habe ich mich schon sehr über die Kontakte gefreut, aber es war auch sehr ungewohnt auf einmal so viele Menschen auf dem Schulhof zu sehen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit hat es mich jedoch nur noch gefreut umgeben zu sein von meinen Freunden und meinen Mitschülern. Nun wurde ich am Georg-Büchner-Gymnasium angenommen. Ich bin jedoch noch unentschlossen, was ich danach machen möchte. Das neue Foto kann ich gut gebrauchen, wenn ich mich für einen Ferien- oder Nebenjob bewerbe.

Kemal (16)

Bei dem Schulprojekt mit den Fotos habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie andere mich wahrnehmen und das hat mich überrascht. Mein Praktikum habe ich einer Apotheke gemacht. Der digitale Unterricht war eine große Umstellung. Meine Noten wurden schlechter, ich konnte mich nicht motivieren. Dann hat es irgendwann Klick gemacht. Angezogen habe ich mich eigentlich in dieser Zeit ganz normal. In der Freizeit war ich viel zu Hause, habe mich aber auch mit ein paar Freunden getroffen. Ich habe übers Konsolespielen Freunde aus England und Amerika kennengelernt und damit mein Englisch verbessert. Normalerweise spiele ich Basketball, ich habe dann zu Hause trainiert und mich positiv verändert. Ich habe mich sehr gefreut, nach so vielen Monaten alle Gesichter wiederzusehen und habe mich gefragt, wie sich die anderen verändert haben. Aber einen großen Unterschied konnte ich nicht feststellen. Ich gehe weiter zur Schule an die Hulda-Pankok Gesamtschule. Mit dem Foto von heute möchte ich mich für einen Minijob im Lebensmitteleinzelhandel bewerben.

Lucija (16)

Ich weiß noch ganz genau, dass ich mich damals als zurückhaltend und nicht offen beschrieben habe, während mein Sitznachbar mich offen und hilfsbereit sah. Den Unterricht während des Lockdowns habe ich als viel schwieriger empfunden. Ich empfand mehr Druck, war gestresst und konnte die Lehrer nicht erreichen. Ich habe mich sehr angestrengt, hatte Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Auch am Wochenende empfand ich den Druck, konnte den Kopf nicht frei bekommen. Ich habe mir eine Jogginghose angezogen für den digitalen Unterricht, aber irgendwie habe ich mich dann auch darin unproduktiv gefühlt. Während des Lockdowns habe ich nur eine Person gesehen, es sind auch Kontakte verlorengegangen. Aber das sehe ich entspannt, Freunde kommen und gehen. Ich bin gejoggt, habe Workouts gemacht und bin ganz viel Fahrrad gefahren. Als die Schule wieder losging, habe ich mich schon sehr gefreut, aber andererseits hat es mich gestört, dass die Schule so voll war. Ich hatte ein bedrückendes Gefühl. Ich habe in der 9 ein Praktikum in einer Steuerkanzlei gemacht und da habe ich auch zum 1. August einen Ausbildungsplatz als Steuerfachangestellte bekommen.

Madleen (16)

Mit dem Porträtfoto aus der 9 habe ich mich um einen Praktikumsplatz in einer Apotheke beworben. Als wir in den Distanzunterricht mussten, hatte ich Langeweile. Aber nach den Sommerferien im letzten Jahr wurde es besser. Ich merkte, dass ich mich zu Hause besser konzentrieren kann, ich schneller arbeitete. Meine Noten wurden besser. Jogginghosen hatte ich trotzdem meistens an. Mit meinen Freundinnen und Freunden habe ich Videospiele gespielt, gefacetimed oder geschrieben. Nach den Sommerferien ging es mit dem Fußballtraining wieder los. Dann wurden wir im Wechsel in zwei Gruppen unterrichtet. Als wir dann auf einmal alle wieder zusammen in der Klasse saßen, war das ein bisschen, als würden wir uns neu kennenlernen. Ich will weitermachen mit der Schule und aufs Goethe Gymnasium gehen. Was ich danach machen möchte, weiß ich noch nicht so richtig.

Rohat (15)

Ich bin der zweitjüngste in der Klasse. Das Fotoprojekt in der 9 hat mir gut getan und wirklich weitergeholfen. Ich habe einen anderen Blickwinkel auf mich bekommen. Ich habe einen Praktikumsplatz bei einem Versicherungskonzern bekommen. Den Distanzunterricht fand ich super. Ich konnte mich besser konzentrieren, habe meine Aufgaben immer sofort gemacht, direkt nach der Videokonferenz. Ich hatte meistens eine Jogginghose an, hatte die Kamera aus und habe auch schon mal etwas während des Unterrichts gegessen. Meine Noten sind besser geworden. Ich habe viele Serien geguckt, bin in die Stadt gegangen und war joggen. Ich fand es angenehm. Mit Freunden habe ich telefoniert oder gewhatsapped. Ich fand es toll, alle Gesichter wiederzusehen. Sie sind mir so vertraut wir vorher. Ich kann mich auch jetzt sehr gut konzentrieren. Mein nächstes Ziel ist es, Abi zu machen.

Sahil (16)

Ich weiß noch, dass mich mein Sitznachbar gutaussehend und nett fand. Das hat mich gefreut. Mein Praktikum habe ich bei einem Anwalt gemacht. Ich bin eher ein ruhiger Typ. Beim Distanzunterricht wurden die Aufgaben oft nicht so gut erklärt. Ich habe versucht mich zu motivieren und habe es geschafft, mich von 3 auf 2 hochzuarbeiten. Einfach war das nicht. Mein Bruder und mein Vater haben viel Fernsehen geschaut, meine Mutter macht gerade eine Ausbildung und wir haben einen Hund. Aber ich habe es hinbekommen. Ich habe drei beste Freunde, aber ich habe nur zwei im Monat gesehen. Auf die Klasse habe ich mich sehr gefreut. Wir haben viel geredet. Im Unterricht mache ich jetzt besser mit als vorher. Ich bin selbstbewusster geworden. Ich gehe nach den Sommerferien aufs Georg-Büchner-Gymnasium und möchte Architekt werden. Das neue Foto brauche ich, um mich für einen Ferienjob zu bewerben.

Yannik (17)

Mit dem Foto aus der 9. Klasse habe ich mich um ein Praktikum als Kfz-Mechatroniker beworben. Das hat zwar Spaß gemacht, aber das ist nicht meine Berufung. Das war mir schnell klar. Mit der Kamera beim Distanzunterricht habe ich es unterschiedlich gehandhabt. Was mir gefehlt hat, waren die Späße mit den Sitznachbarn, man kann ja auch nicht reinreden in diesen Unterricht. Es ist keine richtige Kommunikation. Wenn du eine Aufgabe nicht verstanden hattest, dann musstest du den Lehrer anschreiben und oft ist kein direktes Feedback gekommen. Homeschooling hat mir weniger Spaß gemacht, ich bin schlechter geworden. Vor dem Bildschirm saß ich immer wie kurz nach dem Aufstehen. Ich habe mir nur die Zähne geputzt und mir die Haare gekämmt. Meine Mutter war auch im Homeoffice, mein Vater war arbeiten. Meistens habe ich mich mit zwei Leuten getroffen, wir haben Fußball gespielt und ich bin joggen gegangen. Aber das hat dann auch nachgelassen und ich habe mich oft an die Konsole gesetzt. Als wir uns alle wiedergesehen haben, war es fast wie ein erster Schultag auf einer neuen Schule. Aber wir hatten gleich wieder viele Gesprächsthemen. Auf dem neuen Foto möchte ich gerne offen rüberkommen. Ich denke, ich habe mich nicht so viel verändert. Mein nächstes Ziel: das Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung auf dem Berufskolleg auf der Bachstraße. 

18.3.10 Für Campus-Kolumne: Neues Portrait von Prof. Dr. Heiner Barz, Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der HH – Uni. Foto: Werner Gabriel

Alles halb so wild?

Ein kritischer Kommentar von Prof. Dr. Heiner Barz, Leiter der Abteilung für Bildungsforschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

War wirklich alles nur halb so schlimm in Sachen „Homeschooling“? Lag darin tatsächlich für viele Schüler die Chance, endlich mal zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt? Immer wieder ist in den Interviews die Rede davon, dass sich die Schüler und Schülerinnen zu Hause viel besser konzentrieren könnten, dass sie sich in ihren Noten verbessert hätten und dass es irgendwie zu Hause auch ganz kuschelig und schön sei – trotz oder gerade wegen der obligatorischen Jogginghose. Was mir auffällt: Nur bei zwei von acht Gesprächspartnern, nämlich bei Lucija (16) und Yannik (17), klingen kritische Aspekte an, etwa Einsamkeit, schwindende Motivation, wenig inspirierende Kommunikationsformen mit Lehrern und Mitschülern. 

Es freut mich, dass die anderen Interviewten offensichtlich ganz gut durch die Krise gekommen sind. Aber diese Jugendlichen sind nicht repräsentativ. Und Golzheim und Stockum sind nicht Eller und Unterrath. Daten aus Studien zum Distanzunterricht sprechen eine andere Sprache. Gerade erst hat ein Team um Prof. Andreas Frey, Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt a.M., eine Forschungsübersicht veröffentlicht. Darin heißt es nicht nur, dass die Schere zwischen den sozial Benachteiligten und den Privilegierten stark auseinanderging. Sondern auch, dass im sogenannten Distanzunterricht von einem effektiven Lernen kaum gesprochen werden kann. Im Gegenteil: Die Schüler fallen in vielen Kompetenzbereichen sogar zurück. „Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien“, sagt Prof. Frey.

Und dabei ist mit dem, was an „Lernstoff“ unter die Räder kam, nur ein kleiner Teil des Problems angesprochen. Denn Schule ist mehr als eine Lernfabrik. Schule und die Gemeinschaft der Gleichaltrigen stellen äußerst wichtige Sozialisationsinstanzen dar, die kein noch so gut gemachtes Online-Tutorial je ersetzen könnte. Von daher ist der fehlende soziale Austausch, sind die fehlenden Gemeinschaftserfahrungen, die fehlenden Freizeit- und Sportmöglichkeiten für viele Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich das größere Problem im Vergleich zu den verlorenen Schulstunden. 

Das renommierte Jugendforschungsinstitut t-factory (Sitz in Hamburg und Wien) hat im Februar/März 2021 eine Repräsentativbefragung von 2.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland und Österreich durchgeführt und sich dabei vor allem um kulturelle und politische Dimensionen gekümmert. Das Ergebnis: Die Corona-Politik der Regierungen wird zwar von einer Mehrheit nicht generell abgelehnt – in beiden Ländern jedoch scheint sich eine Vertrauenskrise zu entwickeln, weil sich die junge Generation mit ihren berechtigten Interessen und Bedürfnissen nicht vertreten fühlt: In Österreich vertraut nur mehr ein Drittel der jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren der Regierung. In Deutschland sind es noch 40 Prozent. Der Opposition vertrauen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch weniger. Das zeigt, dass innerhalb des politischen Systems keine Alternative mehr gesehen wird: „Die Repräsentationskrise der Politik ist dabei, total zu werden,“ heißt es in dieser „Jugendwertestudie 2021“. 

Mit den reduzierten Kontakten zu Gleichaltrigen habe auch die Intensität der Freundschaftsbeziehungen deutlich abgenommen, so Studienleiter Prof. Bernhard Heinzlmaier. Hingegen habe die Kontrolle der Eltern auf den Alltag der jungen Menschen wieder zugenommen. Heinzlmaiers Appell: „Jugendliche brauchen Restaurants, Bars, Clubs, Event- und Party-Locations, um altersadäquate Beziehungserfahrungen machen zu können und Entwicklungsaufgaben in Bezug auf die eigene Sexualität lösen zu können. Gleichaltrigengruppen und jugendkulturelle Freiräume sind die wichtigsten Bedingungen für eine gelingende Sozialisation. Schneidet man Jugendliche langfristig von ihnen ab, können sie die wichtigen Lern- und Lebenserfahrungen einer erfüllten Jugend nicht machen.“

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