7 April 2021

„Natürlich will niemand sechzig werden”

„Natürlich will niemand sechzig werden”

Bereits zum 20. Mal verleiht die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf den mit 20.000 Euro dotierten „Düsseldorfer Literaturpreis“. In diesem Jahr hat die Jury den in Hamburg lebenden Autor Norbert Gstrein ausgewählt, der als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gilt. Sein aktueller Roman „Der zweite Jakob“ ist dieses Jahr im Hanser Verlag erschienen.

Lebensgeständnis eines Schauspielers

Der Autor Norbert Gstrein wurde 1961 in Tirol geboren. Heute lebt er in Hamburg. Er wurde unter anderem mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet sowie mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2019 erhielt er den Uwe-Johnson-Preis und den Österreichischen Buchpreis. Nach seinem gefeierten Roman „Als ich jung war“ – widmet sich Norbert Gstreins neues Buch den Abgründen der Menschheit. „Natürlich will niemand sechzig werden.“ Damit beginnt Jakobs Lebensgeständnis. 

Die allesentscheidende Frage über Sein und Nichtsein

Der bekannte Schauspieler, über den ein Verlag eine Biografie veröffentlichen will, hat ein Problem mit seiner Biographie. Da stellt ihm seine Tochter Luzie die allesbewegende Frage: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“ Jakob, der Ich-Erzähler, versucht sich zunächst herauszuwinden. Seine Antwort lautet: Dass er bei der Geburt seiner Tochter nicht dabei gewesen sei. Oder dass sie Luzie ohne ihr Einverständnis auf ein Internat geschickt hätten. Doch das ist nicht die Antwort, die Luzie von ihrem Vater erwartet. Jakob weiß auch, dass er seiner Tochter die wahre Antwort schuldig geblieben ist, die ihm spontan in den Kopf geschossen war.

Mordbeobachter aus der Distanz

In der Retrospektive steht ihm ein Filmdreh an der mexikanisch-amerikanischen Grenze vor Augen. Brutale Morde an Frauen und deren Elend nimmt er aus der Distanz wahr – aber zwei Mal ist er plötzlich mittendrin. Er schämt sich, ringt mit den simplen Urteilen der Welt und sehnt sich in gleißenden Erinnerungen nach dem Glück. Warum ist er kein Original, sondern stets nur „der zweite Jakob“? 

Lesegenuss pur 

Norbert Gstreins Roman ist komplex angelegt. Bereits zu Anfang entwickelt er ein Geflecht von Handlungsfäden, die er im Verlauf der Geschichte gekonnt weiterspinnt. Dank seiner unverwechselbar eleganten Sprache mit wunderbaren Satzmelodien lässt sich das Buch dennoch leicht und mit großem Genuss lesen. 

Die größte Rolle, ein Frauenmörder

Die Handlung spielt auf mehreren wechselnden Zeitebenen. Etwa zwei Jahre zuvor empfängt der Schauspieler einen Biografen, der pünktlich zum 60. Geburtstag eine Bioraphie über ihn schreiben soll. Dieser Autor, Elmar Pflegerl, wird im Verlauf der Erzählung zu einem immer aggressiver beäugten Feind. Norbert Gstrein eröffnet seinen Lesern geschickt unterschiedliche Facetten seines Protagonisten, eines Mannes, der zu Aggressionen neigt, der es gewohnt ist, sein Geld zur Durchsetzung seiner Ziele einzusetzen, der einerseits drei gescheiterte Ehen hinter sich hat, über die er nicht sprechen möchte, der andererseits seine Berühmtheit als Schauspieler in verschiedenen Frauenmörder-Rollen erlangt hat. Er hat nicht nur auf deutschen Theaterbühnen Erfolge gefeiert, sondern auch in den USA vor der Kamera gestanden. Aber er bleibt von Anfang bis Ende eine zutiefst gespaltene Figur. Wieder einmal hat Norbert Gstrein einen Roman geschrieben, der mitreißende, sprachgewandte, große Kunst ist. Moralische und biografische Gewissheiten löst er in eleganten Satzmelodien auf. 2021 wird auch Gstrein 60 Jahre alt.

Dr. Hubert Winkels, Mitglied der Jury, begründet die Wahl so: 

„Der zweite Jakob, Held und Erzähler des neuen Gstrein-Romans ist ein bekannter Filmschauspieler, der lieber ein echter existentieller Lebensverlierer wäre. Wie sein alter Onkel Jakob, der stumme Außenseiter aus Norbert Gstreins erster Erzählung ʼEiner‘ von 1988. Er möchte herausfallen aus allen Zuschreibungen und Projektionen und empfindet permanent Schuldgefühle, als hätte er sich von sich selbst ein falsches Bild gemacht. Kaum dass er etwas sagt, bereut er und revidiert er es. Und wehe, andere suchen ihn zu bestimmen! Wie sein Biograph Elmar Pflegerl. Oder seine Tochter. Oder wie seine früheren Frauen. Oder seine wohlhabende Verwandtschaft aus den Tiroler Bergen. Jakob ist eine leere Figur, die sich in immer neuen Erzählungen und Dementis selbst erfindet und zugleich durchstreicht. Norbert Gstrein macht auf eine grandiose Weise im Wechsel von Selbst- und Fremdbeschreibung deutlich, welch ein seltsames Palimpsest die Biographie eines Menschen ist. Er tut dies unterhaltsam und spannend, führt uns zu Filmdrehs nach New Mexiko, auf eine Ranch in Montana, in eine großbürgerliche Wohnung in Innsbruck und hoch in tief verschneite Berge. Nichts stimmt mit Jakob in diesem durch und durch stimmigen Roman.“ 

Über den Düsseldorfer Literaturpreis

Der Düsseldorfer Literaturpreis zeichnet Autorinnen und Autoren aus, deren deutschsprachiges literarisches Werk inhaltlich oder formal Bezug auf andere Künste nimmt. Bisher wurden neunzehn Autorinnen und Autoren damit ausgezeichnet. Zum Beispiel: Gisela von Wysocki, Leif Randt, Thomas Hettche, Ralph Dutli, Michael Köhlmeier, Marcel Beyer, Marion Poschmann, Esther Kinsky, Karen Duve oder zuletzt Jackie Thomae. 

Karin-Brigitte Göbel, Vorstandsvorsitzende der Stadtsparkasse Düsseldorf über die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf:

„Seit 2000 haben wir über 390 Projekte gefördert und 2,9 Mio EUR diesem Zweck zugeführt und haben uns neben Co-Förderungen von Ausstellungen, von Festivals und Aufführungen, den unterschiedlichsten Veranstaltungen immer mit Kunstbezug insbesondere um die Nachwuchsförderung in allen Kunstsparten gekümmert.“

Alexandra von Hirschfeld

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