22 März 2022

Isabel Varell: „Ich lasse mal meine Hosen runter“

Isabel Varell: „Ich lasse mal meine Hosen runter“

Ihr Beruf ist Lebenskünstlerin. Isabel Varell ist Sängerin, Liedermacherin, Schauspielerin, Moderatorin und mit ihrem zweiten Buch „Die guten alten Zeiten sind jetzt“ auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet. Wir trafen uns im Café Weise am Wehrhahn – keine zwei Kilometer vom Goethe-Gymnasium entfernt, von dem sie ebenso wie vom Luisengymnasium flog.  

Du bist splitterfasernackt in einem nüchternen Konferenzraum. Alle ignorieren dich und dein Freund Hape Kerkeling scheint sich sogar für dich zu schämen. Am liebsten würdest du dich in Luft auflösen – auch weil du mit 60 Jahren schon ein paar Schwachstellen an deinem Körper entdeckt hast. Dann klingeln zwei Wecker. So beginnt der zweite Teil deiner Autobiographie. Nach diesem Alptraum konsultierst du Dr. Google zu „Nacktheit im Traum“ und analysierst für dich: „Ich war mit meiner Sexualität eigentlich immer ziemlich im Reinen.“ Was heißt „eigentlich“ und was „ziemlich“?

Ich bin sehr verklemmt aufgewachsen und zwar die meiste Zeit davon in Düsseldorf. Meine Eltern haben sich scheiden lassen und meine Mutter hat meinen Vater auf Lebenszeit für seine Entscheidung verurteilt, eine andere zu lieben. Um ihn zu bestrafen, hatte sie mir den Kontakt mit ihm verboten und immer wieder gedroht: „Wenn du Kontakt zu deinem Vater aufnimmst, schicke ich dich ins Heim für Schwererziehbare. Du bist dann auch verantwortlich für meine Krankheiten und meinen verfrühten Tod!“ Für sie waren Männer Schweine und die Geschlechterverteilung sah für sie so aus: Männer nehmen und Frauen geben. Ich habe Jahre gebraucht, um mich in der Liebe frei zu fühlen. Und ich habe auch nicht immer den richtigen Riecher gehabt. Es waren viele Frösche dabei, die man sich hätte sparen können. Heute weiß ich, dass ich einfach immer geliebt werden wollte, koste es, was es wolle. Das war auch einer der Gründe, warum ich Künstlerin geworden bin. Ich wollte immer in die erste Reihe, weil ich dachte, da müssen die Liebe und der Applaus sein. Als ich dann in einem Tanzlokal mit 13 Jahren an der Ostsee meinen ersten Auftritt bei einem Talentwettbewerb hatte, wusste ich: Das ist es. Und ich hatte Erfolg. Mit 19 wurde ich Dritte beim Nachwuchswettbewerb von Radio Luxemburg. Mit 23 bekam ich die „Goldene Europa“ als beste Nachwuchssängerin und Drafi Deutscher komponierte für mich „Melodie d’amour“ und produzierte meine Single. 

Mit Drafi Deutscher – dem Sänger und Komponisten des Kulthits „Marmor, Stein und Eisen bricht“ – warst du von 1989 bis 1991 verheiratet. 2015 hast du den Regisseur Pit Weyrich geheiratet, den du seit den 80-er Jahren kennst. Aber vor Pit gab es noch Marc, den jüngeren Choreographen und Tänzer …

Ich lebte zu der Zeit als Single in Hamburg, wo ich ein Engagement in dem Musical „Hairspray“ hatte. Ich war verknallt in Marc wie eine 14-Jährige. Gescheitert ist unsere Beziehung an seinen Haschkekspartys, auf denen er sich total abschoss. Nach meiner Ehe mit Drafi bin ich sehr sensibel, was dieses Thema angeht. Drogen haben eine zerstörerische Wirkung und Marcs Drogenkonsum hat unsere Beziehung nicht verkraftet. Trotzdem war mir wichtig, dass unsere Liebe ein Kapitel in meiner Autobiographie bekam. Denn auch kurze Beziehungen können einem das Herz brechen. Auch wenn Marc für mich ein Film ohne Happy End war, bekommt er als Kurzfilm das „Prädikat wertvoll“. 

 © Alexander Vejnovic

Ganz ohne Blessuren ging deine Karriere nicht ab. Vor gut 10 Jahren hattest du dich von Jürgen Drews zu einem Ballermann-Engagement auf Mallorca überreden lassen, ein echter Flop …

Es war das erste und einzige Mal, dass mir tatsächlich die Stimme auf der Bühne weggeblieben ist. Ich war nur froh, dass sich meine Stimme und meine Seele ziemlich schnell erholt haben. Dabei hatte mein Körper immer brav Alarm geschlagen. Immer wenn ich die Bühne morgens um 4.00 Uhr betreten habe, habe ich heftige Bauchschmerzen bekommen. Hätte ich weitergemacht, hätte ich meine Seele verkauft. Ich war heilfroh, dass damals niemand von meinem Desaster Wind bekommen hat. Rückblickend war dieses Engagement für mich eine wichtige Lektion, noch ein bisschen besser auf meine innere Stimme zu hören. 

Apropos Lektion, warum bist du eigentlich vom Goethe- und vom Luisengymnasium geflogen?

Ich habe als Mutprobe geklaut und eine Schultoilette mit Toilettenpapier verstopft und angezündet. Beim Versuch, das Feuer zu löschen, lief natürlich alles über.

Gegen den Kloß im Hals hast du eine Coaching-Ausbildung gemacht, ohne Coach werden zu wollen. Du wollest „Eier in der Hose“ haben und dich nicht mehr bevormunden lassen, hat das geklappt?

Die Ausbildung zum systemischen Coach hat mir eine Werkzeugkiste an die Hand gegeben. Ich kann mir seitdem ein gutes Stück weit selber helfen und habe gelernt, meine Muster aus der Kindheit zu erkennen. Ich brauche immer ein „Erlauber-Ich“, das kann ich mir jetzt selber kneten. Auf meinem Kühlschrank steht ein Schmunzler, der mir erlaubt, die Dinge mit Humor und Leichtigkeit zu sehen. Das klingt vielleicht komisch, aber es hilft wirklich.

Die Angst zu versagen, nicht zu genügen, die Angst vor dem Alter, wie ängstlich bist du?

Ich bin mit 18 Jahren von zu Hause ausgezogen mit nichts als der mittleren Reife in der Tasche und habe mich alleine durchgekämpft. Ich habe Gesangsunterricht genommen, wann immer ich ihn mir leisten konnte, und habe gekellnert, bis ich von der Musik leben konnte. Mein Mantra war immer: Ich habe vor nichts Angst. Das habe ich mir zumindest immer selber eingeredet. Heute bin ich tatsächlich mutig, weil ich meine Ängste überwunden habe. Das war ein langer und mitunter schmerzhafter Prozess. Es ist viel einfacher, die Ängste vor sich selber zu vertuschen als sie sich einzugestehen. Dabei hat mir auch das Schreiben geholfen. Aber natürlich ist es immer noch ein anderer Schritt, wenn man andere Menschen in seinen Büchern so tief in sein Innerstes schauen lässt, also öffentlich die Hosen runterlässt. Und mit dem Schreiben kommen auch die Schmerzen zurück. Manchmal denke ich sogar, dass das Bücherschreiben mich verhärtet. Andererseits ist es auch eine Chance, Dinge aufzuarbeiten. Im Moment versuche ich mich meiner verstorbenen Mutter innerlich anzunähern. Ich weiß, dass sie kein leichtes Leben hatte und versuche ihr zu verzeihen.

„Boah, ist die alt geworden“, dieser Ausspruch stammt auch von deiner Mutter, wenn sie Prominente wie Hildegard Knef im Fernsehen sah.  Pawel, der freundliche polnische Handwerker, der dir beim Aufbau der Regale eines großen schwedischen Möbelhauses half, sagt in einem Kapitel zu dir: „Frau Isabel! Mein Freund sie kennt. Er sagt: Sie sehr, sehr alt.“

Ich komme sehr gut mit meinem Alter klar. Statt meine Zeit vor dem Spiegel zu verplempern, widme ich diese lieber meinem seelischen, körperlichen und geistigen Zustand. Körper, Seele und Geist sind eins. Für mich ist wichtig, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle. Klar habe auch ich mit den Kilos zu kämpfen, deshalb mache ich viel Sport und Yoga. Ich bin acht Marathons gelaufen, einen in New York, einen in Venedig, die anderen in Berlin, Hamburg und Köln. Das muss sein, weil ich einfach wahnsinnig gerne Pizza, Pasta, Reis und Kartoffeln esse und es unmenschlich finde, Kohlenhydrate von Käse, Fisch oder sonstigen tierischen Eiweißen zu trennen. Um nicht zu übersäuern, lege ich regelmäßig basische Ernährungstage ein. Fleisch habe ich aus Mitleid mit den Tieren schon vor Jahrzehnten von meinem Speiseplan gestrichen. Was ich mir nach Möglichkeit alle zwei Jahre gönne, ist eine Ayurveda-Kur in Sri Lanka, wobei ich die Darmreinigung nicht mitmache und der Kaffeeentzug alles andere als ein Vergnügen ist. Ansonsten reinige ich meine Haut mit Wasser und Seife. Und weil die geilste Zeit immer jetzt ist, trinke ich Rotwein, wenn mir danach ist, und genehmige mir als Gelegenheitsschnorrerin auch schon mal ein Flüppchen, das mir meine Freundin dreht. Natürlich beschäftigt mich das Thema Alter. Deshalb habe ich auch die zehn Gebote für ein glückliches Älterwerden erfunden und das erste heißt: Du sollst dich nicht schämen, weil du alt und faltig wirst. Gehe selbstverständlich um mit deinem aktuellen Sein – und strahle Souveränität aus. 

Das heißt im Umkehrschluss kein Botox, kein Microneedling und Fadenlifting für dich? 

Botox und sonstige medizinische Eingriffe kommen für mich nicht in Frage. Ich sehe viele Gesichter auf roten Teppichen, die glatter sind, aber nicht unbedingt jünger aussehen. Es sind manipulierte Gesichter, die an Faszination verloren haben. Das ist für mich ein wortwörtlicher Gesichtsverlust. Natürlich gibt es Eingriffe, die ich gut nachvollziehen kann, zum Beispiel wenn Frauen zu viel oder zu wenig Busen haben. Letzteres geht auf die Psyche und ersteres geht auf Kosten der Gesundheit, verursacht Rückenschmerzen. Da finde ich es auch völlig in Ordnung, wenn die Krankenkassen die Kosten für diese Operationen übernehmen. Übrigens leiden auch Männer darunter. Der Moderator Carlo von Tiedemann, Jahrgang 1943, hat in einem Podcast mit mir ganz offen dazu gestanden, dass er sich – wie er selber sagt – seine „Hängetitten“ hat operieren lassen und damit sehr glücklich war.  

Isabel Varell

Isabel Varell heißt mit bürgerlichem Namen Isabel Wehrmann. Ihr Coaching-Diplom hat sie auch auf diesen Namen ausstellen lassen als Verbindung zu ihrem Vater, mit dem sie nach dem Tod ihrer Mutter noch einige schöne Jahre hatte. Mit ihrem Mann Pit lebt sie das Modell Living-apart-together (LAT) mit zwei Wohnungen in Köln. Ihr Traum: Mit ihrer Musik große Hallen zu füllen. „Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte es mir nicht gewünscht, aber der Traum ist auch noch nicht ausgeträumt.“ 15 CDs hat die Songschreiberin produziert, die letzte „Auf eine Tasse Tee“ erschien 2020. Seit 2018 moderiert sie die ARD-Sendung „Live nach neun“. Dann klingeln ihre beiden Wecker um 4:48 Uhr und sie trinkt eine große Tasse Ingwertee. Ihr Terminkalender ist pickepackevoll. Im März startet ihre Tournee „Diese Nacht oder nie“, im Mai die Konzert-Lesereise zu ihrem Buch. Ihr drittes Buch hat sie schon im Kopf. Die Fotos zur Story wollte sie nicht retuschiert haben.

Susan Tuchel

zur Ausgabe 1 2022