Fotos: Bernd Obermann

Vier Iraner aus Düsseldorf über den Iran-Krieg

Wir treffen uns in einer Düsseldorfer Privatwohnung. Ich werde empfangen wie eine Freundin. Es wird Tee eingeschenkt, gelacht, erzählt. Unsere Gastgeberin hat Shole Zard gemacht, eine traditionelle persische Nachspeise, die im Iran zu besonderen Anlässen serviert wird. Goldgelb aus Safran, Rosenwasser, Mandeln, Zucker und Reis. Die Atmosphäre ist herzlich, offen, fast vertraut. Und doch ist da noch etwas anderes im Raum. Anspannung, Unsicherheit und Angst. Denn während wir hier zusammensitzen, eskaliert die Lage im Iran weiter. Seit Wochen kommt es zu Angriffen, Gegenschlägen und Repressionen gegen die eigene Bevölkerung. Verlässliche Zahlen sind schwer zu bekommen – auch, weil das Regime Informationen kontrolliert und Kommunikationswege immer wieder unterbrochen werden.

Für die Menschen, die hier am Tisch sitzen, ist das kein geopolitischer Konflikt. Es ist ihr Alltag. Ihre Familien leben dort. Ihre Freunde. Und oft bleibt ihnen nur ein Satz, der durchkommt: „Mir geht es gut.“ Eigentlich wollten sie sich zeigen. Mit ihrem Gesicht, mit ihrem vollen Namen. Doch nach den erneuten Schüssen in Brüssel am 16. März 2026, dem Tag unseres Interviews, die zunächst eine erhöhte Terrorwarnstufe auslösten, wuchs die Angst. Zu präsent ist die Vorstellung, dass Gewalt und Bedrohung längst nicht mehr weit entfernt sind. Dass die Netzwerke extremistischer Gruppen bis nach Europa und auch nach Deutschland reichen. 

Seit Ende Februar 2026 hat sich der Konflikt rund um den Iran massiv zugespitzt. Auslöser waren gezielte Luftangriffe Israels und der USA auf militärische Einrichtungen und strategische Ziele im Iran. Teheran reagierte mit Gegenangriffen auf israelisches Gebiet sowie auf US-Stützpunkte in der Region. Der Konflikt ist damit längst kein rein innenpolitischer mehr, sondern ein offener militärischer Schlagabtausch zwischen den Staaten – mit Auswirkungen auf den gesamten Nahen Osten. Neben Iran, Israel und den USA sind auch Akteure im Libanon, Irak und in den Golfstaaten indirekt beteiligt.

Parallel dazu eskaliert im Inneren des Iran seit Jahren die Lage. Bereits seit den großen Protestbewegungen – zuletzt verstärkt seit 2022 – geht das Regime mit harter Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vor. Menschenrechtsorganisationen berichten von tausenden Toten und Verletzten, von Massenverhaftungen, Exekutionen und systematischer Unterdrückung. Verlässliche Zahlen zur aktuellen Lage sind schwer zu bekommen. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass seit Beginn der jüngsten Eskalation viele tausend Menschen getötet oder verletzt wurden. Gleichzeitig ist die Infrastruktur in Teilen des Landes schwer beschädigt. Für die rund 84 Millionen Menschen im Iran bedeutet der Krieg einen Alltag zwischen Bomben, Angst und Ungewissheit.
Doch was all das bedeutet, lässt sich nicht allein in Zahlen fassen. Es zeigt sich in den Gesichtern, in den Stimmen – und in den Geschichten der Menschen, die hier mit mir am Tisch sitzen. Drei Iranerinnen und ein Iraner, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben.

Sara*: „Das ist psychische Folter“

Sara ist 43 Jahre alt, lebt seit 25 Jahren in Düsseldorf und arbeitet im Vertrieb eines Unternehmens. Nach Deutschland kam sie ursprünglich, um Medizintechnik zu studieren – und weil sie im Iran früh aneckte. „Ich war nie angepasst“, sagt sie. Sie habe an Protesten teilgenommen, ihre Meinung gesagt, sich nicht untergeordnet. Noch bevor sie ihr Studium im Iran beginnen konnte, sei ihren Eltern geraten worden, sie außer Landes zu bringen. Deutschland wurde ihr neues Zuhause. Sie hat sich hier ein Leben aufgebaut, hat eine Familie mit zwei Kindern. Und doch ist sie mit ihren Gedanken fast immer woanders: im Iran. „Ich habe seit 19 Tagen nichts von meinen Geschwistern gehört.“ Ihr Handy liegt neben ihr auf dem Tisch. Immer wieder schaut sie darauf. „Es gibt praktisch kein Internet mehr. Anrufen können wir sie nicht. Telefonate funktionieren nur in eine Richtung – und manchmal nur nach zwanzig Versuchen.“ Und selbst wenn ein Anruf durchkommt, bleibt alles an der Oberfläche. „Man sagt nur: Mir geht es gut. Mehr nicht. Du weißt nie, wer mithört. „Das ist psychische Folter.“

Vor wenigen Tagen erfuhr sie, dass ihre Heimatstadt Teheran bombardiert wurde. Die Ungewissheit sei das Schlimmste. Nicht zu wissen, ob die eigene Familie noch lebt. Nicht zu wissen, was dort wirklich passiert. Und selbst wenn Informationen ankommen, sind sie fragmentarisch – gefiltert, vorsichtig formuliert. Sara berichtet von Menschen aus ihrem Umfeld, die verhaftet wurden. Von Gewalt auf offener Straße, von Schüssen auf Demonstrierende, von Verletzten, die nicht behandelt wurden. Von Krankenhäusern, die Angst haben, angeschossene Demonstranten aufzunehmen, weil sie selbst ins Visier der Miliz geraten könnten. „Früher habe ich mich hier in Deutschland sicher gefühlt. Heute nicht mehr.“ Sie spricht von Drohungen, von einem Gefühl ständiger Beobachtung. „Die haben einen langen Arm. Bis nach Europa, bis nach Deutschland.“ Viele Menschen im Iran, sagt sie, wünschen sich Veränderung. Ein Ende der Unterdrückung, ein freies, demokratisches Land. „Ich wünsche mir, dass Religion und Politik getrennt werden. Dass jeder frei leben kann.“

Anahita*: „Die Freiheit war noch nie so nah“

Anahita ist 40 Jahre alt, lebt seit fast 20 Jahren in Deutschland und arbeitet als Informatikerin. Sie kam als junge Frau gemeinsam mit ihrer Familie nach Deutschland – auf der Suche nach einem besseren Leben und nach mehr Freiheit. „Im Iran hat man als Frau nicht die gleichen Möglichkeiten, sich ein eigenes Leben aufzubauen.“ Trotzdem ist ihre Verbindung zu ihrer Heimat ungebrochen. „Ich vermisse alles: die Sprache, die Straßen, das Essen, die Musik, meine Freunde.“ Wenn sie davon spricht, lächelt sie kurz.
Dann wird sie wieder ernst. Der Kontakt zu ihrer Familie ist schwierig geworden. Telefonate sind selten, teuer, unsicher. Manchmal kommen Nachrichten über Umwege an – über WhatsApp oder Starlink. Und was sie hört, ist widersprüchlich – und genau deshalb so schwer auszuhalten: „Sie haben Angst. Jeden Tag Explosionen, jeden Tag Unsicherheit.“ Und gleichzeitig: „Sie haben Hoffnung. Große Hoffnung. Die Freiheit war noch nie so nah.“

Viele Menschen im Iran sehen den aktuellen Krieg nicht nur als Bedrohung – sondern auch als möglichen Wendepunkt. „Sie haben jahrelang nach Hilfe gerufen“, sagt sie. „Und jetzt fühlen sie sich zum ersten Mal nicht mehr allein.“ Sie berichtet von gezielten Angriffen auf militärische Einrichtungen des Regimes, von Bildern, die ihr geschickt werden – und von einem wachsenden Vertrauen, dass sich tatsächlich etwas verändern könnte. Gleichzeitig bleibt die Angst allgegenwärtig. Nicht nur vor Bomben – sondern vor dem Regime. „Sie wissen nicht, ob unter ihrem Haus Waffen gelagert sind. Ob in der Nachbarschaft etwas versteckt ist. Das ganze Land ist wie ein Minenfeld.“ Ihre größte Angst ist, dass der Krieg zu früh endet. Bevor das islamistische Regime gestürzt ist.“

Ein zentrales Thema für sie ist die politische Zukunft des Landes. Immer wieder fällt ein Name: Prinz Prinz Reza Pahlavi. „Der Sohn des letzten Schahs ist die zentrale Oppositionsfigur für die Menschen innerhalb des Irans. Er ist der Einzige, der eine enorme Mobilisierungskraft im In- und Ausland besitzt. Das hat man eindrucksvoll am 8. und 9. Januar 2026 gesehen: Auf seinen Aufruf hin gingen Millionen von Menschen im gesamten Iran auf die Straßen. Auch die Unterstützung im Ausland ist beispiellos, so folgten allein am 14. Februar über 1,2 Millionen Menschen in nur vier Weltstädten seinem Ruf.“ Laut Anahita gilt er nicht nur im Exil als Hoffnungsträger, sondern genießt das größte Vertrauen der Menschen im Iran, die seinen Namen rufen und sein Bild zeigen. Anahita betont, dass es dabei nicht um eine Rückkehr der Monarchie gehe, sondern um einen demokratischen Übergang. Gleichzeitig übt sie Kritik an der Wahrnehmung im Westen. „Viele Menschen hier verstehen nicht, was im Iran wirklich passiert.“ Sie spricht von der selektiven Solidarität vieler Aktivisten und prominenter Menschen. „Ich kritisiere, dass Menschenrechte oft nach Ideologie verteidigt werden: Wer auf großen Bühnen wie den Oscars lautstark für bestimmte Krisen protestiert, aber zu den Massakern und Hinrichtungen im Iran beharrlich schweigt, handelt inkonsequent.“ Dabei geht es ihr vor allem darum, dass Menschenrechte nicht verhandelbar sein dürfen und nicht ignoriert werden dürfen, nur weil es politisch gerade nicht ins Bild passe.

Benham*: „Der Krieg ist wie eine Chemotherapie“

Benham ist 45 Jahre alt, Mathematiker und lebt seit 2005 in Düsseldorf. Er kam mit einem Stipendium nach Deutschland – aus Neugier. „Ich wollte ein anderes Land kennenlernen“, sagt er. Europa, seine Geschichte, seine Kultur – das habe ihn gereizt. Heute arbeitet er in der IT-Abteilung einer Bank. Seine Mutter und sein Bruder leben noch im Iran. Der Kontakt ist schwierig geworden. Trotzdem beschreibt Benham seine Sorgen weniger emotional, mehr analytisch. „Natürlich habe ich Sorgen“, sagt er. „Aber ich versuche, die Situation zu verstehen.“ Was ihn besonders beschäftigt, ist die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung im Westen und der Realität im Iran. „Hier spricht man über militärische Stärke, über Raketen, über Machtverhältnisse“, sagt er. „Aber man hört wenig darüber, wie die Menschen im Iran das sehen.“ Ein Freund aus Teheran habe die Situation so beschrieben: „Es ist wie eine Chemotherapie.“ Benham erklärt: „Eine Chemotherapie ist extrem belastend. Sie hat schwere Nebenwirkungen. Aber wenn man den Krebs besiegen will, muss man diesen Weg gehen.“
„Natürlich ist Krieg schlecht“, sagt er. „Aber das Regime wird als noch schlimmer empfunden.“ Für ihn ist der aktuelle Konflikt deshalb mehr als nur eine militärische Eskalation. „Viele sehen darin einen politischen Wendepunkt.“
Neben der politischen Perspektive spricht Benham ausführlich über das wirtschaftliche Potenzial eines freien Iran. „Iran ist eines der rohstoffreichsten Länder der Welt“, sagt er. „Gas, Öl, Metalle – aber das ist nur ein Teil.“ Viel spannender sei das, was noch kaum genutzt werde. „Die geografischen Bedingungen sind ideal für erneuerbare Energien“, erklärt er. „Große Flächen für Solarenergie, starke Windzonen – gerade im Süden und Osten des Landes.“ Er spricht von möglichen Großprojekten: Windparks, Solarparks, nachhaltiger Infrastruktur. Auch für Europa sieht er darin eine Chance. „Deutschland hat das Know-how. Iran hat die Ressourcen. Daraus könnten langfristige Partnerschaften entstehen.“

Armita*: „Sie nehmen sogar den Tod in Kauf“

Armita lebt seit fast 40 Jahren in Deutschland. Sie ist Anfang 60 und Leiterin einer Kita. Ihre Geschichte beginnt mit einem vergangenen Krieg. Der Mann ihrer Schwester, ein Pilot, kam im Iran-Irak-Krieg ums Leben. Ein Verlust, der bis heute nachwirkt. Ein großer Teil ihrer Familie lebt noch immer im Iran. Der Kontakt ist brüchig geworden. Und doch weiß Armita, wie die Lage ist.

„Die Inflation und mit ihr das Preisniveau ist bis ins Absurde gestiegen. Viele können sich kaum noch das Nötigste leisten.“ Sie berichtet, dass teilweise mehrere Familien in kleinen Wohnungen zusammenlebten, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Viele hätten mehrere Jobs, doch auch das würde vorne und hinten nicht ausreichen. Dabei wächst die Wut. „Die Menschen sehen, dass Geld da ist. Der Iran ist ein reiches Land“, sagt sie. „Aber es kommt nicht bei ihnen an.“ Stattdessen, so beschreibt sie es, fließe viel Geld in politische und militärische Strukturen außerhalb des Landes. „Das Geld geht an Organisationen wie die Hisbollah“, sagt sie. Während im eigenen Land viele ums Überleben kämpfen. Viele hätten aufgehört, auf Veränderung von innen zu hoffen. „Mit leeren Händen können sie nichts gegen das Regime machen.“ Dann sagt sie etwas, das schwer auszuhalten ist. „Die Menschen freuen sich sogar über Bombardierungen. Nicht, weil sie Gewalt gutheißen. Sondern weil sie darin die einzige Chance sehen, dass sich überhaupt etwas verändert. Sie hoffen, dass dadurch Druck entsteht und nehmen sogar den Tod in Kauf. Weil es so, wie es ist, nicht weitergehen kann.“

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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