24 März 2022

Wieviel risk wieviel fun?

Wieviel risk wieviel fun?

Ist das Zinsniveau niedrig, werden Aktien in der Vermögensanlage attraktiv. In puncto Finanzen haben die Deutschen im Corona-Jahr 2020 dazugelernt. Knapp 12,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger legten ihr Geld in Aktien, Aktienfonds oder börsengehandelten Fonds, so genannten ETFs, an. Das waren 2,7 Millionen mehr Menschen als in 2019, so dass aktuell jeder Sechste in Aktien investiert. Darunter fallen auch 600.000 Erwachsene unter 30 Jahren, was eine Steigerung in dieser Altersklasse um fast 70 Prozent bedeutet.

Die Erwartungen in Aktien steigen weiter, aber mit jedem Investment steigt auch das Risiko. Man sucht nach Rettungsankern in stürmischer See und meint sie mit so genannten „Volatilitätsziel“-Strategien  gefunden zu haben. Mithilfe dieser Strategien versucht man die Spannung zwischen höherer Ertragserwartung, die gepaart ist mit einem höheren Risiko, ein Stück weit zu reduzieren. Doch zunächst zu den Strategien des Wertpapiermarktes: Spätestens seit der Causa Wirecard hat es sich herumgesprochen, dass Privatanleger nicht versuchen sollten, durch „Stock Picking“ Vermögen aufzubauen – auch wenn jeder Erfolgsgeschichten kennt, die einen auf der Stelle grün vor Neid werden lassen. Die Verlustgeschichten, die es genauso gibt, werden in der Regel totgeschwiegen, auch weil sie sich weniger gut als Gesprächsstoff in geselliger Runde eignen. 

Eine andere Strategie, der ebenso schon die Zähne gezogen worden sind, ist das „Technische Trading“. Hier legten noch vor Jahren Kleinanleger „Geo-Dreiecke“ oder Lineale an Kursverläufe, um Bodenbildungen, Trendkanäle usw. zu „erkennen“ und sich dann entsprechend zu positionieren. Die empirische Finanzmarktforschung hat auch diesen Aberglauben entlarvt. Es zählt zu den „stilisierten Fakten“ der Finanzmärkte, dass zeitlich aufeinanderfolgende Renditen nichts miteinander zu tun haben. Es ist der heutigen Rendite also egal, was gestern war. Dieses erste Faktum ist Ausdruck der effizienten Informationsverarbeitung an den Märkten. 

Schnee von gestern – inklusive vergangener Kursverläufe – interessiert nicht. Die heutige Rendite wird getrieben durch aktuelle Nachrichten und Gedanken über die Zukunft. Eine zeitliche Abhängigkeit von Renditen gibt es nur in Zeitfenstern, die für den Privatanleger unzugänglich sind, weil sie im Sekundenbereich und darunter liegen. Zudem wird diese Art Handel im Regelfall von Maschinen ausgeführt. 

Zu den stilisierten Fakten zählt aber auch, dass sich Stimmungen an Finanzmärkten halten. Ein anderes Wort dafür ist „Volatilitäts-Clustering“. Wir haben demnach Tage mit hoher Volatilität, also heftigen Kursausschlägen, die sich „klumpen“. Die Volatilität ist eine statistische Kennzahl, um das Risiko zu messen. Auf diesem zweiten Faktum beruht die Hoffnung, „Volatilitätsziel“-Strategien für Aktienportfolios entwickeln zu können, die zu einer höheren Renditeerwartung bei gleichem Risiko führen. Zudem kommen diese Strategien ohne zukunftsgerichtete Erwartungen an die Rendite einzelner Aktien aus. Wegen des zweiten Faktums kann die Schätzung von zukünftigen Volatilitäten akkurater vollzogen werden. Leitgedanke der „Volatilitätsziel“-Strategien ist es, dass das Aktiengewicht in absehbar ruhigeren Marktphasen „hochgefahren“ und in unruhigeren Marktphasen – quasi rechtzeitig – reduziert wird. Solche Längsschnittansätze sind also darauf ausgerichtet, das Portfoliorisiko im Zeitverlauf zu steuern. Der Querschnitt der risikobehafteten Anlageklasse bleibt dagegen unverändert. Man könnte sich hier also einen breit gestreuten ETF vorstellen. Typischerweise bildet eine Geldmarktposition den risikolosen Gegenspieler. Das heißt, wenn die Märkte absehbar unruhiger werden, wird die ETF-Position verkleinert und die Geldmarktposition (z. B. Tagesgeldkonto) hochgefahren. 

Wie man am besten mit ETFs operiert, zeigt diese FOM-Studie 

Kaufen und halten oder auf Volatilität setzen?

Mit welcher Strategie steht man sich denn nun besser? Um das herauszufinden, bieten sich „Rückspiegel-Berechnungen“ an, auch „Backtesting“ genannt.  In der Studie wurde untersucht, ob die Umsetzung von Längsschnitt-„Volatilitätsziel“-Strategien in der Vergangenheit erfolgreicher gewesen wäre als herkömmliche „Kaufen-und-Halten“-Strategien. Dabei sind auch Transaktions- und Fremdkapitalkosten mit in die Berechnungen eingeflossen, um ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen. Betrachtet wurden über 80 Strategien für drei Aktienindices, den MSCI All Country World Index und seine Bestandteile World- und Emerging Markets-Index. Die Strategien unterschieden sich hinsichtlich der fünf eingesetzten Vorhersagemodelle für die Volatilitäten dahingehend, ob der Aktienanteil täglich oder monatlich neu gewichtet wurde, ob Kreditaufnahme eingesetzt wurde (Hebeleffekt) und ob das Volatilitätsziel statisch oder dynamisch war.

Es zeigte sich, dass viele „Volatilitätsziel“-Strategien gegenüber „Kaufen-und-Halten“-Strategien eine höhere Risikoprämie erwirtschaften. Ein statistisch signifikant höheres Verhältnis von Ertrag und Risiko als bei einer „Buy and Hold“-Strategie wurde jedoch nur in wenigen Fällen erreicht. Diesen Fällen gemeinsam war die Verwendung von sogenannten EGARCH Modellen, die das Volatilitäts-Clustering besonders gut abbilden können. Zudem wurde bei diesen signifikant erfolgreicheren Strategien täglich statt nur monatlich neu gewichtet.

 © Alexander Vejnovic

Prof. Dr. Frank Lehrbass 

Prof. Dr. Frank Lehrbass ist seit 2015 Professor an der FOM Hochschule. Sein Lehr- und Forschungsgebiet sind Finance & Data Science. Er ist Inhaber der L*PARC Unternehmensberatung. Er berät Unternehmen aus Industrie, Handel und dem Finanzsektor bei der Analyse von Markt- und Unternehmensdaten sowie beim Management und der Modellierung von Marktpreis-, Kredit-, Liquiditäts-, operationellen und strategischen Risiken. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung außerhalb der Hochschule und beim Einsatz von quantitativen Methoden im Investment Banking und Commodity Trading. Er studierte an den Universitäten Bonn, Mannheim, Dortmund und Johns Hopkins (Baltimore, MD, U.S.A.).

Alle herangezogenen Volatilitätsstrategien werfen bei einer Halteperiode von 15 Jahren in allen von uns untersuchten Fällen eine höhere Risikoprämie ab. Bei einer Halteperiode von fünf Jahren ist dies nur in etwa in der Hälfte aller Fälle zu beobachten. Die Empfehlung, in Aktien nur mit langem Atem zu investieren, trifft also auch hier zu. Die besten Volatilitätsvorhersagemodelle sind jedoch für den Privatanleger nur nach einem umfangreichen Studium selbst erstell- und einsetzbar. Alternativ kann man auch Profis als Dienstleister mandatieren. Bei großen Kapitalanlegern und auch in professionell aufgestellten Industrieunternehmen wie RWE gibt es Personal, das solche Modelle einsetzt. 

Kein Patentrezept

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass „Volatilitätsziel“-Strategien kein „Patentrezept“ sind, um auf dem Aktienmarkt abzuheben. Sie können aber bei gewissen Rahmenbedingungen dennoch erfolgreicher sein als die bekannte „Kaufen-und-Halten“-Strategie. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass jede Strategie, die man anwendet, in den meisten Fällen risikoreduzierend wirkt. So fallen in der Praxis etablierte Risikokennzahlen im Schnitt niedriger aus und sind zudem auch noch stabiler. 

Man schläft also ruhiger mit seinem Aktienportfolio als ohne diese Strategien. 

Frank Lehrbass

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zur Ausgabe 1 2022