So sollte eine Zungenübung zur optimalen Zungenruhelage aussehen.

Foto: Adobestock.com/ Tatiana Foxy

Dentosophie

Wenn ich in meiner Zahnarztpraxis den Begriff Dentosophie erwähne, stutzen viele Patienten. Unter Dentosophie versteht man die Weisheit oder Lehre der ganzheitlichen Zahn- und Kiefergesundheit. Der Begriff stammt aus den 1980-er Jahren von den französischen Zahnärzten Michel Montaud und Rodrigue Mathieu.

Aktuell erlebt die Dentosophie eine Art Renaissance und ergänzt die klassische Zahnmedizin. Das liegt daran, dass man weltweit mit der Regulation von Nasenatmung, Schlucken (physiologische Zungenruhelage und Position der Zunge beim Schlucken) und Kauen gute Ergebnisse in der Früherkennung von kindlichen Symptomen erzielt.

Warum es sich lohnt, sich auch als Erwachsener mit der Dentosophie zu beschäftigen? Weil auch Erwachsene das Zusammenspiel von Nasenatmung, Schlucken und Kauen mit myofunktionellen Übungen verbessern können – also mit einem therapeutischen Muskeltraining für Mund, Lippen, Zunge und Wangen.

Wenn Zunge, Nase und Schlucken zusammenarbeiten

Der Mund ist nicht nur zum Essen da. Er ist Teil eines fein abgestimmten Systems aus Atmen, Schlucken, Kauen, Sprechen, Schlafen und Körperhaltung. Im Idealzustand atmen wir in Ruhe durch die Nase, die Lippen sind geschlossen, die Zunge liegt sanft am Gaumen. Das klingt unspektakulär, hat aber großen Einfluss auf die Entwicklung von Kiefer, Mittelgesicht und Atemweg. Eine dauerhafte Mundatmung trocknet den Mund aus, verändert die Muskelbalance. Bei Kindern hat das Auswirkungen auf die Zahn- und Gesichtsstruktur.

Dr. Beate Jürgens

Ein unterschätztes Bändchen

Haben Sie sich schon einmal Ihr Zungenband im Spiegel angeschaut? Entscheidend ist nicht, ob es kurz aussieht, sondern ob es die Beweglichkeit der Zunge einschränkt. Was wir als Erwachsene nicht mehr merken, kann bei Säuglingen zu ernsthaften Stillproblemen führen. Das flache Andocken an die Brust kann für die Mutter schmerzhaft sein, die Milchübertragung wird schlechter, der Stillvorgang unruhig.  Nicht jedes Zungenband ist behandlungsbedürftig, zudem gibt es – Stand heute – keine einheitlich akzeptierten Diagnosekriterien. Die aktuelle Kinderheilkunde empfiehlt jedoch, Hebammen und Stillberatung einzubeziehen, um abzuklären, ob funktionelle Probleme bestehen.  

Ein Fundament fürs Leben 

Zwischen 0 und 10 Jahren wachsen Mittelgesicht, Oberkiefer und Atemweg besonders stark. Wenn ein Kind nasal atmet, kräftig kaut, physiologisch schluckt und die Zunge in Ruhe am Gaumen liegt, sind die Chancen für eine günstige Kieferentwicklung, eine bessere Zahnbogenbreite, ruhigeren Schlaf und stabile Mundfunktionen am größten. Sind die Lippen jedoch oft geöffnet, atmet das Kind durch den Mund, schnarcht und schläft unruhig oder zeigt Ess- und Schluckauffälligkeiten, lispelt, hat Engstände oder einen schmalen Oberkiefer, sollte man nach den Ursachen forschen. 

Zwischen 10 und 25 Jahren ist noch viel formbar, aber das Zeitfenster wird kleiner. Sind die Atmung, die Zungenruhelage und Schlucken physiologisch aufeinander abgestimmt, schläft man in der Regel gut, der Körper regeneriert sich und kieferorthopädische Behandlungen kommen oft ohne Retainer-Drähte aus. Klagen Patienten jedoch über Mundtrockenheit, Zahnfleischreizungen, Engstände, Kiefergelenküberlastung, Kopfschmerzen, Schnarchen und Tagesmüdigkeit, können myofunktionelle Defizite vorliegen.  Studien zeigen zudem den Zusammenhang zwischen Mundatmung und verminderter Lippenkraft, Zungendruck und Kaueffizienz. Gerade in diesem Alter lohnt sich eine interdisziplinäre Sicht und Zusammenarbeit.

Damit Sie auch morgen gut schlafen

Bei Erwachsenen steht die Frage im Vordergrund, wie gut der Körper ein nicht optimales Zusammenspiel im Mund- und Kieferbereich kompensiert. Eine gute Nasenatmung, ein funktionelles Schluckmuster und eine stabile Zungenlage können Mundtrockenheit, Schnarchen und funktionelle Überlastungen vermindern. Bei Verdacht auf eine obstruktive Schlafapnoe ist eine medizinische Abklärung notwendig, weil eine unbehandelte Schlafapnoe mit erhöhten Risiken für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Schlaganfall verbunden ist. Das Zeitfenster für Therapien wie eine Überdruck-Beatmung oder Unterkiefer-Protrusions-Schienen kann jedoch in vielen Fällen durch ein myofunktionelles Training oder eine Frenektomie, also einen minimalinvasiven Eingriff am Zungenbändchen (frenulum), vergrößert werden je nach Trainingsfleiß der Patientin oder des Patienten sogar dauerhaft. Also auch in der Dentosophie kann jeder zum Profi werden und etwas für seine Gesundheit tun.

Spezialistin für Zahnmedizin

Dr. Beate Jürgens ist Zahnärztin und zertifizierte Spezialistin für Ästhetik und Funktion (DGÄZ). 2012 gründete sie die Praxis Dr. Jürgens & Partner in Düsseldorf Oberkassel am Barbarossaplatz. Zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Susanne Hörmann und einem 18-köpfigen Praxisteam setzt sie sich für die Mundgesundheit ihrer Patientinnen und Patienten ein.

Vorsorge ist besser als bohren: Seit 2018 ist die Praxis eine von fünf Zahnarztpraxen in Düsseldorf, die als „Solo-Prophylaxe-Praxis“ zertifiziert ist. Mit genormten Zahnzwischenraumbürstchen (Solo-Stix) und einer speziell geformten Einbüschelzahnbürste (Swing) werden die Patienten innerhalb kürzester Zeit zum Profi in ihrer eigenen Mundhöhle und haben so die Chance, die Zähne und den Zahnhalteapparat ein Leben lang gesund zu halten. In der Familienzahnarztpraxis stehen der ganze Mensch und seine Gesundheit im Fokus.

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