17 November 2020

10 Fragen an die Düsseldorfer Künstlerin Meral Alma

10 Fragen an die Düsseldorfer Künstlerin Meral Alma
  1. Welchen Stellenwert nimmt Kunst in Ihrem Leben ein?

Zu Beginn war es nur meine Leidenschaft. Farben in ihrer ganzen Bandbreite haben mich schon in früher Kindheit begeistert: Das traf jedoch nicht immer auf uneingeschränkte Gegenliebe. Zum Beispiel als ich im Grundschulalter beschloss die Küche leuchtend blau anzustreichen, unter Verzicht auf jede Art von Abdeckung für Möbel, Fliesenboden usw. – und das obwohl ich den Farbeimer sogar von meinem gesparten Taschengeld gekauft hatte. Eine gelungene Skizze auf der Tafel beim Einschulungsgespräch sorgte dennoch dafür, dass ich früher eingeschult wurde und bereits in der fünften/sechsten Klasse habe ich mit Erfolg an Wettbewerben auf Landes- und Bundesebene in Deutschland teilgenommen. Obwohl ich nach dem Schulabschluss zunächst einen anderen Weg beschritten habe, bin ich der Malerei immer wieder mit Leidenschaft nachgegangen.  Erst kurz vor Abschluss meines Magisterstudiums in Germanistik/Soziologie habe ich den Mut und die Entscheidung gefasst die Kunst zum Beruf zu machen. Ich war damals parallel zu meinem Germanistikstudium für einen mehrwöchigen Aufenthalt an einer Universität in Cambridge, USA. Dort habe ich den Entschluss gefasst, zurück in Deutschland an die Kunstakademie Düsseldorf zu gehen. 

Im Allgemeinen wünschen sich Eltern natürlich, dass ihre Kinder einen Beruf wählen, der auch Sicherheit bietet. Die Kunst kann diese Sicherheit leider nicht bieten, dafür aber vieles andere. Der Weg ist leider dennoch beschwerlich: Es ist bereits eine Herausforderung die Aufnahme an einer der renommiertesten Kunstakademien in Europa zu schaffen. Aber selbst, nachdem man aufgenommen wurde, Schüler eines bekannten Professors ist, und als Meisterschüler die Akademie verlässt, bietet es dennoch keine Sicherheit für Optionen in der Zukunft.

Ich habe mich trotz allem für die Kunst entschieden und für mich hat alles dann schnell seinen Weg gefunden. Jahr für Jahr aufregender, turbulenter, spannender und immer schneller bis zum heutigen Tag. 

Die Malerei ist für mich das perfekte Ausdrucksmittel. Und da ich weder klassische Auftragsarbeiten mache, noch einem Programm eines Galeristen unterliege, bin ich auch frei in dem, was ich erschaffen und zeigen möchte. 

Mein Arbeitsalltag unterscheidet sich stark von dem eines normalen Berufes. Im Atelier gibt es keine Uhr und auch keinen Vorgesetzen. Bilder verhalten sich wie Diven, launenhaft und werden – gefühlt – niemals fertig. Manchmal schikanieren sie einen bis zu dem Gedanken „jetzt ist die Arbeit nahezu fertig“. Erschöpft aber dafür vom Glück beseelt verlasse ich dann in den Morgenstunden das Atelier, nur um am kommenden Tag festzustellen, dass das Bild leider alles andere als fertig ist. Im Ergebnis arbeite ich oft wochenlang am Stück bis spät in die Nacht an einzelnen Werken, bis in den unterschiedlichen Farbschichten genau das zu Tage tritt, was ich zum Ausdruck bringen will. Ich glaube ohne diese Intensität wäre es auch schwer möglich sich weiter zu entwickeln.


2. Welche künstlerischen Vorbilder haben Sie am meisten beeinflusst?

Es gibt viele Künstler, die mich bewegen oder beeinflussen. Manchmal berührt einen auch nur eine einzige Arbeit eines Künstlers. So ist es mir beispielsweise mit einem Werk von Max Beckmann ergangen. Ich war tief berührt und hatte viele Fragen. Hätte Beckmann noch gelebt und mir eine Stunde seiner Zeit gegeben, dann wäre ich wohl dorthin gereist, selbst wenn er am anderen Ende der Welt gewohnt hätte. So bleiben die Fragen und man versucht mehr Daten über den Künstler und die Lebensumstände zu erfahren; seinen Strich, den Farbauftrag, die Bildaufteilung, die Farben und seine Lebensereignisse in Bezug zu stellen, um Antworten zu finden. Ich war über einen Zeitraum von einem Jahr so oft in diesem Museum zu Besuch, dass ich irgendwann sogar einen Hocker von den Mitarbeitern bekommen habe. 


3. Welche anderen Berufe wären auch für Sie in Frage gekommen?

Als Kind viele.

Zirkus des Lebens – 4. Akt (1.Bild), Acryl, Öl, u. a. auf PVC Leinwand.


4. Was brauchen Sie um schöpferisch tätig zu sein?

Einen unverfälschten Blick auf einen Moment des Lebens. So wie es ist und das versuche ich dann abzubilden. Ich habe schon Ideen im Flugzeug in eine Zeitschrift gekritzelt, weil ich kein anderes Papier zur Hand hatte.

Im Atelier dann scheine ich zeitweise nahezu in einem Farbrausch zu versinken, der mich über Tage, Wochen oder sogar Monate in Aktion hält, bis ich völlig ausgelaugt vor einem weiteren großformatigen Werk stehe. Es sind Bilder, die nicht unbedingt zuvor durchkomponiert sind, sondern im Prozess des Malens selbst entstehen, als würde erst unter den unzähligen aufgetragenen Farbschichten das eigentliche Motiv zu Tage treten. Teilweise erinnert meine Arbeitsweise mit z. B. am Boden liegenden Leinwänden, der Arbeit mit Händen und untypischen Malwerkzeugen dabei auch etwas an Action Painting. In meiner Arbeit steckt, wie auch beim Action Painting, viel vom Künstler, also mir selbst, nicht nur geistig, sondern auch physisch, indem ich mich mit dem ganzen Körper auf die Leinwand stürze oder Farben werfe in dem Versuch, meine eigenen körperlichen Bewegungen im Bild sichtbar zu machen. Die Bilder selbst werden so zu Niederschriften des schöpferischen Erlebens, bei denen der Ausdruck und Lebendigkeit wichtiger werden als die perfekte mimetische Ausführung. Dies gibt zugleich einen Anhaltspunkt für die Wahl des besonders gestisch-expressiven Stils, den ich mir in der Studienzeit angeeignet habe, bei der es zwar auch darum geht, den Betrachtenden bestimmte Charaktere näherzubringen, aber vor allem darum, Situation, Beobachtungen, Empfindungen, Ideen und Botschaften von mir auf die Leinwand zu bannen, an die Betrachtenden unmittelbar weiterzuleiten, diese für ihn erfahrbar zu machen und einen Erkenntnisprozess in Gang zu setzen.

Übrigens: Sollte man jemals mit Scannern die tieferen Schichten meiner Bilder untersuchen können, wären Sie überrascht wie viele Figuren und Geschichten darunter noch verborgen sind.

Zirkus des Lebens – 4. Akt (2. Bild), Acryl, Öl, u. a. auf PVC Leinwand.


5. Worauf legen Sie momentan Ihren künstlerischen Schwerpunkt?

Thematisch beschäftigt mich das individuelle und gesellschaftliche Leben; der Wunsch dem Betrachter eine weitere Perspektive zu ermöglichen.  Ich bin in Deutschland geboren und mit mehreren Kulturen (türkisch, arabisch, deutsch) aufgewachsen. Die unterschiedlichen kulturellen Prägungen, Erfahrungen und Einflüsse sehe ich persönlich heute als Reichtum an. Man kann es geistig mit einem großen Haus mit vielen Fenstern vergleichen. Es gibt mir die Möglichkeit, Situationen und Menschen aus verschiedenen Perspektiven anzuschauen. Die unglaubliche Bandbreite der Einstellungen und Erfahrungen hat mich zu der Erkenntnis geführt, dass es im Leben niemals darum gehen kann, durch Anpassung oder Unterordnung Anerkennung bzw. Akzeptanz zu erreichen, sondern man eine eigene Sicht und einen persönlichen Weg finden muss, um Freiheit und  Zufriedenheit zu finden, auch wenn das über Jahre bis Jahrzehnte deutlich beschwerlicher ist. Die Welt ist darüber hinaus sehr komplex; wir leben in sozialen Blasen bombardiert von Information und Desinformation, während Grenzen sich verschieben, Wertesysteme zusammenbrechen und sich von heute auf morgen eine Gefahr manifestiert, die erst einmal alles zum Stillstand bringt. 

Ich habe aber gemerkt, dass selbst Menschen, die der eigenen Person oder den Werten, für die man steht, kritisch gegenüber stehen, einen oft doch respektieren, dafür dass man sich nicht verstellt oder verbiegt oder anpasst. Und dass man mit Willen, Leidenschaft und Durchhaltevermögen fast alles erreichen kann. Technisch habe ich zuletzt viel mit Malerei und Licht gemacht. Über Lichtwellen habe ich die Möglichkeit Bildelemente verschwinden zu lassen, Farben zu verändern und Betrachter und Bild im Raum zu verbinden. Wie im wirklichen Leben ist das meiste gerade nicht auf den ersten Blick erkennbar.


6. Woran arbeiten Sie gerade?

Die Installation von Zirkus des Lebens IV in Karlsruhe ist erst ein paar Tage her und ich komme einfach nicht aus dem Atelier. Deshalb möchte ich jetzt wenigstens versuchen ein paar Wochen Pause zu machen, bevor ich erneut loslege. Es stehen bereits wieder mehrere Großprojekte an; ich bin selber schon gespannt, was dann 2021 passieren wird.

Zirkus des Lebens

„Meine aufwendigste Arbeit ist der vierte Teil des Werkzyklus Zirkus
des Lebens; insgesamt 16 m x 3,10 m mit mehreren Variationen: Von
Jahr zu Jahr wurden die Arbeiten zum „Zirkus des Lebens“ immer
größer. Beim vierten Teil hatte ich dann das Verlangen nach einem
intensiverem Bilderleben, was mich auch auf den Gedanken brachte
ein Art Zugang für mich und den Betrachter in diese Welt zu schaffen, wie eine Tür zu einer anderen Ebene, die man im wirklichen Leben fühlt – und damit das  Unsichtbare sichtbar zu machen.

So fing ich an, wie ein Forscher im Labor, herum zu experimentieren. Dadurch war es mir möglich, dass ich mehrere weitere Bildebenen entwerfen konnte, die auf verschiedene Lichtfrequenzen reagieren.“


7. Welches Kunstmuseum würden Sie gerne leiten?

Ich komme lieber als Besucher.


8. Düsseldorf hat eine lebendige Kunstszene, womit sind Sie zufrieden und wo wünschen Sie sich Veränderungen?

Im Moment wünsche ich mir wieder die verlorene Nähe zwischen Kunstschaffenden, Kunstwerk/ künstlerischer Darbietung und Betrachter/Besucher zurück. Corona hat Leben vernichtet und ebenso den kulturellen Betrieb weltweit fast vollständig zum Erliegen gebracht. Etliche Galerien, Kinos, Theater uvm. mussten bereits aufgeben. Aber wir sind Menschen; Nähe, Kunst und Kultur sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Selbstverständnisses. 


9. Welche Rolle wird die Kunst Ihrer Meinung nach im digitalen Zeitalter einnehmen?

Ich habe dazu einen interessanten Beitrag gelesen über künstliche Intelligenz und Algorithmen, die Kunstwerke schaffen. Nehmen wir die Malerei; ich denke, wenn ein Künstler ein Bild malt, dann überträgt er auf das Bild auch vieles, was man nicht direkt handwerklich nachmachen kann. Die Art, Kraft oder auch das Zögern, mit dem er  bestimmte Linien und Striche zieht. Da ist ein Mensch, der eine besondere Emotionalität hat, sonst wäre er kein Künstler geworden, der seine Wahrnehmung einer Situation auf eine Leinwand überträgt und diese dadurch für andere sichtbar und erfahrbar macht. Das ist keine Frage von Nachmalen oder künstlicher Intelligenz. Meiner Meinung nach ist da ein Maler, der einen bestimmten Zugang zu Situationen hat, was er malt, und die Betrachter können das dann ebenfalls erfahren. Und deswegen, denke ich, wird die Rolle in einer digitalen Welt sogar noch bedeutender sein.


10. Wie hat die Coronakrise Sie und Ihr künstlerisches Schaffen beeinflusst?

Es gibt viele schlimme Aspekte, die mit Corona und der Coronakrise hier und überall auf der Welt verbunden sind. Ich kann in mein Atelier gehen und meiner Arbeit nachgehen. Alles andere wird sich zeigen.

Kurzvita Meral Alma

Studium Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf von 2010-2018. Abschluss als Meisterschülerin von Prof. Siegfried Anzinger. Seit 2012 Promotionsstudentin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Bereich Germanistik/Philosophie. 2014/2015 sowie 2015/2016 Preisträgerin des Förderpreises der Kunstakademie Düsseldorf. 2015 ausgewählt, ein Herz für UNICEF bei deren Projekt „23 internationale Künstler gestalten ein Herz für UNICEF“ zu kreieren. In den letzten vier Jahren Teilnahme an mehr als 30 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland u. a. im Museum K21, im Haus der Universität, in städtischen Galerien und in der Deutschen Bank.

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