19 Juli 2021

Was macht Innenstädte nach Corona lebenswert und was ist eigentlich schön?

Was macht Innenstädte nach Corona lebenswert  und was ist eigentlich schön?

Die Düsseldorfer Künstlerin und Autorin Elisabeth Brockmann studierte Malerei bei Gerhard Richter und realisierte viele Kunst-am-Bau-Projekte wie in der Olympia-Schwimmhalle München oder am Dresdner Albertinum. Das ästhetische Erscheinungsbild einer Stadt und vor allem das  Düsseldorfs liegt ihr am Herzen. Im Gespräch mit Markus Lehrmann,  dem Hauptgeschäftsführer der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, geht sie der Frage nach, was unseren Innenstädten fehlt und welche  Entwicklung sie sich wünschen. Was das für einen möglichen Neuanfang in Postcorona-Zeiten bedeutet, darüber gibt es in diesem Dialog durchaus unterschiedliche Ansichten.

Elisabeth Brockmann (E.B.): Die Architektenkammer kündigt eine „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ an: Das finde ich großartig, den Begriff der Schönheit ins Spiel zu bringen.

Markus Lehrmann (M.L.): Ja, wir haben einen Riesenvorteil, seit einigen Jahren über Schönheit sprechen zu dürfen. Zu lange galt der Begriff der Schönheit als schmückendes Beiwerk. Seit einiger Zeit steht Schönheit für Werte. Und diese brauchen wir dringender denn je.

Entwurf für das Dreischeibenhaus

E.B.: Wenn wir die Innenstadt nach Corona neu bauen könnten, und sie sollte „schön und lebensfähig“ sein, wie sähe sie aus?

M.L.: Ich würde sie auf keinen Fall neu bauen, denn die Stadt ist alleine deswegen schön, weil sie Geschichte erzählt. Und sie erzählt gerade hier in der Umgebung Ihres Ateliers eine wunderbare Geschichte von Idee und Stil. Die Idee folgt einer klaren Trennung zwischen öffentlichen und privaten Räumen. Vorne die Straße hinten die ruhigen Gärten. In Gründerzeit-Quartieren, wo es noch einen Vorgarten gibt, kommt noch ein halböffentlicher Bereich hinzu. Dieses Muster ist ein klassisches Merkmal  der mitteleuropäischen Stadt, die sogenannte Blockrandbebauung. Eine sehr dichte Wohnform, viele Menschen an einem Ort, und trotzdem ist es wunderbar geordnet, gleichwohl durchmischt und dennoch sortiert und stilvoll. Auch das sind  Indizien für Schönheit. Schönheit ist also stets mehr als nur Ästhetik. 

E.B.: Nun geht es in der anfangs zitierten Konferenz nicht nur um Schönheit, sondern auch um „Lebensfähigkeit“. Richard von Weizsäcker hat gesagt: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns nach Belieben leisten oder streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist Schönheit für Sie die aus unserer Geschichte gewachsene Form, die uns beim Überleben hilft.

M.L.: Jedes Gebäude ist der Versuch, Lebenswirklichkeit zu bauen. Und weil wir Kultur als Grundlage von allem definieren, was menschliches Miteinander und Gesellschaft ausmacht,  verknüpfen wir Stadtplaner und Architekten  Kultur und Bauen zum Begriff der Baukultur. Die mitteleuropäische Stadt ist ein Zeichen hochwertiger und zukunftsfähiger Baukultur. Ganz anders als beispielsweise die amerikanische Stadt. Sie ist weit weniger aufgeladen. Weil sie deutlich jünger ist, fehlen insbesondere dauerhafte Merkzeichen. Das können einzelne Gebäude oder die Melange eines lebendigen Städtebaus sein. Unsere Städte sind also selbstbewusster Ausdruck eines bürgerschaftlichen Miteinanders. Und: Sie sind eben kein Zufallsprodukt.

E.B.: Wenn ich hier in meinem Atelier zur Tür rausgehe, ist links Afrika, also die Kölner Straße, und rechts Japan, also Immermannstraße, aber in der Mitte ist eine völlig gesichtslose Einkaufsmeile, die Schadowstraße, die nichts Unverwechselbares hat. Eine Aneinanderreihung von Filialen – todlangweilig. Von Lebensfähigkeit durch Schönheit keine Spur. Kann das nach Corona nicht anders werden?

M.L.: Da geht es Ihnen vermutlich wie vielen anderen Stadtbewohnern auch. Man ist auf Augenhöhe unterwegs. Man gönnt sich den Blick nach oben oft gar nicht. Selbst langweilige Erdgeschosse bieten bereits eine hohe Informationsdichte. Vielen reicht das bereits aus.

 © Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

E.B.: Ich glaube eher, es ist eine Überforderung.

M.L.: Die Identität bzw. die Identifikation mit der eigenen Stadt macht sich nicht an den Einkaufsstraßen fest, sondern an einzelnen Hochpunkten. Früher waren es die Kirchen, mit denen man sich identifiziert hat. Es können aber auch andere Gebäude sein, die mit Bedeutung aufgeladen sind: Stadtteilzentren, Kultureinrichtungen, das Standesamt oder Freizeiteinrichtungen, zu denen man sich hingezogen fühlt oder mit denen man Erinnerungen verbindet. Und da stellt sich die Frage: Wer ist für die Identität der Stadt  verantwortlich? Derzeit sind  es eigentlich immer häufiger die  Privateigentümer, zunehmend seltener der öffentliche Bauherr. Das war früher ganz anders, aber die öffentliche Hand zieht sich aus dieser Rolle  immer mehr zurück. So etwas wie ein Standesamt wird es zukünftig nicht mehr geben, weil die physische Präsenz überflüssig wird. Die Zeit der Kulturneubauten ist vorbei. Auch die Kirche verliert zumindest bezüglich der Funktion an Bedeutung. Und dann fehlen Identifikationspunkte. Auch der Einzelhandel erlebt in allen Segmenten einen massiven Strukturwandel, der wesentlichen Einfluss auf die Lebendigkeit der Stadt haben wird.  

E.B.: Es gibt ja inzwischen die Variante, dass in Schaufenstern nur noch Displays gezeigt werden, wo man den Blumenkohl anklickt und sich dann liefern lässt. Da wird mir flau. Andererseits verstehe ich aber auch nicht, warum man sich seine Zahnpasta unbedingt im Laden kaufen muss, wenn man sie genauso gut online bestellen kann. Unsere Nachbarskinder hingegen haben, als es wieder erlaubt war, sofort die Läden gestürmt. Und ich glaube nicht, dass die unbedingt noch eine Jeans brauchten. Sondern es geht ums Erlebnis. Der Laden ist für sie ein Kommunikationsort. Der Ursprung der Innenstädte war ja die Idee des Marktplatzes. Der Marktplatz war immer an einer Kreuzung. Und da wurden nicht nur Waren ausgetauscht, sondern Informationen und Kulturen begegneten sich. 

Entwurf für eine Kirche

Entwurf für ein Parkhaus

M.L.: Einkaufen ist eben nicht nur eine lästige Versorgungsangelegenheit, sondern ein Gesamterlebnis. Es sorgt dafür, dass die Leute sich im öffentlichen Raum aufhalten. Das Private geht ins Öffentliche, ein gesellschaftlicher Austausch im Echten entsteht. Im Postcorona verschwindet ein Teil dieser Möglichkeiten dauerhaft. Es bleiben  die attraktiven Geschäfte, in die ich gehe, weil ich das Haptische, das Sinnliche will. Umgekehrt sorgen Zalando und Amazon u. a. mit dem Verkauf von Retouren im stationären Warenhaus für dessen Renaissance. Nur die Bedienung des Warenhauses 2.0  funktioniert ganz anders. Der Warenkorb füllt sich auch im echten Kaufhaus der Zukunft virtuell, bezahlt wird automatisch beim Verlassen der neuen Welt.  Die Ware kommt noch vor dem Kunden zu Hause an. Zurück zu Ihrem Beispiel, dem  Schaufenster, an dem  ich im Vorbeigehen mit dem Handy einkaufe. Auch das ist Zukunft, echtes Window-Shopping eben, an 7 Tagen 24 Stunden. Beide Trends sind eine riesige Chance, die Leute in die Stadt zurückzuholen.

E.B.: Da wird mir kalt, wo bleibt die Befriedigung? Man nennt doch Kaufhäuser auch Konsum-Tempel. Tempel! Das ist ein Ort mit Bedeutung, in dem man Erfüllung sucht, und ich frage mich, wie so ein mit Bedeutung aufgeladener oder zumindest anregender Ort aussehen müsste. Mit Einkaufen würde ich das gar nicht unbedingt in Verbindung bringen. Ich stelle mir vor, dass das ein Haus ist, in dem es von unten nach oben immer ruhiger wird.  Im Erdgeschoss Spielplatz, Kletterwand, Turngeräte zur allseitigen Benutzung, Tanzfläche, Karaoke-Bereich. Im 1. OG Restaurants, Medienzentrum, Stadtarchiv. Im 2. OG eine offene Buchhandlung, Online-Gaming, Infostände, die gemietet werden können von Parteien, NGOs, Green Peace und wer sonst noch die Welt verbessern will. Ganz oben Leseflächen mit internationalen Zeitungen, Co Working-Plätze  und eine Anzahl kleiner, gleichgroßer Räume, die Religionsgemeinschaften als Gebetsräume zur Verfügung stehen. Im Keller: eine Bühne, z. B. für Poetry Slams, Kino, Nachtclub. Das Dach ist begrünt, im Sommer mit Bar. 

Entwurf für das Sky Office Düsseldorf

Entwurf für das Düsseldorfer Stadion

M.L.: Das ist ein Abbild von Stadtgesellschaft! Ein Kondensat dessen, was sonst über die Stadt verteilt ist, in der Vertikalen. Das würde Teilhabe und Austausch ermöglichen – gibt es so etwas schon?

E.B.: Nein. Ich könnte mir das aber auch in der Horizontalen vorstellen. Mit einem Anteil von mindestens 20 Prozent Wohnungen, Läden mit Waren, die man online nicht kaufen kann oder will, Räumen für Kunst, mietbaren Ständen, an denen jedermann für einen Tag seinen Privatkram feilbieten kann, also eine Art Ebay im Freien, 3D Druckshops, in denen die Leute sich ihre eigenen Waren ausdrucken können, Gewächshäusern, in denen es sogar im Winter blüht, eine Art Hyde Park Corner, wo reden darf, wer halbwegs nüchtern ist, eine Essensausgabe der Tafeln nach dem Vorbild der Pariser Madeleine. In den Baulücken urbane Landwirtschaft, so wie in New York, wo es über 700 städtische Farmen gibt. Oder wie in Detroit, wo ein ganzes Parkhaus zur vertikalen Farm umfunktioniert ist. Außerdem müsste man einen Designer beauftragen, Stühle zu entwerfen, die frei zusammenstellbar sind und trotzdem nicht geklaut werden können. Und ganz wichtig: Einen Vandalismus-Beauftragten.

M.L.: Bei allen Ihren wunderschönen Ideen bedarf es der Organisation und der Betreuung, die passiert nicht von alleine, und das heißt, es muss jemand da sein, der die Aufgaben  übernimmt.  Weil wir es ja mit der Organisation von Gesellschaft zu tun haben, ist es eine klassische kommunale Aufgabe. In vielen Städten wurde aber genau dieser Aufgabenkanon auf das Notwendigste reduziert. In Düsseldorf wird, so mein Eindruck, nicht einmal mehr die Straße gefegt. Da ist viel Veränderung notwendig, um das zu erreichen, was Sie beschreiben. Auch ich stelle mir so die lebenswerte Stadt vor. Wir müssen zudem  die Mobilität anders organisieren,  damit wir den notwendigen Platz bekommen, den wir für attraktive öffentliche Räume brauchen. Wenn wir uns weiterhin den Luxus leisten, das ganze Blech auf der Straße abzustellen, dann kommen wir nicht weiter.  Wir brauchen den Platz auf unseren Straßen für andere sinnvolle Ideen. Das stehende Blech muss weg von der Straße. Das fahrende Blech soll in Gottes Namen auch fahren, aber geparkt wird bitte nicht auf der Straße, sondern in Parkhäusern, in Tiefgaragen auch unter der Straße oder in leerstehenden Einzelhandelsflächen der Erdgeschosse. Warum kann ich den Strukturwandel nicht nutzen, um die Autos dort abzustellen? Wir haben festgestellt: Stadtgesellschaft lebt davon, dass man sich austauscht. Dafür braucht man Platz. Es braucht Orte, an denen man stehenbleiben kann. Es geht darum  Aufenthaltsqualität zu schaffen. Das sind stets kommunale Aufgaben. So schlimm das klingt, der Ruf nach Kommune und Staat, aber ich glaube, dass wir den Umbau der Städte  nicht anders hinbekommen. Den Privaten fehlt die Kraft und auch das Geld, um so etwas zu organisieren, wie Sie es beschrieben haben. Nicht nur das Haus der Gesellschaft, sondern auch das, was auf der horizontalen Ebene stattfindet. Das Leben in einer schönen Stadt braucht Wertschätzung und öffentliches Invest. Der Gewinn wäre die gesellschaftliche Rendite.

E.B.: Was ist zu tun? So wie es jetzt in der Krise gelaufen ist, hat man ja sehr deutlich gemerkt, wo die Prioritäten in der Politik liegen. Wenn das erreicht werden soll, was wir gerade beschrieben haben, und die Kommunalpolitik soll das in die Hand nehmen, dann sehe ich schwarz. 

M.L.: Das stimmt, aber es ist einer der Grundsätze eines jeden Stadtplaners: Den Mut darf man nie aufgeben.  Dafür haben wir Visionen und müssen gerade in der Stadtplanung die Politik davon überzeugen, mit Weitsicht am Guten zu arbeiten.

E.B.: Wobei zum Berufsbild des Politikers ja inzwischen weniger die visionäre Kraft gehört als die Fähigkeit, sich bei Shitstorms über Wasser zu halten. Vielleicht haben aber auch die Händler eine Verantwortung, ihren Laden so zu betreiben, dass für alle etwas Anregendes dabei herauskommt, und zwar nicht nur durch ein neues T-Shirt. 

M.L.: Der Laden ist ein dritter Ort. Diese dritten Orte spielen in unserem Denken eine sehr   wichtige Rolle. Privates wurde während der Pandemie gerade im letzten Sommer verstärkt ins Öffentliche, bspw. in die Parks, verlagert. Dort tauschten sich die Leute aus.  Nach dem Ende des Lockdowns wird dieser Ausstausch auch wieder mit dem Einkaufen verbunden. Händler tragen zur Lebendigkeit bei. Übrigens genauso wie Kultur, der Tourismus, Dienstleister und vor allem das Wohnen in der Stadt, dem Ort der Stadtgesellschaft.

E.B.: Die griechische  Polis war ja ohnehin ein Personenverband, der sich nicht primär über das Territorium definiert hat, sondern über seine Mitglieder.

M.L.: So ist das in unserem Idealtypus immer noch. Wenn Stadtplaner über die Zukunft der Stadt nachdenken, schaffen sie ein Bild. Mein Bild von Stadt zeigt eine bedeutungsvolle dichte Mitte, die bis zum Rand abnimmt und sich schließlich mit klarer Kante vom Land abgrenzt. In den Grenzen der Stadt wird produziert und konsumiert, gelebt und gestorben. Die Stadt ist vielfältig, gepflegt, konfliktfrei und vor allem schön.  An diesem Bild will ich als Stadtplaner unbedingt festhalten.

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