5 August 2020

Von einem, der auszog, um in Ghana von der Heimat zu singen

enkelson. steht auf seinem rechten Unterarm. Das Tattoo ließ der Sänger und Songwriter sich 2016 zur Existenzgründung stechen. Als Sohn Gerresheims schenkte er der Stadt einen eigenen Song, machte Heimatliebe alterslos. Dann lernte er Harriet Bruce-Annan aus Ghana kennen. Jahrelang hatte sie als Toilettenfrau im Einhorn und bei der Messe Düsseldorf gearbeitet, um Geld für ein Haus für Straßenkinder in Ghana zu sammeln. 2002 gründete sie den Hilfsverein „African Angel“. 2013 bekam sie für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz.

© Alexander Vejnovic, das-fotostudio-duesseldorf.de

Du bist der erste Schirmherr des Hilfsvereins „African Angel“.
Hat das zufälligerweise etwas mit Deiner Schirmmütze zu tun?

Könnte man meinen (lacht). In der Tat ziehe ich meine Kappe nur zum Duschen und Schwimmen aus. Selbst wenn ich zum Briefkasten gehe, gehe ich nicht ohne. Aber eigentlich war es so, dass ich in meinem Stammlokal in Pempelfort war und da kam Harriet mit einer Bekannten von mir herein. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und sie fragte mich, ob ich nicht Schirmherr für ihren Verein „African Angel“ werden möchte. Und da ich wissen wollte, worauf ich mich da einlasse, bin ich im Januar auf eigene Kosten für zehn Tage in die Hauptstadt Accra geflogen.

Ghana gehört nicht gerade zu den touristischen Urlaubszielen in Afrika, wo hast Du gewohnt in Accra? 

Gewohnt habe ich zusammen mit den Kindern in dem Haus. Das muss man sich ganz anders vorstellen als hier. Die Kinder bekommen Kleidung und Essen und die Stiftung zahlt das Schulgeld, das sehr teuer ist. Der Tag für die Kinder beginnt um vier oder halb fünf morgens. Mich haben sie Gott sein Dank bis neun Uhr schlafen lassen. Die Kinder machen alles selber, kümmern sich komplett um den Haushalt, sie kochen und vor der Schule wird gesungen, geklatscht und getanzt. 

War die Musik eine Brücke für Dich?

Auf jeden Fall. Die Kinder hatten sich mit Harriet auf Youtube meinen Song „Lionheart“ angesehen, den ich meinem Bruder gewidmet habe, und den für mich einstudiert. Ich war total gerührt und habe dann meine Ukulele rausgeholt, da waren wir gleich eine Community. Dann habe ich ihnen „Düsseldorf – mein Blumentopf“ vorgespielt, aber den Text haben sie natürlich nicht verstanden. Dann habe ich zusammen mit zwei Kindern den Songtext erst ins Englische übersetzt und dann in die Landessprache Twi. Das fanden sie toll und sie wollten wissen, wie es denn in Düsseldorf so ist. Würde mich das jemand unter normalen Umständen fragen, könnte ich ganz viel über Düsseldorf erzählen, über die Sehenswürdigkeiten, die Menschen, die rheinische Art. Aber in Ghana? Sollte ich etwa sagen, dass unser Wasser kalkhaltig ist? Dort in Ghana werden nur 60 Prozent der Menschen überhaupt mit Trinkwasser versorgt und auch das ist nicht mit unserem Leitungswasser vergleichbar. Ich habe es einmal aus Versehen getrunken, danach war mir sofort schlecht. In dem Haus gibt es keine Waschmaschine, gespült wird dort wie bei uns auf dem Campingplatz. Strom gibt es über eine Prepaidkarte. Ist die verbraucht, geht halt das Licht aus. Vier bis fünf Kinder teilen sich ein Handy. 

Oder sollte ich den Kindern erzählen, wie angespannt die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist? Die Kinder haben vorher in dem Slumviertel Bukom gewohnt. Geschlafen haben sie mit dem Kopf auf dem Bürgersteig, weil die Hütten zu klein für die ganze Familie sind. In dem Kinderhaus schlafen sie das erste Mal in ihrem Leben in einem Bett. Wenn sie in den Ferien ihre Familien besuchen, schlafen sie wieder mit dem Kopf auf dem Bürgersteig. Bei manchen Kindern merkt man auch, dass sie traumatisiert sind, aber die meisten sind eher cool und sehr dankbar. Nach diesem Gespräch habe ich erst einmal geheult und viel darüber nachgedacht, wie unfair es ist, dass es den Menschen dort so schlecht geht und uns hier so gut. Das hat viel mit mir gemacht, mit dem, was ich heute denke und fühle.

Was siehst Du heute anders?

Heute ist es für mich ein Luxus im Stau zu stehen, weil es in Ghana Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang noch nicht einmal bis ins nächste Dorf kommen. Manche haben auch noch nie einen Weißen gesehen, wie das Mädchen, das mich staunend am Arm anfasste und sich wunderte, dass ich keine Farbe abbekommen habe. Es ist ein Luxus, zur Schule zu gehen und dafür kein teures Schulgeld zahlen zu müssen. Unser Gesundheitssystem, unsere Demokratie, auch unsere Verwaltung, all das sehe ich heute anders. Versuche mal in Ghana, an einen Reisepass oder an einen Ausweis zu kommen. Dafür braucht man schon sehr viel Geld. 

Und Accra, wie ist es da?

Accra ist eine schöne Stadt, deren Wahrzeichen das „Black Star Gate“ ist, das Symbol für die ghanaische Unabhängigkeit. Und es gibt den Präsidentenpalast, der ist mehr als hochherrschaftlich. Aber direkt neben den schönsten Gebäuden grenzen Slums an, die jeder Beschreibung spotten. Und es herrscht das totale Chaos. Wir konnten uns mit dem Auto frei durch die Stadt bewegen, weil Harriet ein Auto mit einem Regierungskennzeichen von einem Freund organisiert hat, damit wird man bei den Straßenkontrollen einfach durchgewinkt. Korruption gibt es natürlich auch, aber nicht mit Geld, sondern mit Schokolade, Gummibärchen oder Stoffen. Das fängt schon am Flughafen an: Man sagt dem Beamten, dass man ihm extra Schokolade mitgebracht habe, das funktioniert. Was weniger gut funktioniert sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Straßen sind so schlecht, dass Busfahren wie Achterbahnfahren ist. Ich bin einmal zwei Stunden zu einem Gottesdienst mitgefahren, der dann dreieinhalb Stunden dauerte. Es wurde getanzt und es gab eine Band. Landschaftlich ist die Gegend wunderschön. Ich war mit Harriet im Nationalpark, wir sind über Hängebrücken in für mich schwindelerregender Höhe von Baum zu Baum gelaufen, haben uns verlaufen und waren plötzlich mitten im Dschungel. Irgendwann haben wir dann doch den Ausgang gefunden. Weiße habe ich in der ganzen Zeit nur zwei gesehen, vermutlich Flugbegleiter. Man kommt auch nicht so ohne weiteres nach Ghana. Man braucht ein Visum und eine Einladung. 

Wirst Du wieder hinfliegen nach Corona?

Mein nächster Besuch dort ist für Januar 2021 geplant. Bis dahin möchte ich als Schirmherr für „African Angel“ möglichst viele Spenden sammeln. Im Moment finanziere ich mich übrigens größtenteils auch von Spenden. Denn seitdem Corona alle Großveranstaltungen lahmgelegt hat, gebe ich Hinterhofkonzerte. Die sind zwar kostenfrei, aber es gibt immer Zuhörer, die mich per PayPal unterstützen. Harriet ist regelmäßig vor Ort und hat mittlerweile schon ein drittes Haus für die Kinder. Ich weiß jetzt auch, wie teuer dort alles ist. Die Kinder schreiben auf Einkaufszettel, was sie zum Essen brauchen und oft hat Harriet einfach nicht genug Geld für die Lebensmittel und sie müssen mit der Hälfte des Essens auskommen. Ich war selber einmal in Accra einkaufen, drei Paprika für sechs Euro. 

Du bietest auf Deiner Website www.enkelson.de Schlüsselanhänger mit Blutgruppe Gerresheim, Flingern usw. an. Ich warte noch auf den Anhänger Friedrichstadt. Wie wäre es mit einem Schlüsselanhänger „Blutgruppe African Angels by enkelson.“?

Den Anhänger Friedrichstadt wird es definitiv geben und über Deine Idee werde ich mal nachdenken. Mir ist es sehr wichtig, dass wir hier in Düsseldorf „African Angels“ weiter unterstützen. Harriet war übrigens in Ghana Programmiererin, in Düsseldorf hat sie 16 Stunden am Tag als Toilettenfrau gearbeitete, weil sie die 50 Cent-Stücke solange sparen wollte, bis sie ein Haus für Straßenkinder in Ghana bauen konnte. Weil sie so ein herzlicher und offener Mensch ist, erfuhren immer mehr Menschen von ihrem Projekt. Einige fanden die Idee so toll, dass sie ihr geholfen haben, den Verein zu gründen. Harriet hat mittlerweile drei Bücher geschrieben. Ihre Biografie „African Angel – Mit 50 Cent die Welt verändern“ kann auf der Website african-angel.de gegen eine Spende bestellt werden, ebenso wie ihre Bücher „Wie ein Stern am Horizont“ und „Schicksalswege starker Frauen“. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere Düsseldorfer jetzt vielleicht etwas spenden möchte.

Susan Tuchel

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