8 April 2021

Tango ist körperlich spürbare Kommunikation

Tango ist körperlich spürbare Kommunikation

 

Thorsten Zörner ist seit 18 Jahren hauptberuflicher Tango-Lehrer in Düsseldorf. In seinem Studio TangoSpezial in Düsseldorf Mörsenbroich unterrichtet er normalerweise Tango Argentino in Gruppenkursen, in freien Workshops oder in Einzelstunden. Für Paare, für Singles oder für Führungskräfte als spezielles Kommunikationstraining. Im Interview verriet er uns, was Tango und Kommunikation gemeinsam haben.

Woher stammt deine Leidenschaft für Tango?

Das ist eine lange Geschichte. Sie begann, als ich im Jahr 1997 zum Studium in die Niederlande, Nimwegen, ging. Dort wollte ich an der Uni in Mathematik und Informatik promovieren. Das hat dann leider nicht geklappt. Es war ein interdisziplinäres Projekt, das in zwei Gruppen unterteilt war und ich fühlte mich weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe zugehörig. Irgendwie klappte die Kommunikation nicht. Parallel habe ich direkt zu Anfang meines Studiums festgestellt: Moment mal, hier gibt es eine Tangoschule. Da bin ich dann hingegangen und entdeckte eine neue Art der Kommunikation. Es war körperlich fühlbar, was funktioniert und was nicht. Das heißt, ich habe manchmal Momente gehabt, in denen ich sagte, wir tanzen zwar Tango, aber es fühlt sich nicht gut an, wie kommt das? Heute könnte ich mir das erklären, damals noch nicht. Insofern hat Tango für mich dazu beigetragen, auf einer körperlichen Ebene herauszufinden, was gute Kommunikation ist. Nach dem misslungenen Promotionsstudium und meinem sehr gelungenen Start in den Tango merkte ich schnell: Irgendwie verstehe ich das mit dem Tango. Als ich gerade mal zwei Jahre tanzte, fragten die Leute mich, ob ich nicht unterrichten wollte. Das habe ich dann ca. ein halbes Jahr gemacht, witzigerweise zusammen mit meiner ersten Lehrerin, und es hat mir tierisch viel Spaß gemacht. Dann war meine Zeit in Holland zu Ende und ich habe einen Job bei einer IT-Beratung in Düsseldorf bekommen. Deshalb bin ich überhaupt hier gelandet. Nach eineinhalb Jahren war jedoch die Zusammenarbeit beendet. Man hat mich gefeuert. Aber sonst hätte ich meine Tangoschule wahrscheinlich nie gegründet. So kam die Frage auf, was mache ich denn jetzt? Zu dieser Zeit hatte ich einen Nachbarn, der ein absoluter Business Crack war. Den fragte ich um Rat. Gehe ich zur nächsten Unternehmensberatung? Gründe ich meine eigene Unternehmensberatung? Oder mache ich meine Tangoschule auf? Er antwortete: „Du musst unbedingt die Tangoschule machen.“ Und das war ein guter Ratschlag. Im Jahr 2003 eröffnete ich meine Tangoschule. Danach kam der große IT-Blasen-Knall.

Was ist Tango für dich?

Ich habe Tango als körperlich spürbare Kommunikation kennen gelernt. Viele Leute denken aber, ah ja Tango, das ist dieses Herumgezappel, Kopf hin- und herwerfen, alles ganz furchtbar starr usw. Das könnte man auch über Kommunikation denken. Man könnte denken, Kommunikation funktioniert dann, wenn alle ihre Muster erfüllen. Als ob ich ein Muster hätte, um den Tango zu tanzen. Der Witz ist jedoch, sich von diesen Mustern loszulösen und authentisch zu sein. Auch wenn es sich zunächst vielleicht komisch anfühlt oder noch nicht hundert Prozent stimmig ist, aber es kommt dahin. Das ist vielleicht das Besondere am Tango, dieser Tanz erlaubt das. Er fordert das geradezu, was auf der körperlichen Ebene zu großer Entspannung führt. 

Wie vermittelst du Tango? Was ist dein Konzept?

Damit könnte ich bestimmt Seiten oder Bücher füllen. Ich denke, was immer wir lernen, wir können immer nur das verinnerlichen, was wir wirklich verstanden haben. Alles gleichzeitig lernen geht nicht, wir lernen also häppchenweise, und das, was wir darüber denken und fühlen, bestimmt, was passiert, besonders wenn es um Bewegung geht. Das kann man sich jeden Tag auf dem Golfplatz, Tennisplatz oder eben auch in Tanzschulen ansehen. Dabei ist auch die Frage, was korrigiere ich bei meinen Schülern und Schülerinnen. Viele Lehrer denken, sie müssten jetzt eigentlich diese Bewegung korrigieren, aber ich finde das nicht richtig.
Denn die Bewegung beginnt ja schon mit der Idee, die ich darüber habe. Da setze ich an und sage, deine Bewegung sieht so aus, als hättest du diese Idee gehabt. Probier doch mal diese Idee. Ich halte dieses Vorgehen für das Natürlichste der Welt, aber ich treffe das nicht sehr häufig an. Also nicht bei anderen Tangolehrern und praktisch bei nur ein oder zwei von zehn Golflehrern, die ich in den letzten Jahren kennen gelernt habe. Golf ist ein bisschen mein Referenzobjekt, wenn es um Lernen lernen geht. Da gibt es viele Parallelen. Es wird alles sehr kompliziert wahrgenommen, aber wenn du einen perfekten Schlag gemacht hast, ist das ein Gefühl von Leichtigkeit und Einfachheit und auch eine Art von Freiheit im Kopf. Bei Tango sehe ich das sehr ähnlich. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist, dass viele Leute bereits eine genaue Vorstellung im Kopf haben, wenn sie Tango hören. Sie denken vielleicht an Netzstrümpfe, die klassische Nelke im Mund, den schief aufgesetzten Compadrito Hut und an irgendetwas Zackiges. Es gibt auch so eine Art von Tango, aber es ist nicht der Argentinische Tango, sondern der Standard Tango. Vor zwei Jahren unterrichtete ich ein Paar, das ansonsten bundesweit auf Tanzwettbewerben im Standardtanz unterwegs war. Die beiden hatten schon mal in den Argentinischen Tango reingeschnuppert. Ich konnte denen nicht genug sagen, wo sie überall lockerlassen könnten. Dieses Zackige aus dem Standardtanz erfordert, dass sie alles in ihrem Körper anspannen. Aber dieses Konzept von Führen und Folgen, das wir im Argentinischen Tango haben, fordert, dass wir locker und entspannt sind, sonst sind wir nicht offen. 

Was ist der Unterschied zwischen Tango und Milonga?

Milonga ist der ältere Tanz. Man kann sich vorstellen, dass Anfang des letzten Jahrhunderts viele Menschen aus Europa nach Argentinien ausgewandert sind, auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und nach einem besseren Leben. Sie nehmen ihre Kultur und ihre Musik mit und finden ein Klima vor, das ähnlich wie zu Hause ist. Das Leben spielt sich also draußen ab, man trifft sich draußen, es wird draußen getanzt, auf der Straße, auf den Plätzen. Was sind ihre Tänze? Tarantella zum Beispiel, ein schneller Tanz, der von den Italienern auf der Straße getanzt wird. In Argentinien wird daraus die Milonga. Und dann gibt es einen Übergang, mit dem auch die Stummfilm-Kinos etwas zu tun haben. In den klassischen Stummfilmkinos sitzt meist jemand an der Orgel und in Argentinien ist das dann auch irgendwann mal ein Tango-Orchester. Plötzlich finden die Leute das Tango-Orchester besser als den Film und gehen dorthin, um zu tanzen. Dann kommt der Tanz auf einmal von der Straße in den Saal und wird etwas gesetzter, das Tempo ist nur noch halb so schnell und die Schritte werden komplizierter. Aber das geht ja auch, weil sie ja nicht mehr auf Asphalt oder Kopfsteinpflaster tanzen, sondern auf Holzboden. So in etwa kann man sich vorstellen, wie aus der Milonga der Tango wird.

Aber Milongas heißen auch die Tanz-Veranstaltungen, zu denen man geht?

Milonga gibt es als Tanz, also der schnelle Tanz im 2/4 oder 4/4 Takt oder als Veranstaltung. Also, ich gehe zu einer Milonga. Das ist eine ungezwungene Tanzveranstaltung, also kein Ball oder keine Gala. Eine Milonga ist so, ich habe bis spät gearbeitet und jetzt gehe ich noch schnell bei der Milonga vorbei. Ein bisschen wie die Eckkneipe. Auf einer Milonga tanzt man typischerweise die meiste Zeit Tango und ab und zu Milonga oder auch Walzer. 

Über Tango Argentino 

Tango ist sowohl ein Gesellschaftstanz als auch ein Musikstil. Tango Argentino, seltener Rioplatense, stammt aus den großen Städten an der Mündung des Rio de la Plata: Montevideo in Uruguay und Buenos Aires in Argentinien. Die musikalischen Wurzeln des Tango Argentino befinden sich in Europa, der Karibik und Afrika. Über die Jahrzehnte schwappt der Tango Argentino immer wieder hin und her zwischen Südamerika und Europa, manchmal auch Nordamerika, entwickelt sich dabei weiter und befruchtet auch andere Musikstile wie etwa Jazz.

Andere Arten Tango entstehen derweil in Europa, die marschähnlich anmutet wie z. B. in Deutschland und England oder die die Richtung der Volksmusik einschlagen wie in Finnland. 

Zentral für den argentinischen Tango ist die Umarmung, el abrazo, von der es Variationen gibt: Eine offenere Umarmung empfiehlt sich für den Anfang, wenn das Gefühl für Achse und Kontakt noch mehr Spielraum für Fehler gebrauchen kann. Dennoch wird etwa in Argentinien sofort mit der geschlosseneren Haltung begonnen, bei der die Tanzenden direkten Kontakt mit den Oberkörpern etablieren und halten. Bemerkenswerterweise ist dieser engere Kontakt – mit etwas Übung – keine wirkliche Einschränkung, sondern eine unglaubliche Bereicherung der Tanzerfahrung. Das liegt vor allem am Improvisationscharakter des Tango Argentino.

Argentinischer Tangotanz ist improvisiert, d. h. der Tanz entsteht im Moment, ist immer wieder neu und wird geführt und gefolgt. Damit gleicht er menschlicher Sprache und Kommunikation. Tango ist also Körpersprache ohne Worte. Natürlich werden bestimmte “Worte” der Körpersprache häufiger “gesprochen” als andere. Dennoch sollte man eine Sprache nicht durch das Aufsagen von immer gleichen Gedichten (“Grundschritten”) erlernen, sondern durch Babysprache. Die Babysprache des Tangos ist das gemeinsame Gehen, caminar. Mit Zeit, Übung und guter Anleitung entstehen daraus weitere Elemente. Viele Tangoerfahrene bevorzugen später übrigens wieder die große Einfachheit des Gehens – nachdem sie scheinbar alle anderen Möglichkeiten kennengelernt haben. Weil niemand wissen kann, was als nächstes im Tanz passiert, ist jederzeit besondere Aufmerksamkeit und Deutlichkeit geboten – sowohl bei Führenden als auch bei Folgenden. Gleichermaßen erfordert der Tangotanz auch Loslassen und Fließenlassen. In vielen Dingen rund um Tango gilt es also eine Balance zu finden. Thorsten Zörner

Wie lange braucht man denn, bis man Tango gut tanzen kann?

Was heißt gut tanzen? Jeder wird mit einem ganz unterschiedlichen Anspruch darangehen. Ich habe schon erlebt, dass Leute sagen: Ich muss aber erst 50 Schritte können, dann kann ich zur Milonga gehen, was ich aber furchtbar finde. Was sind denn Schritte Bitteschön? Die Anforderung, um tanzen gehen zu können, hat vielmehr damit zu tun, ob ich es mir selbst zutraue, ob ich mir zutraue in jeder Situation etwas zu machen, was mich sozusagen in meiner Balance, in meiner Mitte hält. Kann ich es mir erlauben bei einer Milonga mit einem Menschen, den ich wo-
möglich gar nicht kenne, einfach nur zu gehen und wieder anzuhalten und wieder zu gehen? Bin ich cool genug, das zu machen? Viele Leute werden das verneinen und sagen, aber ich muss doch diese Figur und diese Figur und diese Figur können. 

Als DJ ist Thorsten Zörner von Freinsheim in der Pfalz bis Lemberg in der  Ukraine sehr gefragt. 

Was war dein schönstes Tango-Erlebnis?

Es gibt nicht das beste Essen, würde ich sagen, aber es gibt eine Top Ten und so ist das bei Tango auch. Also da gibt es einige Top- Erlebnisse und wenn ich jetzt zu hart darüber nachdenke, fange ich wahrscheinlich an zu weinen. Ein Meilenstein war sicherlich eine meiner ersten Tango-Reisen zu einer Tangoschule nach Brüssel. Das Verrückte ist, dass ich gestern erst gelesen habe, dass diese Schule nach 25 Jahren zumachen muss und ich war genau einmal dort. Es ist also keine besondere Verbindung, aber es war ein besonderer Moment. Ich habe dort mit einer Frau getanzt, die ich noch nicht kannte und es hat sich herausgestellt, dass sie eine der Top-Lehrerinnen aus Brüssel ist. Ich fahre auch noch heute manchmal zu Workshops von ihr, um etwas zu lernen. Ein weiteres Highlight ist das Tango-Festival in Oldenburg – das gibt es auch schon nicht mehr. Tolle Tangoschule auch in Oldenburg, ich komme ja ursprünglich aus Bremen. Da hatte ich ein ähnliches Erlebnis, das auch mit einer Frau verbunden war. Es ist eben dieser besondere Kontakt beim Tango.

Alexandra von Hirschfeld

Online-Führungskräftetraining mit Tango 

In Zeiten von Home-Office und Online-Meetings bekommt Kommunikationsfähigkeit eine besonders hohe Bedeutung. Thorsten Zörner vom TangoSpezial in Düsseldorf bietet dazu ein besonderes Online-Training an, in dem er seine Erkenntnisse über den argentinischen Tango für die Businesswelt übersetzt. Spielerisch erfahren die Teilnehmenden ein neues Gefühl für die eigene Präsenz und für interpersonelle Kommunikation. Später kann das Training leibhaftig vertieft werden.

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