6 Oktober 2021

Ein Drama mit mehr als drei Akten

Ein Drama mit mehr als drei Akten

Wirecard? Ach ja, das war ja dieser Crash im letzten Sommer, bei dem fast 25 Mrd. Euro verbrannt wurden. Schnee von gestern? Keineswegs. Stand September bleibt Ex-Wirecard-CEO Markus Braun vorerst in Untersuchungshaft. In einem Gastbeitrag erklärt Frank Lehrbass, Professor für Finance und Data Science an der FOM Düsseldorf, was man aus der „Causa Wirecard“ lernen kann und welche Konsequenzen sich für Anleger ergeben. 

Nicht nur Aktieninvestoren, sondern auch die breite Öffentlichkeit verfolgt seit dem Sommer 2020 das Wirtschaftsdrama „der Fall Wirecard“. Auch wenn das Drama in den Medien mittlerweile nur noch selten „aufgeführt“ wird, lohnt sich eine Analyse dessen, was sich vor über einem Jahr auf dem Aktienmarkt abspielte.

Der erste Akt endete am Tag vor der Veröffentlichung des KPMG Prüfberichts am 27.04.2020. Bereits vor diesem Zeitpunkt fiel Wirecard als besonderer Zahlungsdienstleister auf. Erklärungsfaktoren wie die Renditen von Unternehmen aus der Peer Group der Zahlungsdienstleister, die z. B. bei Mastercard und Visa über 70 Prozent der Kursbewegungen der letzten neun Jahre erklären, haben bei Wirecard nie funktioniert. Die Aktienkursbewegungen wurden in erster Linie durch Nachrichten getrieben. Bad news sorgten für Kursabfälle in zweistelliger Prozenthöhe, good news ließen den Kurs um einstellige Werte nach oben klettern. 

Prof. Dr. Frank Lehrbass 

Prof. Dr. Frank Lehrbass ist seit 2015 Professor an der FOM Hochschule. Sein Lehr- und Forschungsgebiet sind Finance & Data Science. Er ist Inhaber der L*PARC Unternehmensberatung. Er berät Unternehmen aus Industrie, Handel und dem Finanzsektor bei der Analyse von Markt- und Unternehmensdaten sowie beim Management und der Modellierung von Marktpreis-, Kredit-, Liquiditäts-, operationellen und strategischen Risiken. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung außerhalb der Hochschule und beim Einsatz von quantitativen Methoden im Investment Banking und Commodity Trading. Er studierte an den Universitäten Bonn, Mannheim, Dortmund und Johns Hopkins (Baltimore, MD, U.S.A.).

1. Lektion:

Aktien wie Wirecard sind nur etwas für mächtige Investoren

Für Investoren, die diesen Nachrichtenfluss beeinflussen können (z. B. Elon Musk bei Bitcoins), ist eine Positionsnahme durchaus sinnvoll. Dass Markus Braun, der CEO von Wirecard, viele Jahre gekauft und kurz vor Schluss verkauft hat, war für ihn durchaus rational. Anleger, die reine Nachrichtenkonsumenten sind, sollten eher nicht auf einzelne Titel spekulieren.

Der zweite Akt begann mit der Veröffentlichung des Berichts von KPMG, der zu einem Kurseinbruch von 25 Prozent führte. Es wurde offenkundig, dass Wirecard selbst Minimalanforderungen des Vereinswesens verletzt hat wie z. B. fehlende Vorstandsprotokolle. Man muss also noch nicht einmal die Maßstäbe wie bei DAX-Unternehmen anlegen, um überrascht zu sein. Diese Überraschung steigert sich zum Erschrecken, weil es selbst KPMG nicht gelang, das Geschäft von Wirecard in Gänze nachzuvollziehen. Am 20.06.2020 verweigerte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY das Testat für den Jahresabschluss 2019. Damit war der letzte Akt eröffnet, der mit dem Beginn des Insolvenzverfahrens am 29. Juni endete. 

2. Lektion: 

Privatanleger sollten breit gestreut investieren

Privatanleger sollten eher auf Exchange Traded Funds, die so genannten ETFs, setzen. Die Vorstellung, dass man in seiner Freizeit die Kirschen im „stock picking“ einfach so vom Aktienbaum pflücken kann, ist eine Illusion. Wie schwierig es ist, das dafür notwendige Verständnis einer einzelnen Firma zu erlangen, zeigt der Bericht von KPMG.

3. Lektion: 

Im Ernstfall hilft auch der Staat nicht

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat mit ihrem Leerverkaufsverbot ein falsches Signal in die Aktienmärkte gesendet. Ergo kann man sich als Anleger auch nicht auf einen vermeintlichen Wissensvorsprung staatlicher Stellen verlassen. Jeder bleibt also seines Glückes Schmied. Diejenigen, die die Machenschaften von Wirecard durchschaut hatten, waren die Hedge Fonds. Die dafür notwendige Analysearbeit ist hart und eine Vollzeitbeschäftigung. Das gilt auch für die Fachjournalisten, die sich kritisch zu Wirecard geäußert haben. Die Wetten der Hedge Fonds gegen Wirecard, sogenannte Leerkäufe oder short sellings, sorgen normalerweise dafür, dass der Aktienmarkt wachgerüttelt wird. Dadurch wird dann auch den übrigen Anlegern ein Signal gegeben. Die BaFin hatte diese Leerverkäufe jedoch zeitweise untersagt, um Wirecard zu schützen. Zudem hatte die BaFin die Journalisten angezeigt. Die Expertengruppen für die Aufdeckung von Kartenhäusern wurden somit in ihrer Arbeit behindert.

Man mag aufgrund der Historie bereits vorsichtig gewesen sein, was die Kompetenzzuschreibung Richtung BaFin betrifft. Jedoch herrschte bislang die Vermutung, dass die Gilde der Wirtschaftsprüfer durchaus fähig ist, Informationsasymmetrien zugunsten der Anleger abzubauen. An allererster Stelle ist der langjährige Wirtschaftsprüfer von Wirecard zu nennen, der mit seinen Prüfungen das Ziel verfolgte, hinreichende Sicherheit darüber zu erlangen, dass der Jahresabschluss frei von wesentlichen, falschen Darstellungen ist. Ernst & Young (EY) hat jahrelang testiert und damit dem Markt grünes Licht signalisiert. Wie bei kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit hätte EY dem Motto „follow the money“ hartnäckiger folgen können. Die Überprüfung des Asiengeschäfts wäre vermutlich intensiver gewesen. Es bedurfte der forensischen Prüfung von KPMG, um das dortige Kartenhaus ins Wanken zu bringen. Ein forensischer Charakter auch bei den normalen Prüfungen könnte sich somit als hilfreich erweisen. Deutlich wird somit, wie wichtig eine Kontrolle der Wirtschaftsprüfung ist.

Die von der Politik avisierte Erhöhung der Haftungsbeschränkung von aktuell 4 Mio. Euro nach § 323 Abs. 2 S. 2 HGB für den Fall der Fahrlässigkeit könnte ein Anreiz sein, genauer hinzuschauen. Bei Wirecard hat sich eine Marktkapitalisierung von in der Spitze fast 25 Mrd. Euro in Luft aufgelöst. Dies verdeutlicht die Dimension der Verantwortung der Wirtschaftsprüfer, auf deren Urteil Investoren vertrauen.

4. Lektion: 

Wirtschaftsprüfer haben eine (zu) gute Lobby

Wirtschaftsprüfer haben den Dreh durch geschickte Lobbytätigkeit raus, wie sie die Risiken des eigenen Berufsstandes massiv begrenzen können. Vergleicht man diesen Berufsstand zum Beispiel mit dem der freiberuflichen Hebammen, wird deutlich: Bei den Hebammen besteht vermutlich wegen nicht so geschickter Lobbyarbeit eine solche Haftungsbeschränkung nicht. Die Folge sind sehr hohe Versicherungsprämien für den Berufsstand, deren Höhe in vielen Fällen zur Aufgabe der Freiberuflichkeit führt. 

5. Lektion: 

Wahrnehmungs- und Kontrollmechanismen überprüfen

Die Medien, die selbst keine Recherche betrieben haben, haben das „Hosianna und kreuzigt ihn“ mitgemacht. Wirecard und sein CEO Markus Braun wurden lange Jahre hochgejubelt. Unsere Sehnsucht nach Märchen scheint ungestillt und die Rollenverteilung war klar: Die Bösen sind die Hedge Fonds und die Journalisten der Financial Times, die ein zum DAX Konzern aufgestiegenes, ursprünglich mittelständisches Technologieunternehmen attackieren und bewusst die Märkte manipulieren. Dass das manipulative Spiel auch von deutscher Unternehmensseite gespielt werden kann, ist nun deutlich geworden. An kritischen Kontrollinstanzen führt aus Gründen des Selbstschutzes kein Weg vorbei. Beim Unternehmen selbst sind eine gute Corporate Governance sowie insbesondere unabhängige Aufsichtsräte zentral. Die Umwelt des Unternehmens muss aufnahmefähig für kritische Botschaften sein. Dazu gehört die Freiheit der Presse oder die Möglichkeit mit Short Positionen eine negative Überzeugung zum Ausdruck zu bringen. Letzteres stiftet zudem den wirtschaftlichen Anreiz, nach „faulen Eiern“ Ausschau zu halten. Auf Short Strategien spezialisierte Hedge Fonds wollen Geld auf Basis ihrer Analysen verdienen. Fehlurteile werden dementsprechend teuer. Eine Verlustbegrenzung wie bei den Wirtschaftsprüfern gibt es hier nicht.

„Der Fall Wirecard: Ein Drama mit mehr als drei Akten“ (mit F. Toksoy / F. Wörndl), in: Behzad Karami et al. (Hrsg.), Skandalfall Wirecard: Eine wissenschaftlich-fundierte interdisziplinäre Analyse: Problemaufriss – Rechtsrahmen – Lehren für die Zukunft.  In Bearbeitung. Berlin: Springer 2021.

Frank Lehrbass

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